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3 (1896) Anhang
Entstehung
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neueren Künſtlern der geſchickteſte Frauenmaler war. ¹) Seinen männlichen Porträts gebrach es dagegen oft an Kraft, wie man ihm vorwarf.

Sein Kolorit war unnachahmlich. Die Stellungen wählte er leicht und gefällig, ſein Faltenwurf war ge⸗ ſchmackvoll, nur bediente er ſich oft zu den Gewändern matter Farben, welche dem Effekt ſchadeten.

Seine Kompoſitionen zu Familiengemälden und hiſtoriſchen Bildern, deren aber nicht viele von ihm vor⸗ handen ſind, gerieten leicht etwas ängſtlich. Vollkommen Meiſter im Zeichnen, denn er hatte Anatomie fleißig ſtudiert, durfte er eigentlich ſeinen Genius nur freier walten laſſen, aber er traute ſich zu wenig zu. In der Kunſt wie im Leben überhaupt leitete ihn eine Art furchtſamer Be⸗ ſcheidenheit, welche ſeltſam abſtach gegen ſeinen ſonſt ſo lebendigen Geiſt. In den Skizzen zu ſeinen größeren Bildern herrſchte Freiheit und Genie; kam es aber zur Ausführung, ſo genügte er ſich nicht, änderte dies und jenes, mäkelte hier und da, und ſo blieb ſtets die Aus⸗ führung hinter dem Entwurf zurück. Fremde Kunſt⸗ leiſtungen erkannte er gern überall an und wußte ſelbſt

aus mittelmäßigen Bildern eifrig das Gute herauszufinden. Seine eigenen Arbeiten aber waren ihm nie gut genug, und ein kleiner Tadel, der ſie traf, konnte ihn oft auf lange Zeit entmutigen.Je länger man malt, pflegte er dann wohl zu ſagen,je mehr ſieht man ein, wie wenig man kann. Vor Graſſis ²) Bildern in Dresden habe ich ihn oft entzückt ſtehen ſehen, indem er bemerkte, ſo viel vermöge ſein Pinſel nicht.

Der Vater konnte ſehr zerſtreut ſein, ein Fehler, den ſein Vater in noch höherem Maße beſeſſen haben ſoll. V Von des Vaters Zerſtreutheit bewahrte die Mutter manches hübſche Geſchichtchen in ihrem Gedächtuis, mir aber fällt gerade nur eins der Art jetzt ein. Der Vater war mit dem alten Gleim befreundet und korreſpondierte mit ihm. V Als er einſt während ſeines Aufenthaltes in Berlin zu- gleich an Gleim und an die Mutter ſchrieb, verwechſelte er die Adreſſen. Ein höchſt zärtlicher Brief, der gleich ſo anfing:Meine engliſche Sophie, kam an den alten Dichter, und die Mutter erhielt den an Gleim gerichteten Brief. Dies Stückchen trug der Mutter ein niedliches komiſches Gedicht ein, welches Gleim, den Vorfall beſingend, zugleich mit dem der Mutter gehörigen Brief dieſer überſandte.

¹) Er wurde in der That nur von Anton Graff in Dresden übertroffen. ²) Joſeph Graſſi(1757 1836) war ſeit 1799 Profeſſor an

wenigſtens in Gedanken,

der Dresdener Akademie. S. Allg. D. Biogr.

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Leidenſchaftlich liebte der Vater die Muſik, und ſchon ſehr zeitig mußte die Mutter mich und meine Schweſter kleine Liedchen lehren. Später erhielten wir denn gute Lehrmeiſter und brachten es bei glücklichen Anlagen zu einer faſt kunſtmäßigen Fertigkeit im Geſang. Des Vaters größte Freude war es, ſich von uns, während er malte, vorſingen zu laſſen. Sein Gehör war ſo fein, daß ihm nicht der kleinſte Mißton entging, und bei der Wahl der Muſikſtücke, die er für uns anſchaffte, leitete ihn ein voll kommen feiner Geſchmack.

Als wir Deſſau mit dem Schluſſe des 18. Jahrhunderts verließen, war ich etwa ſiebzehn Jahre alt, ſehr vorgeſchritten in meiner geiſtigen Entwickelung, geübt im Zeichnen und Geſang, von jugendlichem und deshalb ganz hübſchem Äußeren und zeigte nach der Anleitung des Vaters im geſelligen Leben ſowohl großen Anſtand als Munterkeit. Ich darf ſagen, daß ich mich frei hielt ſowohl von Ko⸗ ketterie als von kindiſchen Liebeleien, wie ſie im Deſſauer Mädchenkreiſe ziemlich Mode waren. Ich konnte wohl etwas übermütig und ſchnöde ſein, aber nie leichtſinnig; auch gefiel mir unter allen jungen Herren, die ich bis dahin kennen gelernt hatte, keiner. Meiſt ſchloß ich mich an die älteren Herren an, weil ich, wißbegierig von Natur, durch ihre Unterhaltung etwas zu lernen hoffte. So war ich ziemlich bekannt mit Matthiſon geworden, und der wunderliche Mattei nannte mich oft ſeine Pallas Athene. Ich konnte ernſthaft ſein und mich den tiefſinnigſten Be⸗ trachtungen hingeben, im Gegenſatz aber auch einmal wieder wo nicht ausgelaſſen, doch recht mutwillig, heiter und, oft recht unbeſonnen ſein. Es war vieles in mir unſicher und unklar, weil es meiner religiöſen Überzeugung an Tiefe und Feſtigkeit fehlte, wo⸗ rauf alles andere beruht, was dem inneren Menſchen Halt giebt. Momenten eines höheren Aufſchwungs folgte oft tiefe Entmutigung, ich konnte die rechte Quelle nicht finden, weil ich ſie nicht auf die rechte Weiſe zu ſuchen verſtand. Meine Begriffe über Menſchen und Verhältniſſe waren einſeitig und überſpannt, und in echt weiblicher Wirkſam⸗ keit leiſtete ich nichts. Die Mutter, eine rührige und thätige Frau, verſuchte zwar oft uns Töchter zu häuslichen Arbeiten anzuleiten. Sie fand aber in dem guten Vater den ent⸗ ſchiedenſten Widerſtand und in mir keinen Trieb, ihr ent⸗ gegenzukommen. Der Vater verlangte meine Gegenwart im Atelier faſt den ganzen Vormittag, wo ich erſt zeichnen, dann mit der Mutter und Betty ſingen, oft auch ihm vorleſen mußte. In die Küche kam ich nicht, und über⸗ haupt mit häuslichen Geſchäften hatte ich nichts zu thun. Nur in weiblicher Putzarbeit erlangte ich einige Fertig⸗