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3 (1896) Anhang
Entstehung
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Mit dem eintretenden Frühling vermehrten ſich die mir in Dresden vorbehaltenen Genüſſe. Es wurden häufig Partien aufs Land gemacht, unter andern nach Tharand, und ſehr oft fuhren wir auch auf der Elbe in einer ſehr hübſchen Gondel ſpazieren. Es war eine ſchöne Zeit, und nie komme ich nach Dresden, ohne Anklänge jener Jugend⸗ gefühle zu empfinden, die mich in die Vergangenheit zurück⸗ führen.

Auch dieſen Sommer(1839) feierte ich jene Er⸗ innerungen und beſuchte die gute alte Seydelmann. Es war mir ſonderbar zu Mute, als ich die Thür berührte, die ſo oft dem jungen ſiebzehnjährigen Mädchen ſich ge⸗ öffnet hatte und der jetzt die alte, fünfundfünfzigjährige Frau gegenüber ſtand. Ich trat ein; alles Lebloſe, der ſchöne Saal mit ſeinen Gemälden und ſo manchem wohlbekannten Gerät war wie ſonſt, aber auf der wohlbekannten, weiß überzogenen Bergere im Kabinett ſaß eine vom Alter gebeugte und von der Gicht gekrümmte kleine Frau mit ſcharf ausgeprägten Zügen in einem dunklen, vernachläſſigten Negligé: es war die ehe⸗ mals ſo ſchlanke, reizende, ſorgfältig geputzte Seydelmann.

Der Vater malte in Dresden auch die Tochter des Fürſten Alexej Orlow, des Mörders Peters III. Die gigantiſche, finſtere Geſtalt dieſes Mannes machte einen äußerſt widrigen Eindruck auf mich, da ich wußte, was ſeinem Namen eine ſo traurige Unſterblichkeit verlieh. Eine breite, dunkelblaue Narbe quer über das ganze Geſicht, an⸗ geblich von einer Wunde, welche der unglückliche Zar im

Todeskampfe mit den Nägeln ihm zugefügt hatte, entſtellte furchtbar ſeine ſtarren Züge, welche nur dann milder er⸗

ſchienen, wenn er in das ſanfte Engelsantlitz ſeiner Tochter ſchaute. Als er zum erſten Mal den Vater beſuchte,

ſchreckte ich unwillkürlich auf, und da er nun gar auf mich zuſchritt mit den Worten:Eh bien! was erſchreckt die

Kleine? meinte ich ſchon ſeine eiſerne Fauſt in meinem Nacken zu fühlen. Der fürſtliche Sünder, erzählte man, konnte nicht

anders ſchlafen, als bei dem Schein vieler Kerzen, welche

ſtets ſein Schlafgemach erleuchteten, und oft ließ er mitten in der Nacht die Tochter zu ſich rufen, um mit Geſang den finſteren Dämon zu beſchwören, welcher ſeit jener entſetz⸗ lichen That ihn raſtlos verfolgte. ¹)

Mit dem Frühling des Jahres 1801 trat endlich der Vater ſeine Stelle in Leipzig an. Unſer Einzug in die

¹) Von Paul verbannt, lebte der Fürſt eine Zeitlang in Dresden und ſtarb 1808 in Moskau. Das Dresdener Adreßbuch von 1799 bietet die Notiz:Hr. Orlow, Graf von, d. hinter der Frauenkirche A. R. 5.

Pleißenburg war mir ſehr merkwürdig. Ziemlich bewandert in der Geſchichte, fand ich in der alten Veſte hinreichenden Stoff zu Erinnerungen an Begebenheiten der Vorzeit und zu ſchauerlichen Phantaſien; denn auch an Sagen fehlte es nicht, die ſich auf die Burg bezogen. Unſere Wohnung war in einem Seitengebäude(rechts vom Trotzer, der Facçade der Burg), wenn man von der Stadt in das Schloß kam. Eine niedrige, gewölbte Thür führte zu einer engen gewundenen Treppe von Stein. Oben angelangt kam man in des Vaters Atelier, welches hart an der Treppe lag und aus vier ſchönen geräumigen Sälen beſtand. Um zu unſeren Wohnzimmern zu gelangen, mußte man aber einen engen, langen Gang paſſieren, welcher in der Mitte durch ein ſehr kleines Fenſter nur ſehr ſchwach erhellt wurde. Ach wie oft habe ich es auf dieſem bedenklichen Gang ſpuken hören und mich tief unter die Bettdecke verkrochen in unſerm hart an dieſem Gange gelegenen altertümlichen Schlafge⸗ mach. Es knatterte, raſchelte, ſeufzte, ging leiſe oder laut. Die Erklärung des Spuks, welche ich zu furchtſam war zu ſuchen, bleibe ich ſchuldig, aber gewiß, es ſpukte, ent⸗ weder draußen oder in meinem Kopfe.

In Leipzig geſtaltete ſich unſer Leben recht im Gegen⸗ ſatz zu der ſtillen Häuslichkeit in Deſſau um vieles anders. Leipzig ſtand damals in ſeiner Glanzperiode; der Oberbürger⸗ meiſter Müller, die erſten Kaufherren der Stadt, Freege, Dufour, Ballard, Küſtner, Löhr, beeiferten ſich, ihre Häuſer zu dem angenehmſten Mittelpunkt auch für Ge⸗ lehrte und Künſtler zu machen, wie ihnen denn auch jeder gebildete Fremde willkommen war. In dieſen Kreiſen herrſchte ſowohl zwangloſe als anſtändige Sitte, und wer den Spieltiſchen nicht huldigen wollte, fand ſtets Be⸗ friedigung in anderer, zuſagenderer Unterhaltung.

Der Vater wurde in Leipzig mit beſonderer Aus⸗

zeichnung empfangen. Unſerer Mutter Liebenswürdigkeit, meiner Schweſter aufblühendes Talent machten die Familie V Tiſchbein gewiſſermaßen berühmt, und es gehörte zum guten Ton, mit ihr bekannt zu ſein. Unſer guter Vater legte, wenn ich es wagen darf ihn zu tadeln, auf dieſen nichtigen Beifall der Welt zu viel Wert und fühlte ſich nicht glück⸗ licher, als wenn er uns gefeiert ſah. Zu tüchtigen Haus⸗ frauen konnten wir uns bei dieſer Lebensweiſe nicht aus⸗ bilden. Die Vormittage waren dem Zeichnen, der Muſik und dem Unterricht in der italieniſchen Sprache gewidmet, der Nachmittag ging mit zufälligen Beſuchen, Promenaden oder Arrangements für die Abendtoilette hin. Denn nur ſelten gab es einmal einen ſtillen Abend zu Hauſe, wohl aber hintereinander Wochen, wo alle ſieben Tage hindurch eine Fete der andern folgte; leider auf Koſten meiner Ge⸗