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Auch unterrichtete der Vater die Töchter der Kaiſerin⸗ Mutter'“) im Zeichnen. Längere Zeit brachte der Vater auf Einladung der regierenden Kaiſerin) in Zarskoje Selo zu, um dort die Kaiſerin und ihre kleine Tochter zu malen. Das Kind konnte ſich an ſeine finſteren Augen⸗ brauen nicht gewöhnen, und um es ungeſehen beobachten zu können, ſaß er hinter einem Schirm und mußte durch eine Spalte desſelben die Kleine betrachten, welche unterdes von den Umſtehenden mit Spielſachen unterhalten wurde. An gehöriges Licht, Stellung u. ſ. w. war dabei natürlich nicht zu denken; doch gelang es ihm, die Grundzüge auf⸗ zufaſſen und einen leichten Entwurf in ſchwarzer Kreide zu machen, den er zu Hauſe dann weiter ausführte. Nach einigen Séancen der Art begann er das Bild als Knieſtück in Paſtell. Die Kaiſerin war mit dem Bilde ſehr zufrieden, und es war davon die Rede, daß er ſie und das Kind auf einem Bilde zuſammen malen ſollte. Der Vater hatte ſchon mehrere Skizzen dazu entworfen und der Kaiſerin vorgelegt, als dieſe plötzlich, von einem aber⸗ gläubiſchen Bedenken ergriffen, zauderte. Mutter und Kind, zuſammen auf einem Bild, bedeute unfehlbar den Tod des Kindes, hatte die Amme der kleinen Prinzeß bemerkt, nach einem in Rußland herrſchenden Aberglauben. Der Vater, welcher die ihm lieb gewordene Kompoſition ungern auf⸗ gab, wagte einige unterthänige Vorſtellungen, jedoch um— ſonſt; die Beredſamkeit der Amme ſiegte, die Kaiſerin ließ ſich allein malen, und bald darauf ſtarb das geliebte einzige Kind. Wie froh war jetzt der Vater, daß ſeine Bitten nicht durchgedrungen waren! Zwei Monate ver⸗ lebte er noch in Zarskoje Selo, bedient wie ein Prinz und auf die Genüſſe der allerüppigſten Tafel angewieſen, was aber von der nachteiligſten Wirkung auf ſeine Geſundheit war, ſo daß er, nach Petersburg zurückgekehrt, dort krank wurde. Dieſe Krankheit und neue Beſtellungen zogen ſeinen Aufenthalt dort ſehr in die Länge.
Wenige Wochen nach des Vaters Abreiſe nach Ruß⸗ land fand meine Hochzeit ſtatt, am 17. September 1806, und mein Mann führte mich nach Heidelberg, wohin die Mutter, meine Schweſter und mein damals achtjähriger Bruder Karl uns begleiteten, um den Winter bei uns zu verweilen.
¹) Maria Feodorowna(1779—1828), Wittwe des 1801 ermordeten Kaiſers Paul, war die Tochter des Herzogs Friedrich Eugen von Württemberg. Die hier erwähnten Töchter waren die Großfürſtinnen Katharina und Anna, die ſpäteren Königinnen von Württemberg und von Holland.
³) Eliſabeth, Tochter des Erbprinzen Karl Ludwig von Baden; das einzige Kind, das ſie dem Kaiſer Alexander I. ſchenkte, die am 15. Nov. 1806 geborene Großfürſtin Eliſabeth, ſtarb ſchon am 12. Mai 1809.
Meine Schweſter war damals auch ſchon mit dem Kauf⸗ mann Kunze in Leipzig verlobt, und als binnen Jahres⸗ friſt der Vater immer noch nicht zurückgekehrt war, fand auch ihre Hochzeit während ſeiner Abweſenheit ſtatt, im November 1807. So entbehrten wir beide an den feier⸗ lichſten Tagen unſeres Lebens der Gegenwart des lieben Vaters. Aber ihm wurde dadurch die Trennung von uns, vor der er ſich fürchtete, ſehr erleichtert, und dies, glaube ich, war ein Hauptgrund zu ſeiner Bereitwilligkeit, die Feier unſerer Hochzeit während ſeiner Entfernung zuzugeben. Gleich nach der Schweſter Hochzeit brachte das junge Ehepaar uns die Mutter wieder. Kurz vor der Geburt meines erſten Kindchens, Sophie nach meiner Mutter genannt, ſandte mir der Vater ein anſehnliches Geldgeſchenk, be⸗ gleitet von dem liebevollſten Brief. Endlich kehrte er im Spätſommer 1808 von Petersburg zurück und kam nach Heidelberg, um uns zu beſuchen und die Mutter mit Karl abzuholen. Seine Freude über das erſte Enkelchen war un⸗ ausſprechlich. Er malte es dann in Paſtell und por⸗ trätierte Wilken in Hl; letzteres Bild iſt eins ſeiner gelungenſten Porträts. Zwei Monate blieben die Eltern zuſammen bei uns und kehrten dann nach Leipzig zurück.
Des Vaters Thätigkeit blieb ſich zwar noch eine Zeit⸗ lang gleich, aber doch entwickelten ſich langſam ſchon die Übel bei ihm, welche ſpäter ſein Ende herbeiführten. Er be⸗ ſchäftigte ſich damals viel mit Entwürfen zu allegoriſchen Bildern, welche freilich in ſeiner reichen, anmutigen Phan⸗ taſie ſich beſſer geſtalteten als in der Ausführung. Zwei ſolche, Erwartung und getäuſchte Hoffnung, führte er ganz aus und begleitete ſie mit einer recht artigen poetiſchen Erklärung. Die Muſen waren ihm überhaupt hold; er machte ſehr hübſche Gedichte, ſchrieb einen Operntext und ein kleines Schauſpiel, auch einige Fragmente über Kunſt.
Beſondere Ereigniſſe in der Familie pflegte der Vater gern recht feierlich zu bezeichnen. Auch war er ein Freund von Überraſchungen. Eine ſolche hat ſich meinem Gedächt⸗ niſſe tief eingeprägt. Im Herbſt 1809 erkrankte meine kleine Sophie an einem Keuchhuſten, an dem alle Kunſt der Ärzte ſcheiterte. Das Übel dauerte fort bis zum Frühling, wo unſer Hausarzt zu einer Luftveränderung als letztem Mittel riet. So wurde denn eine Reiſe nach Leipzig beſchloſſen, die ich, weil mein Mann nich ſelbſt nicht begleiten konnte, unter dem Schutze des zur Meſſe nach Leipzig reiſenden Buchhändlers Zimmer“) antrat.
¹) Johann Georg Zimmer(1777— 1853), der Buchhändler der Romantiker in Heidelberg, ſtudierte ſpäter noch Theologie, wobei er auch Wilkens Schüler war, und ſtarb als Geiſtlicher in Frankfurt. S. H. Zimmer, Joh. G. Z. u. die Romantiker. 1888. 16


