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3 (1896) Anhang
Entstehung
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Nägele. Gern ſaß er in unſerm Garten und erquickte ſich an der wirklich romantiſchen Ausſicht. Vor der Bank, auf welcher er zu ruhen pflegte, breitete ſich ein friſcher Raſenplatz aus, und in der Mitte blühte gerade ein Roſen⸗ ſtock von ungewöhnlicher Höhe und Fülle. An dieſem Roſenbäumchen hatte er viel Vergnügen. Etwa vierzehn Tage nach ſeiner Ankunft erhielt er eine Aufforderung von der Großherzogin Stephanie,) nach Mannheim zu kommen, um ſie mit ihrer kleinen Tochter zu malen, und er glaubte ſich wohl genug, dieſer Aufforderung genügen zu können. So wurde denn in Mannheim ein paſſendes Quartier gemietet, und die Eltern reiſten heiter dahin ab. Die erſten Nachrichten lauteten erwünſcht. Der Vater hatte beide Porträts angefangen und arbeitete mit Luſt, vollendete auch faſt das ſehr ähnlich gewordene Bild der Großherzogin;

dann aber erkrankte er nach drei Wochen wieder ſehr bedenk⸗

lich und verlangte mit ſolcher Ungeduld nach Heidelberg zurück, daß die kleine Fahrt gewagt werden mußte. Er

fühle ſich ſeinem Ziele nah, ſagte er der Mutter, wolle aber gern in Heidelberg ſterben, und ſo kam er dem Tode

nahe wieder bei uns an. Es war ein herzzerreißendes Wieder⸗ ſehen. Der Vater ſelbſt ſchien ruhiger und gefaßter als ich.

Noch einmal faßten wir Hoffnung, als der liebe Kranke nach einigen Ruhetagen wieder Kraft zu gewinnen ſchien und das Bett verlaſſen durfte. An einem ſchönen, ſonnigen Mittag wünſchte er von mir in den Garten ge⸗ führt zu werden, auf ſein Lieblingsplätzchen. Dort unter⸗ hielt er ſich lange mit mir, und nie werde ich dies Geſpräch vergeſſen, worin es ſich erwies, daß er, ohne alle Täuſchung über dieſe momentane Beſſerung, vollkommen bereit war, ruhig und ergeben zum Herrn einzugehn. Er konnte es; war er auch nicht frei von Schwächen und Fehlern, wie alle Menſchen an ſich erkennen müſſen, ſo hatte er doch vorſätzlich nur das Gute gethan, der Not ſeiner armen Mitbrüder abgeholfen, niemals wiſſentlich jemand gekränkt

und ſtets nach einem höheren Ziele geſtrebt. Am Abend

dieſes mir unvergeßlichen Tages legte er ſich nieder, um nicht wieder aufzuſtehen. Die Bruſtwaſſerſucht, zu der ſein übel ſich allmählich geſtaltete, machte plötzlich reißende Fortſchritte, und ſeine Leiden während acht Tagen waren furchtbar. Sie wechſelten ab mit einem ſchmerzloſen Fieber⸗

¹) Stephanie, Großherzogin von Baden(1789 1860), Tochter des Grafen Claude de Beauharnais, eines Vetters von Kaiſerin Joſephinens erſtem Gemahl, heiratete, von Napoleon adoptiert, 1806 den Erbgroßherzog Karl Ludwig, der 1811 18 regierte. Ihre älteſte Tochter Luiſe Amalie Stephanie, geb. 5. Juni 1811, 1830 mit Prinz Guſtav Waſa vermählt, von dem ſie 1844 geſchieden wurde, ſtarb 1854.

zuſtand, wo er ſtets phantaſierte und viel in Gedanken malte. Das unfertige Paſtellbild der kleinen Prinzeſſin ſchien ihn ſehr zu beſchäftigen, er forderte es einmal und deutete mit dem Finger die noch zu vollendenden Stellen an.

In den zwei letzten Tagen ſeines Lebens nahmen die Beklemmungen zu. Bisher hatte die Mutter faſt alle Nächte bei ihm gewacht, aber am Vorabend ſeines Todes beredete ich ſie, ſich die erſten Stunden der Nacht etwas Ruhe zu gönnen, und blieb ſelbſt bei dem Vater. Er lag meiſt bewußtlos, ſchien aber keine Schmerzen mehr zu haben. Gegen Morgen kehrte ihm einige Beſinnung zurück; er ſah ruhig aus, ſprach nur wenige Worte, zeigte ſich aber ſehr freundlich gegen mich und fragte, was mir auffiel, nicht nach der Mutter. Als dieſe endlich erwachte und ich ihr Bericht über die Nacht abſtattete, wollte ſie noch immer nicht begreifen, daß der letzte Augenblick des Vaters un⸗ abweisbar nahe ſei. Gewohnt, ihn oft bis zum Tode krank

und dann ſich plötzlich wieder erholen zu ſehn, glaubte ſie

auch jetzt noch an die Möglichkeit des letzteren Falls. Kinder, ſagte ſie,er erholt ſich doch wieder, glaubt mir. Als ſie aber an ſein Lager trat, ließ ſie bei dem erſten Blick auf des lieben Kranken ſchon vom Tode berührten Züge dieſe täuſchende Hoffnung fahren. Der Vater ſchien ſie nicht mehr zu erkennen, wie denn überhaupt ſein Bewußt⸗ ſein allmählich ganz ſchwand. Der alte, gute Dr. Mai,

deſſen Schwiegerſohn Nägele, unſere Freunde Thibaut und die beiden Boiſſerée brachten abwechſelnd die Stunden dieſes betrübten Tages bei uns zu. Am Nachmittag brachte

ich meine Kinder noch einmal an das Sterbebett ihres Groß⸗ vaters und legte deſſen erkaltende Hände zum letzten Segen auf beider liebe Häupter. Der Vater begann ſchon zu röcheln, was mich mit Jammer erfüllte, und oft mußten die Ärzte, um mich zu beruhigen, mir verſichern, daß der Sterbende ſelbſt dabei nichts empfinde und leide. Seine Agonie dauerte lange, zuletzt ſchickte mein Mann mich und die Mutter fort in ein anderes Zimmer und blieb allein mit Nägele und Thibaut bis zum letzten Atemzug des lieben Vaters. Mir und der Mutter leiſteten unſere treuen Freunde Boiſſerée Geſellſchaft. Es war eine feier⸗ liche Nacht. Nur einen Troſt giebt es in ſolchen Augen⸗ blicken, gläubige Hoffnung einer Wiedervereinigung vor Gottes Thron mit den Geliebten, von welchen auf Erden uns der Tod ſcheidet.

Endlich, kurz vor Mitternacht, kamen mein Mann und Thibaut zu uns; es war vorbei, der Vater eingegangen zur ewigen Ruhe. Es war am 21. Juni 1812. Auf dem proteſtantiſchen Kirchhofe in Heidelberg wurde mein lieber Vater beſtattet.

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