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3 (1896) Anhang
Entstehung
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der Frau Körner, Dora Stock, einem alternden, aber intereſſanten Mädchen. Das Körnerſche Haus war ein Sammelplatz geiſtvoller Geſelligkeit. Man fand dort fremde Künſtler und Gelehrte, Bürgerliche und Adelige. Die innere Wirtſchaft bei Körners war ungefähr wie bei Schlegels beſchaffen. Ganz verwünſcht ſchlechte, knappe Bewirtung und Unordnung in allen Ecken. Aber von 11 Uhr morgens an ſaßen die Damen im ſchönſten Putz im Viſitenzimmer, um Beſuche zu empfangen, oder machten Beſuche. Der Vater Körner war ein prächtiger Mann, voll Biederkeit und kräftigen Geiſtes. Seine Frau war klug und von ſehr gewandten geſelligen Formen, aber beißendem Witze. Ich habe ſie nie leiden mögen.

Dora Stock war ein Liebling des Vaters. Sie hatte nicht, wie ihre Schweſter, giftige Witzpfeile, ſondern einen unerſchöpflichen Vorrat guter Einfälle und neckiſcher Laune, der ſie zur angenehmſten Geſellſchafterin machte. Dabei war ſie gebildet und malte in Paſtell mit großer Fertigkeit.

Unter den jungen Männern, welche in dieſem Kreiſe ſich bemerklich machten, war ein Herr von Schönberg, der ſehr fetiert wurde, mir aber etwas fade vorkam. Über⸗ haupt feſſelte in Dresden nur eine ausgezeichnete Erſcheinung meine Aufmerkſamkeit. Dies war Frau von Racknitz, an deren Mann der Vater ganz beſonders empfohlen war).

Nie habe ich etwas Erhabeneres und zugleich Lieblicheres

geſehen als dieſe Frau. Sie war groß, ſehr ſchlank und von elaſtiſch weichen Formen.

gebildetes Antlitz ſchmückten reiche blonde Locken, und einen

zarteren Farbenſchmelz, als ihr Teint zeigte, ſah ich nie. Sie neigte, wenn ſie ſprach, etwas das Haupt, was ihr

ungemein gut ließ. Ihre Sprache war ſanft und melodiſch, ihre Ausdrucksweiſe gewählt, doch ohne Ziererei, und über ihr ganzes Weſen ergoß ſich jene unbeſchreibliche Anmut, welche die Alten zur Gottheit in den drei ſchweſterlichen Grazien erhoben. Wie ausgezeichnet ſtand ſie da unter den üppigen, eleganten und galanten Damen, welche damals in Dresden gefeiert wurden, ein Muſter frauenhafter Sitt⸗ ſamkeit und geſelliger Feinheit! Sie war die angenehmſte

Wirtin, jedermann fühlte ſich leicht heimiſch in ihrem

Hauſe. Leichtfertigkeit und Spott wichen ihrer milden Geiſtesherrſchaft, und doch war man ſtets fröhlich und guter Dinge bei ihr. Ich betete ſie an, und ſie erlaubte gern, daß ich manche Stunde auch außer den Geſellſchaftsabenden

¹) Der Hofmarſchall Joh. Friedrich Freiherr v. Racknitz war ſeit 1796 vermählt mit Anna Charlotte v. Bülow, Tochter des däniſchen Miniſters am kurſächſiſchen Hofe. Nach Füßli, Künſtlerlex. II,

S. 1895, hat Fr. A. Tiſchbein das Bild der Dame im J. 1801 in

der Dresdener Kunſtausſtellung ausgeſtellt.

bei ihr zubrachte, gewiß nicht ohne Nutzen für meine geiſtige Ausbildung. Das ganze Weſen der herrlichen Frau war Harmonie. Ihre feinen Züge und klaren blauen Augen beſeelte ein wahrhaft überirdiſcher Ausdruck. Ihre Sprache klang mir wie Muſik, ſo viel Wohllaut lag darin; ſie kam mir unter den anderen Frauen wie eine Heilige vor. Manche dieſer auch anmutigen, reizenden Damen mochte, wie ich ſpäter erfuhr, wohl Urſache haben, vor ihrem reinen Blick die Augen zu ſenken. Aber ſie zeigte kein übergewicht, welches vernichtet, ſondern jene recht moraliſche Größe, welche nach dem Beiſpiel unſeres Erlöſers aufrichtet und erhebt. Herr von Racknitz, ihr Gemahl, vielleicht 20 25 Jahr älter als ſie, war bei aller geiſtigen Bildung doch etwas derb und ungeniert in ſeinen Ausdrücken; überhaupt paßte er nicht für dieſe Frau, und es iſt mir nicht er⸗ klärlich geworden, wie dieſer Bund ſich knüpfen konnte. Auch zog über das liebe, ſanfte Antlitz doch oft, wenn ſie ſich unbemerkt glaubte, ein trüber Schatten, der auf ver⸗ borgenes Weh deutete, und oft ſchien es mir, als beuge die ſchlanke, weiche Geſtalt ſich unter dem Druck eines eiſernen Geſchicks. Aber ſie trug durchaus keine Senti⸗ mentalität zur Schau, vielmehr gab ſie ſich ſtets gefällig

Ihr vollkommen regelmäßig

und geweckt den Anforderungen hin, welche ihre Stellung mit ſich brachte, und die Art, wie Herr von Racknitz ſeine Gemahlin behandelte, zeigte, daß er ihren vollen Wert an⸗ erkannte und daß er glücklich durch ſie war. Sie erfüllte den ſchwerſten Beruf der Frauen, ſie beglückte, ohne ſelbſt beglückt zu ſein. So jung ich war, machte ich doch damals die Bemerkungen, welche ich jetzt niederſchreibe, und Frau von Racknitz wurde mein Ideal.

Bald fand ſich der Vater in die angenehmen, geiſt⸗ reichen Zirkel eingeführt, welche damals in Dresden zu finden waren und an welchen auch die Mutter und wir teilnehmen durften. Meine Schweſter war zwar noch ſehr jung, ſang aber ſehr hübſch und ſpielte Klavier mit großer Fertigkeit.

Der Baron von Racknitz mit ſeiner Gemahlin, Körners, Graffs, Seydelmanns, der Kapellmeiſter Schuſter, deſſen hübſche Frau und Graf Manteuffel bildeten einen geſelligen Verein, wie man ihn gewiß nur ſelten finden kann. Der Vater erhielt ein Atelier im Japaniſchen Palais und fand ſich bald mit Arbeiten überhäuft. Ein Porträt der Baronin von Racknitz gelang ihm vorzüglich.

Ich lernte auch den Kapellmeiſter Naumann) kennen und hörte in ſeinem Hauſe ein Oratorium, das mich aber bei weitem nicht ſo erhebend anſprach, als Haſſes Tedeum

¹) Joh. Gottl. Naumann(17411801) war einer der aus⸗ gezeichnetſten Muſiker ſeiner Zeit.