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3 (1896) Anhang
Entstehung
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rätin war eine ſehr elegante, lebensluſtige Frau und wie ihr Mann ſehr mit Schlegels befreundet.

Viele intereſſante Männer mit ihren Familien bildeten damals in Jena eine ſehr anziehende Geſelligkeit. Paulus, Mereau, Loder, Frommann waren mit Schlegels und Hufelands befreundet. ¹) Auch Gries gehörte zu dieſer Elite, ſowie viele junge liebenswürdige und geiſtvolle Studierende. Es war ein Kreis, wo Luſt und Leben herrſchte, Bälle, Landpartien, kleine Maskeraden, alles gab es da, um junge Gemüter anzuziehen, vielleicht auch zu verlocken. Es war eine muntere Zeit, die ich unbefangen hinnahm und genoß. Gut war es jedoch, daß dieſe Zeit nicht zu weit ausgedehnt wurde und daß ich in Auguſte den Genius fand, deſſen Einfluß und kindlicher Umgang mich mehr beherrſchte als andere Eindrücke.

Einige Tage nach unſerer Ankunft in Jena kam Schelling an und bezog eine Stube im Schlegelſchen Hauſe, wo er auch nebſt mehreren jungen Leuten ſeinen Mittagstiſch hatte. Dieſer letzte war nicht der beſte, viel⸗

Wahrnehmungen machte ich

mehr gab es ein abſcheulicheres, ungeſunderes Eſſen als

hier wohl ſelten. Vielleicht wußte Frau Schlegel oft um 12 Uhr noch nicht, was Sie kochen laſſen wollte. Saure Gurken, Kartoffeln, Heringe und eine unſchmackhafte Waſſer⸗ ſuppe halfen dann aus. Die Würze zu dieſem Mahl lieferten geiſtige Beſtandteile bei der unnachlaſſenden Gewandtheit der Wirtin, alle zu beleben und anzureizen, ihren Witz leuchten zu laſſen, ſo daß die Geſellſchaft über dem Sprechen das Eſſen vergaß.

Wie Frau Schlegel verſtand, Herzen zu gewinnen, bezeugt ihr dritter Mann, Schelling. Schelling dachte, als er nach Jena kam, an nichts weniger als daran, dies zu werden; er hatte ſich ſogar höchſt nachteilig über die Schlegel geäußert und verſichert, ihn werde ſie nicht behexen. Sicher iſt es, daß der Dame dieſe AÄußerungen bekannt wurden. Wie ſie es aber anfing, ihn als Gaſt oder Mieter ob erſteres oder letzteres, weiß ich nicht mehr ins Haus zu bekommen, blieb unerörtert. Genug, er kam. Mir nicht, aber der Mutter, wie ſie ſpäter erzählte, wurde bald bemerkbar, daß ſich zwiſchen Schelling und ſeiner Wirtin ein Verhältnis entſpann, unter dem Schlegel ſehr litt. Ich entſinne mich, daß einſt nach einem kleinen Ball bei Schlegels, als alle Gäſte ſchon fort waren und ich in den Saal zurückkehrte, um etwas zu holen, Schlegel und ſeine Frau

¹) Über Hufeland, den Rationaliſten Paulus, den Juriſten Mereau, den erſten(von ihr geſchiedenen) Gatten von Cl. Brentanos erſter Frau, der Dichterin Sophie M. geb. Schubert, den Mediziner Loder, den Tiſchbein gemalt hat, Frommann und den Überſetzer Gries ſ. d. Allg. D. Biogr..

in großer Aufregung neben einander einherſchritten. Er weinte, ſie ſah ſehr entſchloſſen und erhitzt aus. Dieſe ſchnell und teilte ſie der Mutter mit.Sie werden ſich gezankt haben, antwortete die Mutter leichthin, und ich dachte nicht weiter darüber nach.

Sehr angenehme Stunden brachten wir bei Loders, Hufelands und Frommanns zu. Bei Hufelands gab es einſt eine klkeine Maskerade, wo ich als Sultanin, Schlegel

als Sultan koſtümiert, wie behauptet wurde, uns vortrefflich

ausnahmen. Eine andere Fote nur für junge Leute nahm ein Ende, das mich verſcheuchte. Unter anderen ange⸗ nehmen, munteren jungen Leuten gehörte auch ein gewiſſer Winckelmann) zu dieſem Kreis, der bisweilen mehr Student als feiner Herr war. Bei der gedachten Fote, als wir nach allerhand Spielen am Tiſch ſaßen, fing Winckel⸗ mann plötzlich, begeiſtert durch häufig genoſſenen Punſch, an zu ſingen:Uns iſt ſo kannibaliſch wohl, als wie fünf⸗ hundert Säuen. Er begleitete dieſe Rede mit ſo ausdrucks⸗ voller Freundlichkeit gegen ſeine Nachbarin, was ich glück⸗ licherweiſe nicht war, daß mir alle Luſt verging, länger zu bleiben. Ich ſtand auf und entfernte mich mit Auguſte ſogleich.

Gegen das Ende unſeres Aufenthaltes in Jena kam Friedrich Schlegelan. Seine erſte Erſcheinung befremdete mich ſehr. Ich ſtands im Speiſezimmer am Fenſter, als eine kurze, gedrungene Geſtalt, bewaffnet mit einem tüchtigen Knotenſtock, in höchſt unſcheinbarem, ja unſauberem Anzug mit dem Ranzen auf dem Rücken keck in das Zimmer trat. Ich erſchrak und ſah in ihm einen dreiſten Bettler. Er bemerkte es lächelnd und hätte ſich wohl mit meiner Verlegenheit längere Zeit Spaß erlaubt, wäre nicht gerade ſeine Schwägerin eingetreten und hätte ihn be⸗ willkommt. Friedrich Schlegel gefiel mir übrigens nicht ſonderlich, und die Aufmerkſamkeit, welche er mir erwies, konnte mich nicht günſtiger für ihn ſtimmen.

Die Mutter bereitete ſich endlich zur Abreiſe. Ohne zu wiſſen, warum, bemerkte man je länger, je mehr das

¹) Es war der Neffe des Dichters Leiſewitz, der Mediziner und Dichter Stephan Auguſt Winckelmann, der ſich zu den Romantikern hielt, aber ſchon 26jährig als Profeſſor am anatomiſch⸗chirurgiſchen Kollegium ſeiner Vaterſtadt Braunſchweig 1806(nicht 1810, wie es bei Pütter⸗Saalfeld, Verſuch e. akad. Gel.⸗Geſch. III. 173 und bei andern heißt) ſtarb. Vergl. A. Steig, Achim von Arnim ꝛc. S. 172, wo Brentano im Mai 1806 an Arnin ſchreibt:Vorgeſtern erhielt ich die Nachricht von Winckelmanns Tod durch Wilken, der ſie von Bouterwek in Leipzig gehört hat. Er ſtarb im Februar an einem ſchnellen Nervenfieber, ſo ſchnell, daß Bouterwek Aufſätze von ihm für ſeine Veſta und ſeine Todesnachricht zugleich erhielt. Mich dauert der ganze gute Kerl, der vor Klaſſiker⸗, Studenten⸗ und

Dozentenleben gar nie zu rechtem Menſchenleben gekommen iſt.