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3 (1896) Anhang
Entstehung
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Bis Weißenfels ſollte ich mit Zimmer reiſen, dort aber bei der Großmutter meines Schwagers Wilhelm Kunze einkehren und einen Tag ausruhen. Wetter und Wege waren ſchlecht, und ſo kamen wir erſt um Mitternacht in Weißenfels an. Wie wir uns dem Hauſe näherten, ſtrahlte uns heller Fackelglanz entgegen, und als der Wagen hielt, ſtand an der Spitze der Fackelträger mein guter Vater ſelbſt, feſtlich gekleidet. Er war der erſte am Wagen und hob mich ſelbſt heraus. In den anderen Fackelträgern er⸗ kannte ich Schwager Wilhelm, meinen Bruder Karl und meinen lieben, werten Freund Limburger aus Leipzig. Solche Eindrücke verwiſchen ſich nicht. Reſultat dieſer Reiſe war Sophiens Geneſung.

Im Jahre 1811 hatte der Vater ſehr ernſtliche Krankheitsanfälle; mit dem Frühling aber beſſerte es ſich, und er konnte eine Reiſe nach Frankfurt a. M. unter⸗ nehmen, wo ihn viel Beſchäftigung erwartete. Von dort kam er zu uns nach Heidelberg, und es war mir eine liebe Aufgabe, ihm den Aufenthalt bei uns ſo angenehm und bequem als möglich zu machen. Mein Mann zeigte das⸗ ſelbe Beſtreben, und ſo brachte der Vater zwei Monate bei uns zu, von denen er ſpäter ſelbſt ſagte, er rechne ſie zu den genußreichſten ſeines Lebens.

Merkwürdig war die Art, wie er mich als Frau be⸗ handelte. Jeden kindlichen Dienſt, den ich ihm ſo gern leiſtete, nahm er zwar liebevoll, aber doch mit einiger Peinlichkeit auf, als ob ſich dies nicht mehr ſo recht ſchicken wolle. Kam ich des Morgens in ſein Zimmer, wo er gern allein frühſtückte, ſo mußte ich immer Entſchuldi⸗ gungen hören, daß er noch im Schlafrock und Pantoffeln ſei; um keinen Preis aber wäre er in meine Stube oder zu Tiſch im Schlafrock gekommen. Dieſe Förnlichkeit abgerechnet, welche nun einmal mit ihm verwachſen war, gab es nichts Herzlicheres als ſein Benehmen. Er ſchlief regelmäßig alle Nachmittage, und ſein Bedienter hatte Be⸗ fehl, ihn zu einer beſtimmten Stunde pünktlich zu wecken. Eines Tages fiel es mir ein, dies ſelbſt zu thun. Ich nahte mich alſo leiſe und vorſichtig dem guten Vater und drückte einen leichten Kuß auf ſeine Stirn. Mit der größten Heftigkeit auffahren und mir eine Ohrfeige geben war das Werk eines Augenblicks, und ich hätte Ähnliches voraus⸗ ſehen können. Denn Störungen im Schlaf wirkten jedes⸗ mal heftig erregend auf ſeine Nerven. Sein Erſchrecken, indem er ſich beſann und mich erkannte, war unbeſchreiblich, und es gehörten von meiner Seite die flehentlichſten Bitten dazu, um ihn über dieſen Vorfall zu beruhigen.

Auch in Heidelberg fand ſich Beſchäftigung für ihn. Er malte mehrere Porträts, unter anderen den alten Voß

Das glückliche

mit ſeiner ehrwürdigen Erneſtine. Dieſe Porträts, ſo gut ſie ihm auch gelangen, malte er nur mit Widerſtreben. Der Phyſiognomie des berühmten Dichters konnte er durch⸗ aus keine poetiſche Seite abgewinnen, und die liebe Mutter Voß war bei all ihrer ſonſtigen Trefflichkeit ungewöhnlich häßlich. Sein verdrießliches Ausſehen während der Sit⸗ zungen, ſeine komiſchen Ausrufungen nachher, wie nur der liebe Gott ſolche Geſichter dem Künſtler zur Pein habe er ſchaffen können, beluſtigten uns ſehr. Und nun gar die Toilette der alten Dame, ihre Haube, ihr ſteifes Halstuch! alle Künſte des Verſchönerungsſyſtems meines Vaters reichten hier nicht aus. Bei einer ſolchen Sitzung erzählte Voß mit angenehmem Selbſtgefühl, wie ſein Gedicht Luiſe eigentlich ein Familiengemälde ſei. In dem ehrwürdigen Pfarrherrn und deſſen Gattin habe er ſeine eigenen Schwieger⸗ eltern, im edlen, beſcheidenen Walter ſich ſelbſt, in der lieb⸗ lichen, ſchönen Luiſe ſeine Erneſtine geſchildert. Des guten Vaters Geſicht und Mienenſpiel während dieſer Expoſition war merkwürdig. Ich mußte hinausgehn, um mich recht ſatt zu lachen. Jenes Gedicht war immer eine Lieblings⸗ lektüre des Vaters geweſen. Von dieſer Stunde an aber, verſicherte er, würde es ihm unmöglich ſein, es je wieder zu leſen. Der bloße Gedanke an die eben vernommene Er⸗ läuterung verderbe ihm ſchon die Phantaſie.

Des Vaters Wohlbefinden bei uns ließ eine gänzliche Wiederherſtellung ſeiner Geſundheit hoffen. Leider aber ſahen wir uns ſchmerzlich getäuſcht. Denn in dem folgenden Winter kehrten ſeine Beſchwerden ſtärker als je zurück und nahmen einen ſehr bedenklichen Charakter an.

Im Jahre 1812 entſtand der lebhafte Wunſch in ihm, noch einmal eine Reiſe nach Heidelberg zu machen, und der Arzt, obwohl er davon nichts für die Geſundheit des Vaters hoffte, geſtattete ſie ihm.

Wir hatten kurz zuvor ein am Karlsplatz belegenes Haus gekauft, nebſt einem Garten, der eine herrliche Aus⸗ ſicht auf das alte ehrwürdige Schloß gewährte.

Als die Eltern bei uns mit dem vierzehnjährigen Karl ankamen, bekümmerte mich in tiefſter Seele des Vaters ſichtliche Schwäche; er entſtieg nur mühſam dem Wagen und hatte ein bleiches, verfallenes Ausſehen. Ich fühlte, hier war keine Hoffnung mehr. Seltſam war es, daß die Mutter an die Gefährlichkeit von des Vaters Zu⸗ ſtand keinen rechten Glauben hatte. Auch ſchien es, als erhole er ſich etwas unter der ärztlichen Behandlung des alten trefflichen Dr. Maiu) und deſſen Schwiegerſohns, Dr.

¹) Über Franz Anton Mai(1742 1814) und Franz Karl Nägele(1777 1851) ſ. d. Allg. D. Biogr. u. Hirſch, Biogr. Lexik. hervorragender Arzte.