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Ihre Stimme war hart, ihre Töne falſch, ihr Körper ſchwer⸗ fällig, klein und ſtark. Mir widmete ſie eine beſondere Liebe, die ich ſo gut erwiderte wie ich konnte. mich ihre geiſtige Richtung.
Sehr befriedigte Sie hatte viel und mit
Nutzen geleſen, war in ſoliden Kenntniſſen mir ſo weit
überlegen, daß ich viel von ihr lernen konnte, und zeigte bei jedem Anlaß wahre Herzensgüte. Doch berührte ihre
gezierte Redeweiſe und Empfindſamkeit mich unangenehm V konnte.
oder reizte mich zu leiſem Spott.
Es lebte damals in Dresden ein berühmter Tenor, Signor Benellin); er war der Held des Tages, der Abgott und Adonis der Damen, und meine gute Cora widmete ihm eine ſchwärmeriſche Anbetung. In der Oper ſaß ſie weit vorgebeugt, atemlos ſeiner Stimme lauſchend, wobei ſie ihn zugleich bei jeder Rolle in irgend einer Stellung ſkizzierte, zu welchem Zweck ſie ſtets Papier und Bleiſtift zur Hand hatte. Dieſe Skizzen führte ſie dann zu Haus weiter aus, und ſo entſtand eine ganze Menge kleiner Benellis, die, verkrüppelt und verzeichnet, ſich ganz ver⸗ wünſcht ausnahmen. Der thörichte Vater ließ die Dinger auf eigene Koſten ſtechen, und Cora überreichte erſtlich dem gefeierten Sänger ſelbſt, dann allen Freundinnen dieſen Erweis ihres Genies, wodurch ſich das arme Mädchen, ohne es zu ahnen, grauſam lächerlich machte. Ein ander⸗ mal that ſie dem ſchönen Undankbaren, der ſich um ſeine Verehrerin wenig kümmerte und ſie auslachte, eine höchſt eigentümliche Ehre an. Neumanns gaben einen Ball, wo⸗ zu auch Herr Benelli geladen war, der mit der Tochter des Hauſes den Tanz eröffnen mußte. Die Polonaiſe führte durch alle Zimmer. Im Vorſaal ſtand auf einem gedeckten Tiſch eine große Torte, welche ein loſer Kranz von buntfarbigem Konfekt ſchmückte. Dieſen Kranz er⸗ haſchte Cora vorüberſchwebend und drückte ihn dem Sänger auf, der wohl oder übel mit dem bezuckerten Lorbeer auf dem Haupte ſeine Tour vollenden mußte, während die übrige Geſellſchaft vor Lachen zu erſticken drohte. Lina Graff verſuchte zuweilen Cora auf dieſe Lächerlichkeiten aufmerkſam zu machen; aber deren kindliche Pietät hinderte ſie, den Vorſtellungen ihrer Freundin Glauben zu ſchenken. „Die Eltern wollen es ſo, die Eltern finden es gut“, in dieſem Begriff verlor ſich die beſſere Einſicht des guten Mädchens, welche ſonſt wohl geſiegt hätte.
Ein alter Freund meines Vaters, der Profeſſor Seydelmann’, hatte ſich in Dresden niedergelaſſen. Er —=) Antonio Peregrino Benelli, 1771 geb. zu Forli, † 1830 zu Börnichen im ſächſiſchen Erzgebirge, war als Sänger, Geſanglehrer, Kritiker und Komponiſt geſchätzt. S. Biogr. Univers.
²) Jakob Crescentius Seydelmann(1750— 1829), ein Schüler von Rafael Mengs, erfand eine beſondere, nach ihm benannte Sepia⸗
hatte, nachdem er länger als mein Vater in Rom verweilt, ſich eine ſchöne Römerin als Gemahlin mitgebracht. Madame Seydelmann mochto, als ich ſie kennen lernte, eine Frau von 30 Jahren ſein, der allerdings ſchon etwas Jugendfriſche abging; dieſe wurde aber durch ihre bezaubernde Liebenswürdigkeit reichlich erſetzt. Sie war von ele⸗ gantem Wuchs, hatte wunderbar ſchöne ſchwarze Augen, köſt⸗ liche Zähne und die ſprechendſte Phyſiognomie, die man ſehen Sie malte wie ihr Mann in Sepia, in Miniatur par excellence, und genoß mit vollem Recht den Ruf einer ausgezeichneten Künſtlerin. Mein Vater bat ſie, mir Unter⸗ richt zu geben, und ſo wanderte ich alle Morgen um 11 Uhr von der Neuſtadt in die Altſtadt zu Seydelmanns, welche dort am Neumarkt ein ſchönes Haus beſaßen, das Frau Seydelmann noch jetzt als Witwe bewohnt. Man ſagte ihr nach, ſie habe viele Verehrer und ſei nicht gerade unempfindlich, was auf ſich beruhen mag. Ich war ſehr gern dort, hatte meinen Platz neben dem Wohnzimmer der Dame in einem kleinen Kabinett und durfte öfters dort eſſen. Nach beendigter Wachtparade— die Zeit, wo Madame Seydelmann, in einen feinen muſſelinenen Puder⸗ mantel gehüllt, ſich friſieren ließ und zugleich Beſuch an⸗ nahm— fehlte beſonders ein Herr Hauptmann nie. Er ſchien ein Verehrer der liebenswürdigen Frau zu ſein, die ihn ſtets freundlich empfing und lebhaft mit ihm plauderte; aber nie gewahrte ich etwas zu Freies in ihrem Benehmen.
Eine andere ſchöne, elegante Dame war die Frau Kapellmeiſter Schuſter1), die, wie es hieß, in vertrauter Verbindung mit einem Grafen Manteuffel lebte. Der Graf war ein ſchöner, geiſtreicher junger Mann, Frau Schuſter hübſch und jung, der Herr Kapellmeiſter alt und merkwürdig häßlich. Man folgere daraus, was man will; ich berichte nur, was ich gehört habe.
Eine Familie, mit der die Eltern gern Freundſchaft und geſelligen Verkehr unterhielten, war der Juſtizrat Chriſtian Gottfried Körner mit ſeiner Frau und zwei Kindern, Theodor und Emma, und einer Schweſter
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manier. Seine Gattin Apollonia(1767(oder 68)— 1840), Tochter eines franzöſiſchen Gutsbeſitzers und einer Römerin, war 16jährig mit Seydelmann vermählt und von ihm und Thereſe Maron, der Schweſter von Rafael Mengs, derart ausgebildet worden, daß ſie zum Mitglied der Dresdener Akademie für das Fach der Miniaturmalerei ernannt werden konnte. Ihr Hauptwerk war eine meiſterhafte Zeich⸗ nung von Raphaels Sigtiniſcher Madonna, nach der Friedrich Müller, der Sohn des obengenannten Joh. G. Müller, ſeinen bekannten Stich ausführte. S. Allg. D. Biogr.
¹) über den Kapellmeiſter und Komponiſten Joſeph Schuſter (1748—1812) ſ. d. Allg. D. Biogr.


