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3 (1896) Anhang
Entstehung
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in der katholiſchen Kirche. Naumann war ein freundlicher Greis, noch ſehr rührig und kräftig, aber leider faſt taub. Merkwürdig war aber dabei der

Umſtand, daß dieſe

Taubheit, die im Geſpräch ihn nötigte, ein Sprachrohr zu

gebrauchen, zu verſchwinden ſchien, wenn er Muſik hörte oder dirigierte ¹). falſche Ton, wie ich ſelbſt bei einer Aufführung ſeines Oratoriums bemerkte. Es war die Hauptprobe, und einige Sänger fielen unrichtig ein. Die Stelle mußte zweimal

wiederholt werden, bis ſie dem Ohr des guten Kapellmeiſters Naumann hatte große Freude an unſerm Geſang

genügte. und der damals ſtark vorſchreitenden Entwickelung meiner Stimme.

Mein Vater war in Dresden beſonders an den damals allmächtigen Miniſter Grafen Marcolini empfohlen, deſſen Gemahlin und Tochter er auch malte. Die Familie galt für unerhört ſtolz, und wie ich mich erinnere, bequemte ſich die Frau Miniſterin ²) nur höchſt ungern dazu, dem Vater in ſeinem Atelier zu ſitzen. Aber es half nichts; wollte ſie gemalt ſein, ſo mußte ſie kommen, da es feſter Grundſatz bei dem Vater war, die Séancen nur in ſeinem Atelier zu geben. Wir mußten durch unſern Geſang die ſtolze Dame unter⸗ halten, was ihr ſo ſehr gefiel, daß ſie, etwas Unerhörtes, uns mit einer Einladung zum Thee und Souper auf ihre ſchöne Villa³) bei der Oſterwieſe, wenn ich nicht irre beehrte. Wir ſollten aber erfahren, daß eine ſolche Ehre nicht ſonder Beſchränkung erteilt werden konnte, welche völlig geeignet war, uns vor aller Überhebung deshalb zu bewahren.

Um 6 Uhr abends an einem warmen Frühlingstag 11801] fuhren wir hin und wurden von einem reich⸗ galonierten Bedienten durch den Hausflur in den Garten geführt, wo in einem Pavillon die Gäſte ſich verſammelt hatten. Die Gräfin ließ uns dicht herankommen, bis ſie

geneigt war, uns mit einem leichten Kopfnicken zu begrüßen,

indem ſie uns der Geſellſchaft mit den lakoniſchen Worten

¹) Dieſe Angabe wird beſtätigt von Meißner, Bruchſtücke zur Biogr. J. G. Naumanns. II. 236 f. und in Naumanns Leben, Dresden, 1841, S. 359.

2) Maria Anna, geb. Baroneſſe O⸗Kelly, Tochter des aus Irland ſtammenden öſterreichiſchen Feldzeugmeiſters John O⸗K.(S. O⸗Byrn, Camillo Graf M., S. 57.) Der Graf führte auch die Oberaufſicht über alle kurfürſtlichen Sammlungen uud war dem⸗Titel nach ſogar Direktor der Akademie, als deren Dependenz die Leipziger, fortab Tiſchbein unterſtellte Akademie wirkte. Daſ. S. 66. Vergl. auch d. Allg. D. Biogr.

Friedrichſtraße. 1813 ſchlug Napoleon hier ſein Sommerquartier auf, und das Zimmer, in dem er die bekannte Unterredung mit Metternich hatte, wird noch gezeigt.

Hier entging ihm auch nicht der geringſte

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vorſtellte:La famille Tiſchbein. Der Grafwar nicht zu⸗ gegen, und die Familie Tiſchbein ſtand ziemlich verlegen im Vordergrund des Pavillons, ohne daß ſie zum Sitzen erſucht wurde. Meinem guten Vater ſchwoll der Kamm etwas, und ich war verlegen, aber keineswegs demütig, vielmehr ſuchte ich ſo ſtolz als möglich auszuſehen. Einige peinliche Minuten vergingen auf dieſe Weiſe, bis die Gräfin aufſtand, auf die Mutter, mich und Betty zuging und nachläſſig ſagte:»Eh bien, mesdames, un petit air on un trio, s'il vous plait.« Wir ſchwiegen alle drei ſtill, und der Vater trat vor. Was er ungefähr für uns würde geantwortet haben, ahnte ich ſo ziemlich, aber ehe er noch ſprechen konnte, ſtellte ſich zwiſchen uns und die Gräfin eine hohe, majeſtätiſche Geſtalt; es war Comteſſe Marcolini ¹), die einzige Tochter des edlen Paars. Mit den freundlichſten Worten begrüßte ſie uns, indem ſie zugleich ihrer Mutter mit einem Blick, der ihre Oberherrſchaft verriet, bedeutete, daß wir vielleicht vorziehen würden, erſt den Garten zu beſehen, worauf ſie uns ſehr artig bat, ihr zu folgen, während der Vater von dem eben eintretenden Grafen Marcolini in Empfang genommen wurde.

Die liebenswürdige junge Gräfin führte uns durch den wirklich herrlichen Garten, indem ſie mit der größten Urbanität uns für den häßlichen Empfang ihrer Mutter zu entſchädigen ſuchte. Dann gingen wir mit ihr in das Haus zurück, wo indeſſen die Geſellſchaft in einem großen Salon ſich verſammelte hatte und wo uns Thee gereicht, aber keine Stühle präſentiert wurden, obwohl die andern ſaßen. Comteſſe Marcolinis Macht ſchien hier ihre Grenze gefunden zu haben; alles was ſie thun konnte, war, ſelbſt ſtehend ſich zu unterhalten, während die übrigen vornehmen Herren und Damen uns neugierig anſtarrten.

Endlich kam der Graf ſelbſt auf uns zu und erſuchte uns in einem ſo artigen Ton etwas zu ſingen, daß der Vater durch einen Augenwink einwilligte und wir mit der Mutter ein Trio ſangen, welches ungemeinen Beifall fand, indem alle Anweſenden, ſelbſt die Gräfin, nach Beendigung desſelben ſich uns zudrängten und uns baten, mehr zu ſingen. Dies waren wir aber keineswegs willens, ſondern der Vater entſchuldigte uns mit der ihm bei ſolchem Anlaß eigenen vornehmen Miene, und wir empfahlen uns, das Souper, wobei wir am Ende auch noch hätten ſtehen müſſen, im Stiche laſſend, trotz der wiederholten Bitte,

welche die etwas verbindlicher gewordene Gräfin an uns ³) S. über ihre dort gegebenen Feſte O-⸗Byrn, a. a. O. S. 86. Heute gehören Palais und Garten zum ſtädtiſchen Hospital in der

ergehen ließ.

¹) Gräfin Auguſte, geb. 1782, vermählte ſich mit dem Feld⸗ marſchall⸗Lieutenant Grafen Nimptſch und ſtarb ſchon 1817 zu Karls⸗ bad. S. O⸗Byrn, a. a. O. S. 58.