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3 (1896) Anhang
Entstehung
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keit, da unſere Toilette in Leipzig, wo wir täglich in Ge⸗ ſellſchaft waren, viel erheiſchte und die Mutter doch gern, I wo es anging, zu ſparen ſuchte. V

Im Winter 1801[1800/1] kamen wir in Leipzig an, und diez Eltern fanden dort die erwünſchte Aufnahme. Unſere künftige Wohnung im Schloſſe, der alten in der Geſchichte vielgenannten Pleißenburg, bedurfte, um uns aufzunehmen, zuvor noch einer großen Reparatur. Es wurden die nötigen Vorkehrungen deshalb getroffen, und unterdeſſen brachten wir etwa vierzehn Tage in höchſt angenehmer Ge ſelligkeit zu, indem wir überall Einladungen erhielten und, wie man ſagt, durch unſer Trio Furore machten. Die Familien, mit welchen wir ſpäter uns am innigſten be⸗ freundeten, lernten wir damals noch nicht kennen. Wir waren zunächſt an den Bürgermeiſter Müller, den Kupferſtecher Bauſe) und die Bankiers Löhr, Vrrege und Dufour adreſſiert.

Gern gedenke ich dieſer Tage, wo ich, eine Welt voll Glanz und Luſt betretend, mich wirklich ergötzte und das, woran es dieſer Welt gebrach, nicht Zeit hatte zu prüfen. Wir bewohnten damals einige hübſche Zimmer in einem Hauſe am Markt, unfern des alten Rathauſes, welches ein Gegenſtand meiner Aufmerkſamkeit wurde, da ich genug über den 30jährigen Krieg geleſen hatte, um zu wiſſen, wie oft die bedrängten Väter der Stadt in dieſen alten Hallen Rat gepflogen hatten. Meine Einbildungskraft, wenn ich von unſerem Hauſe aus das ehrwürdige Gebäude betrachtete, belebte mir dann eine Menge merkwürdiger

Ereigniſſe, worunter Guſtav Adolfs Einzug in die durch ihn befreite Stadt ſich beſonders hervorthat. Guſtav

Adolf war der Held, den meine junge Seele vergötterte. Alles, was Bezug auf ihn hatte, las ich mit dem größten Eifer, ja ich verſchlang es, und hätte viel darum gegeben, gelebt zu haben, als er Deutſchlands Boden betrat. Ich träumte mich in jene Zeit, träumte mich in manche ſchöne, edle Beziehung zu dem frommen, tapferen Helden, während die Eltern, wenn ich mechaniſch etwas dabei trieb, wohl nicht entfernt daran dachten, wo ich im Geiſte weilte. Dieſe Träumereien machten einen Beſtandteil meiner Exiſtenz aus. Sie beſchäftigten mich in verſchiedenen Beziehungen, damals wie ſpäter, ja ſie begleiteten mich ins Alter.

Nach dieſem kurzen Aufenthalt in Leipzig verließen wir es wieder, um noch auf einige Zeit nach Dresden zu gehen. Es war ein recht kalter Wintertag, als wir, gut

¹) Joh. Frdr. Bauſe, ein ausgezeichneter Künſtler(1738 1814), war Profeſſor an der Kunſtakademie, zu deren Direktor Tiſch⸗

andere ſchöne Muſik hörte.

bein als Nachfolger Oeſers ernannt war; er hat auch Tiſchbeinſche Bilder geſtochen.

eingepackt, unſere Reiſe antraten. Wir ſtiegen in Dresden in der Neuſtadt ab, wo uns in der Meißner Straße eine gemietete Wohnung erwartete. Ich hatte viel von Dresden gehört, von der Bildergalerie, der herrlichen Kirchenmuſik, der ſchönen Gegend, von der wir freilich damals wenig genoſſen. Deſto mehr aber gab ich mich anderen Ein⸗

drücken hin, die hier ſo mannigfaltig auf mich einſtrömten.

Ich kann die Empfindung nicht beſchreiben, mit welcher

ich zuerſt vor Raphaels Madonna trat, mit der ich das

Tedeum von Haſſe in der katholiſchen Kirche und ſo manche Beſchreibungen der Art liebe ich überhaupt nicht; es genüge zu ſagen, daß ich, be⸗ gabt mit großer Empfänglichkeit, alles auffaßte, was ich Erhabenes ſah und hörte, um es mir ſo kräftig einzu⸗ prägen, daß dieſe Erinnerungen immer noch zu den ſchönſten gehören, welche ich bewahre. Das reichſte geſellige Leben begann nun auch in Dresden für mich, und ich genoß es friſch und heiter. Unter anderen Bekanntſchaften meines Alters zeichneten ſich Cora Neumann und Lina Graff!) aus, erſtere durch achtungswürdige geiſtige Eigenſchaften, letztere durch große Anmut. Die Familie Neumann ge⸗ hörte zu den merkwürdigen äußeren Erſcheinungen, welche man nicht leicht vergißt. Die Mutter und eine unver⸗ heiratete Schweſter derſelben waren mehr als häßlich; gnomenhaft klein, verwachſen, braungelb mit platten, un⸗ förmlichen Zügen, machten ſie einen um ſo übleren Ein⸗ druck, als ſie in Anzug und Benehmen ſich jugendlich und anmutig zu geben verſuchten. Sie waren höchſt empfindſam, immer in Extaſe. Mit krächzenden Stimmen überboten ſie ſich in zarten, ſüßen Redeweiſen, wobei die Wortehimmliſch,göttlich,einzig nicht geſpart wurden. Wer die Mutter Neumann ihre Schweſterſüße Lina nennen hörte und dieſe wiederum jenemeine Herrliche, konnte nicht ernſthaft bleiben, ſo ſehr ſtanden dieſe Benennungen im Kontraſt zu denen, welchen ſie galten. Sonſt waren Mutter und Tante gutmütige Damen, die, natürlicher auf⸗ tretend, ſich wohl Zuneigung erwerben konnten. Cora, in der That ſorgfältig erzogen und bei ihren Fähigkeiten viel⸗ ſeitig ausgebildet, war nicht ganz ſo häßlich wie die Mutter, aber doch völlig entblößt von Grazie und Anmut. Auch ihr hatte man ein gut Teil Sentimentalität eingeimpft, wodurch ſie lächerlich wurde bei aller Üüberlegenheit ihrer moraliſchen Eigenſchaften. Sie mußte ſingen, tanzen und zeichnen, ohne irgend Talent zu dieſen Künſten zu beſitzen.

¹1) Die Tochter des berühmten Porträtmalers Anton Graff 1736 1813) aus ſeiner zweiten Ehe mit der Tochter Sulzers in Berlin; ſie heiratete ſpäter den Maler Kaaz. S. Muther, A. Graff, S. 32. 15*