120
ſundheit, welche weniger vertragen konnte als die meiner Schweſter Betty.
Hinſichtlich ſeiner Kunſt leiſtete der Vater in Leipzig viel. Er war ſo beſchäftigt, daß er kaum den Aufträgen genügen konnte, und ſeine Einnahme ſteigerte ſich ſehr be⸗ deutend. Es ging aber dem guten Vater leichter aus der Hand, als in die Hand, und ſeine Kaſſe prosperierte nie.
Von Leipzig ans machte er mehrere Kunſtreiſen ¹), unter anderen nach Weimar, wohin er berufen wurde, um die junge Erbgroßherzogin²) zu malen[1803]. Dies Bild glückte ihm vorzüglich. Es ſtellt die ſchöne Fürſtin in Lebensgröße in kaiſerlichem Schmucke dar, und beſonders war es dem Vater gelungen, ihren wunderſchönen Teint ganz der Natur getreu wiederzugeben.
Bei dieſer Gelegenheit will ich einſchalten, daß der Vater noch von Deſſau aus eine Reiſe nach Berlin machte, wo er ſeine Bekanntſchaft mit Schadow erneuerte und viel für den Hof beſchäftigt wurde. Er malte die Königin Luiſe, ³) damals im Glanz der friſcheſten Schönheit und Jugend, mit ihrer Schweſter, der nachmaligen Herzogin von Cumberland, in Lebensgröße auf einem Bilde. Die Kompoſition dazu war anmutig, die Köpfe äußerſt ge⸗ lungen, aber das Ganze that wenig Wirkung, ohne daß man recht anzugeben wußte, woran es fehlte. Vortrefflich aber waren ihm die Porträts der königlichen Prinzen, und beſonders das vom Prinzen Louis Ferdinand, dieſem Heros unter den Fürſtenſöhnen jener Zeit, gelungen, und ich will bekennen, daß ich vor einer Kopie dieſes Porträts, welche der Vater mitbrachte, oft in ſtiller Be⸗ wunderung geſtanden habe. Man ſagt, kein weibliches
Herz habe dieſem prinzlichen Lovelace widerſtehen können. retkannieren mochte.
Im Jahre 1803 kam der Fürſt von der Lippe in Begleitung Friedrich Wilkens nach Leipzig. Sein Oberhofmeiſter, Graf Haacke, ein alter Bekannter des Vaters, führte den jungen Fürſten nebſt ſeinen Begleitern bei uns ein, und ſo lernte ich Wilken kennen. Dieſe Be⸗
¹) Es wurde an Tiſchbein gerügt, daß er ſich um die Akademie zu wenig kümmere, ſodaß Schnorr v. Carolsfeld, der auch ſein Nachfolger ward, öfter ſeine Stelle habe verſehen müſſen. Vergl. Füßli, a. a. O. II. 1896.
²) Maria(1786— 1859), Tochter des Kaiſers Paul von Ruß⸗ land, Gemahlin des Großherzogs Karl Friedrich(reg. 1818— 1853).
³) Wohl nach dieſem Porträt hat die Schreiberin dieſer Zeilen, die auch 1806 die Kunſtausſtellung in Dresden mit einer heiligen Familie nach Palma beſchickte, das Bild der Königin gezeichnet, welches H. Schmidt nach deren Tode geſtochen hat: S. Füßli a. a. O. S. 1893.
kanntſchaft entſchied unſer beider Geſchick, und der Vater gab ſeine Einwilligung zu unſerer Verbindung, die ſtatt⸗ finden ſollte, ſobald Wilken eine Stelle haben würde.
Im Monat Mai 1806 ſtarb des Vaters einziger Bruder, Ludwig Philipp Tiſchbein, der als Baumeiſter in Rußland unter der Regierung der Kaiſerin Katharina II. ſich einiges Vermögen geſammelt hatte und in Petersburg lebte. Dieſer Todesfall erſchütterte den Vater ſehr, ob⸗ wohl die Brüder ſeit länger denn zwanzig Jahren ſich nicht geſehen und zuletzt auch nur ſelten einander geſchrieben hatten. Mein Oheim mußte nach allem, was ich er⸗ zählen hörte, das vollkommene Widerſpiel meines Vaters ſein. Ein überwiegender Hang zur ſtrengſten Okonomie, verbunden mit einer finſteren, menſchenfeindlichen Stimmung, bewirkten, daß der Oheim ledig blieb. Er lebte aller Geſelligkeit entfremdet in der großen Kaiſerſtadt als Einſiedler.
Nach dem Tode des Oheims ſchien es dem Vater notwendig, zur Regulierung der Erbſchaftsangelegenheiten nach Petersburg zu gehen, und da er ſich gerade zu jener Zeit recht wohl befand, ſo trug er kein Bedenken, im Spät⸗ ſommer 1806 ſein Vorhaben auszuführen. Er fand bei ſeiner Ankunft in Petersburg das in der Bank deponierte Vermögen des Oheims durch ein plötzliches Fallen der Papiere um ein Drittteil vermindert. Von dem übrigen Nachlaß fand er vieles entwendet. Ein anderer Teil der ererbten Sachen, wichtige und ſchöne Kupferſtiche, Handzeichnungen, welche er zu Schiff über Lübeck nach Leipzig ſenden wollte, wurde mit dem Schiff von den Eng— ländern genommen, und die Reklamationskoſten waren ſo bedeutend, daß der Vater die geraubten Gegenſtände nicht
dem Vater eine ehrenvolle kaiſerlichen Hofe. Reichlich
In Petersburg wurde Aufnahme zu teil, auch am floß ihm Beſchäftigung zu, wiewohl manche vornehme Dame anfangs Anſtoß daran nahm, daß er die Séancen nur auf ſeinem Zimmer hielt. Eine Gräfin Lieven, Tochter
des Generals von Benckendorf“), brach aber hier die Bahn,
indem ſie ohne weiteres ſich dazu verſtand. Die Arbeiten des Vaters fanden großen Beifall, und beſonders waren die Damen von ſeiner Art, Kinder zu malen, ein⸗ genommen.
¹) Dorothea Fürſtin von Lieven(1784— 1857), Tochter des Generals Chriſtoph v. Benckendorf, 1800 vermählt mit dem ruſſiſchen Diplomaten Fürſten v. L., war ſelber diplomatiſch ſo ge⸗ ſchickt und ſo thätig, daß man ſie die„diplomatiſche Sibylle Europas“
nannte.


