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3 (1896) Anhang
Entstehung
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er fuhr fort:Wären Sie mir gleichgültig, ſo würde ich kein Wort mehr an Sie richten; aber ich halte es für der Mühe wert, weil Sie mir nicht gleichgültig ſind, Ihnen zu ſagen, daß es eines guten Mädchens unwürdig iſt, wenn ſie einen braven Mann, weil ſie ſeine Neigung nicht erwidert, verſpottet; ſeine ehrliche Geſinnung wenigſtens ſollte erkannt werden, und glauben Sie mir, ſo zurückge wieſene Männer, wie ich von Ihnen, haben, wenn ſie wollen, Waffen gegen Ihr Geſchlecht in Händen, die gefährlich ſind. Ich kann nicht ſagen, wie ſehr dieſe Worte mich be ſchämten, die Thränen traten mir in die Augen; aber der Mann hatte recht, er gab mir, was ich verdiente. Gerecht genug, dies einzuſehen, war ich bald bereit, es auch zu ge⸗ ſtehen. Ich ſagte ihm alſo, daß ich Unrecht gehabt im Übermut meines oft zu fröhlichen Herzens, daß ich für eine Lehre danke, die ich nie vergeſſen würde, und bat ihn, mir ſeine Achtung wieder zu ſchenken. Er ergriff auch mit Thränen in den Augen meine Hand und verſicherte mich, er werde ſtets den innigſten Anteil an meinem Wohl nehmen, und ich möchte auch ihm ſeine Freimütigkeit ver⸗ zeihen. So endete dieſe Szene völlig verſöhnend.

Ein behagliches Stillleben genoſſen wir gerade be⸗ ſonders während der Jahre, die wir in Deſſau zubrachten.

Unvergeßlich ſind mir dieſe freundlichen Abende geblieben. Die Eltern gingen nur ſelten in Geſellſchaft. ſpeiſten wir zu Mittag, weil der Vater, die kurzen Winter⸗ tage möglichſt nutzend, bis dahin malte. Nach ſeinem Mittagsſchläfchen und genoſſenem Kaffee begann dann die Mutter ihr Amt als Vorleſerin. Der Vater beſchäftigte ſich dabei mit Entwürfen zu Gemälden oder kleinen Zeich nungen in Crayon, und wir ſtrickten, nähten oder ſpielten mit einer Art Puppen, die wir aus ſteifem Papier zierlich zu ſchnitzeln verſtanden und welche ich mit erwachendem Kunſtſinn ziemlich glücklich ausmalte. Die Mutter las geſchichtliche Werke, Reiſebeſchreibungen, oft aber auch einen guten alten oder neuen Roman vor. Zu der ernſten Lektüre lieferte der Vater gewöhnlich unterrichtende Kommentare, und gar manches lernte ich auf dieſe Weiſe ſpielend.

Die würdige Perſönlichkeit des edlen Fürſten ¹) von Deſſau, ſein echter Kunſtſinn machten dem Vater ſein Ver⸗ hältnis zu ihm ſehr angenehm. Der Fürſt beſchäftigte ihn reichlich und pflegte oft in den Morgenſtunden bei dem Vater unangemeldet einzutreten und gemütlich ein Stündchen in deſſen Atelier zu verkehren. Einſt befand ich mich dort

¹) S. über ihn Reil, v. Deſſau, 1845.

Leopold Friedrich Franz, Herzog

Um 3 Uhr

in ſehr leichtem Negligé, als der Fürſt plötzlich eintrat: erſchreckt flüchtete ich hinter ein großes Bild. Der Fürſt hatte es aber doch bemerkt, zog mich hervor und lachte herzlich über meine Verlegenheit. Bei einem ſeiner Be⸗ ſuche ¹) brachte er auch einmal Goethe mit, der auf kurze Zeit nach Deſſau gekommen war, obwohl der Fürſt deſſen Abneigung gegen den Vater kannte. Der Fürſt hatte aber geäußert, trotz ſeines Eigenſinnes ſolle Goethe den Vater beſuchen. An der Mutter fand Goethe viel Gefallen und hatte nachher geäußert,die Tiſchbein ſei eine höchſt an⸗ genehme Gegenwart.

Unter andern malte der Vater in Deſſau ein Familien⸗ bild der fürſtlichen Familie. Er hatte es eben beendet, als ihn Hugo, ²) der bekannte Juriſt, beſuchte und bei der Betrachtung des Bildes aus Ungeſchicklichkeit einen Stuhl mitten durch eine der Kindergeſtalten ſtieß. Hugo war faſt bis zur Ohnmacht erſchrocken, der Vater nicht minder. Das Bild ward indeſſen glücklich wieder reſtauriert. Hugo hatte, als er viele Jahre ſpäter mit dem Vater bei uns in Heidelberg zuſammentraf, den Schrecken nicht vergeſſen,

und wenn ſie zuſammen ein L'hombre machten, erinnerte er

wohl daran.

Der Bruder des Fürſten von Deſſau, Prinz Johann Georg oder, wie man ihn nannte, Hans Jörge, gab gleichfalls dem Vater viel zu thun. Der Prinz gefiel ſich in der Idee, eine Galerie ſchöner weiblicher Porträts an⸗ zulegen. Sein ſeltſamer, nicht eben feiner Geſchmack fand aber dazu meiſt Vorbilder, welche dem Kunſtſinn des Vaters ſchlecht zuſagten. Die prinzlichen Schönheiten waren gewöhnlich von derbem Schlage und vor allem gut ausgeſtattet mit Körperfülle; ich erinnere mich, wie der Vater oft in komiſchen Zorn ausbrach, wenn ihm ſolche Grazien vorgeführt wurden. Einmal geriet er faſt in Verzweiflung, als er aus einer recht hausbackenen Köchin eine Diana geſtalten ſollte, wie denn der Prinz überhaupt liebte, ſeine Schönen zu mythologiſieren.

Sinn für höne edle Formen war dem Vater be⸗ ſonders eigen. In Porträts idealiſierte er vielleicht zu ſehr, doch geſchah es ſelten auf Koſten der Ähnlichkeit. Er beſaß einen eigenen Takt, jeder Phyſiognomie gleichſam den günſtigſten Moment abzulauſchen, und ich glaube nicht zu viel zu behaupten wenn ich annehme, daß er unter den

¹) Es wird 1796 geweſen ſein, wo Goethe mit Karl Auguſt in Deſſau war. S. Mittl. d. V. f. Anhalt. Geſch. III. 511. ²) Der ſpäter berühmte Juriſt und Vorläufer Savignys war in Deſſau Lehrer des Erbprinzen Friedrich in Geſchichte und Staatswiſſenſchaften. 15