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geſtörte Verhältnis Schlegels und ſeiner Frau. Er war auffallend übellaunig, ſie behandelte ihn mit kalter Ver⸗ achtung. Schelling betrug ſich, als ginge ihn das gar nichts an, er zeigte ſich freundlich gegen Schlegel, während er ſich ganz vertraulich gegen die Frau benahm und deren Tochter Auguſte eine ungemeine Zärtlichkeit bewies, die aber von dem jungen Mädchen ſchroff zurückgewieſen wurde. Es war, als ob damals in der frommen, reinen Seele ein Verdacht gegen die Mutter erwachte und gegen den zweiten ihr aufgedrungenen Stiefvater ein Abſcheu, welcher ſie bei ihrer zarten geiſtigen und körperlichen Organiſation einem frühen Grabe zuführte.
Auguſte und ich nahmen ſchmerzvollen Abſchied; ich zwar ahnte von dem, was wenige Wochen nachher ſich ent— wickelte, noch nichts. Aber Auguſte zerfloß in Thränen und wollte mich und Betty gar nicht laſſen. Wir ſahen uns nie wieder.
Bald nachher wurde Schlegels Ehe aufgelöſt, und einige Monate ſpäter war die getrennte Frau mit Schelling verheiratet. Meine Korreſpondenz mit Auguſte dauerte fort, ¹) die veränderten häuslichen Verhältniſſe aber überging ſie in ihreu Briefen ſo viel als möglich. Sie ſtarb leider bald nach der Verheiratung der Mutter, ²) und ihr Tod betrübte mich tief. Was muß ihre Seele gelitten haben in der Ent— würdigung einer Mutter, die ſie ſo ſehr liebte!
Wir kehrten alſo nach Deſſau zurück, wo wir aber nicht lange mehr, nur etwa bis Neujahr verweilten, um dann nach Leipzig überzuſiedeln. Ich verließ Deſſau un⸗ gern, hauptſächlich um Jettchen Feders willen, aber auch außerdem hatten ſich dort manche angenehme geſellige Bande für mich geknüpft. In der letzten Zeit waren wir, d. h. die Mutter und wir Töchter, oft bei der Erbprinzeß von
¹) Je ein Brief von Karoline Schlegel und Auguſte Böhmer iſt noch vorhanden.
²) Dies iſt unrichtig. Auguſte Böhmer ſtarb im Bade Bocklet am 12. Juli 1800(ihr ſchönes Grabmal von Thorwaldſen ſ. b. Thiele, a. a. O. Taf. 48); erſt am 17. Mai 1803 wurde Karoline Schlegel geſchieden und am 26. Juli 1803 mit Schelling getraut. S. Schellings Leben in Briefen, I. S. 255 und 465. Die ſchönen Briefe der geiſtreichen Frau, die von Schelling, mit dem ſie bis zu ihrem im Jahre 1809 erfolgten Tode in glücklichſter Ehe lebte, als ein„Meiſterſtück des Geiſtes“ bezeichnet wurde, wurden von Waitz herausgegeben unter dem Titel„Karoline“, 1871. 2 Bde.; die beigegebenen Stiche von Mutter und Tochter ſind nach den von Friedr. Tiſch⸗ bein gemalten Porträten gefertigt. Strenger als Waitz und Haym (Prß. Jahrb. XXVIII. 457— 506) geht J. Janſſen(Zeit⸗ und Lebensbilder. 2. Aufl. 1876. S. 156—233) mit der„dautſchen Kultur⸗ dame“ ins Gericht.
Deſſau ¹) zum Thee. Dieſe vortreffliche Frau liebte die Muſik und fand beſondere Freude an unſerem Geſang, der ſich immer mehr vervollkommnete, indem ich gründlichen Unterricht erhielt, Bettys Stimme ſich auch mehr be⸗ feſtigte und unſere Trios durch der Mutter herrliche Alt⸗ ſtimme zu einer wahren Kunſtvollendung gediehen. Wir er⸗ langten eine Art Berühmtheit, welche dem Vater vielleicht noch mehr Freude machte als uns.
Bevor ich mit meinen Erinnerungen von Deſſau ſcheide, muß ich noch eines Vorfalls gedenken, der nicht ohne Einfluß auf mein Gemüt war. Es beſtand in Deſſau ein Pickenick, wozu die Honoratioren ſich alle vierzehn Tage verſammelten. Die AÄlteren ſpielten, und nach Tiſch wurde getanzt. Ich fand dieſe Bälle in einem engen, nichts weniger als eleganten Lokal, welches obendrein aus einem Nebenzimmer, worin die Herren rauchten, mit Dampßf erfüllt war, gar herrlich und war beglückt, wenn die Eltern mich mitnahmen. Dort machte ich die Bekanntſchaft eines Herrn Advokaten Schubring,* der ſich bald zu meinem Verehrer erklärte und endlich ernſte Abſichten zu erkennen gab. Es war ein recht braver Mann; um mir aber damals zu ge— fallen, hätte er ein Grandiſon ſein müſſen, und das war er freilich nicht, ſo wenig als ich eine Henriette Biron war, obwohl ich nicht geringere Anſprüche als dieſe junge Dame machte hinſichtlich einer Wahl. Ich behandelte den guten Advokaten etwas leichthin und ſchnöde. Das ſollte mir aber nicht ungeſtraft hingehen. Das letzte Pickenick, dem ich beiwohnte, war beſtimmt, mir eine gute Lehre zu geben. Herr Schubring, der erſte mich aufzufordern, drückte dabei ziemlich deutlich ſeine Empfindungen aus, für die ich nur eine ſpottende Erwiderung hatte, indem ich ihm zu— gleich den erbetenen Tanz verſagte und bald darauf mit einem anderen Herrn antrat. Als ich mich um auszu⸗ ruhen in eine Ecke des Saales ſetzte, nahm Herr Schubring einen leerſtehenden Stuhl neben mir ein; er ſah ſehr ernſt aus, und ich fühlte im Bewußtſein meines ungehörigen Be⸗ nehmens ſeinem Blick gegenüber mich verlegen. Wir ſchwiegen beide eine Weile. Dann unterbrach er zuerſt dieſe etwas peinliche Stille.„Sie haben mir heute weh gethan, liebe Mamſell Tiſchbein“, ſagte er,„vielleicht ohne es gerade zu wollen, denn ich hatte bisher eine zu gute Meinung von Ihnen, um anzunehmen, daß Sie abſichtlich mich kränken wollten“. Ich konnte ihm nichts erwidern;
¹) Chriſtiane Amalie, Prinzeſſin von Heſſen⸗Homburg, geb. 1774, verlor ihren Gemahl, den Erbprinzen Friedrich, ſchon 1814 und ſtarb 1846.
²) Wohl ein Stiefbruder des auf Predigers.
S. 77 Sp. 1 genannten


