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Bertuch Güte reichlich mit Büchern verſehen, lag ich ſtundenlang darüber feſt; dann wurde Muſik getrieben, gezeichnet, ſpazieren und in Geſellſchaft gegangen, wo ich mehr gefiel, als mir juſt taugte. Lottchen Bertuch, nicht im mindeſten hübſch, aber ſehr verſtändigen und häuslichen Sinnes, konnte nicht auf mich einwirken, weil ſie nicht zu mir paßte. Ich mag ihr manchen Anſtoß dadurch gegeben haben, daß ich in meiner Stube mehr genial als ordentlich wirtſchaftete, was ſehr im Kontraſt ſtand zu den guten Lehren, die ich meiner elfjährigen Schweſter erteilte, welche zu bemuttern ich angewieſen war. Doch verſöhnte meine Gutmütigkeit Lottchen mit meinen Fehlern, wie ich glaube. Auch nahm ich manchmal einen Anlauf, ihrem Beiſpiel zu folgen; aber es war nicht von Dauer, und ſo verfloſſen etwa ſechs Wochen, bis uns die Mutter nach Jena abholte. Aufrichtig geſagt, glaube ich, daß Bertuchs ſich nicht grämten, die kleinen Gäſte los zu werden; ich grämte mich aber auch nicht und verließ gern ein Haus, wo ich mehr Proſa fand, als meine Natur vertrug.
Im Schlegelſchen Hauſe in Jena gabs dagegen Poeſie genug, aber keine Ordnung. Dieſe Wirtſchaft über⸗
ſtieg jede mögliche geniale Unordnung und wurde mir ſo erſt die Notwendigkeit einer Bei Schlegels war
widerlich, daß ich dadurch beſſeren Einrichtung ſchätzen lernte. ich viel ordentlicher als bei Bertuchs.
war gar nicht ſchön, kaum hübſch, aber ihre nette, gewandte, kleine Geſtalt war graziös, wie ihr ganzes Weſen, und in dem von Pockennarben etwas beſchädigten Antlitz lag ſo viel Einnehmendes, in ihren Augen leuchtete ſo viel Geiſt, und ihre Lippen zeigten, wenn ſie ſich öffneten, ſo ſchöne Zähne, daß man allenfalls die Neigung begreifen kann, welche nicht bloß Schlegel, ſondern auch viele andere Männer ihr maßlos widmeten. Von Deſſau wollten Schlegels damals nach Jena gehen, wo er eine Profeſſur angenommen hatte.
Schlegel gehörte zu der damaligen Zunft anmaßender Schriftſteller, in der Roheit, hämiſche Spottſucht und die frechſte Unſittlichkeit mit dem Stempel der Genialität bezeichnet wurden und deren Haupt er mit ſeinem Bruder bildete. Von ihnen gingen die Lucinden u. ſ. w. aus, Werke, die jetzt gottlob! ſelbſt Männer zum Teil nicht kennen oder nach ihrem wahren Wert zu beurteilen wiſſen. Unzählige Streitigkeiten ſetzte es über dieſe unreinen Geiſtes⸗ erzeugniſſe, die doch ihres Verfaſſers beſſere Natur verleug⸗ neten, zwiſchen Schlegel und meinem Vater, der den Um⸗ gang mit wiſſenſchaftlich gebildeten Männern ſehr liebte und ſuchte und mit vielen Gelehrten und Schriftſtellern freund⸗ ſchaftlich verbunden war; über dieſe Schlegelſchen Produkte aber fühlte ſich mein Vater, der ſich an den früheren
Leiſtungen des jungen Mannes erfreut hatte, ganz empört
Ein munteres Leben herrſchte im Schlegelſchen Hauſe. V erften Mal hörte ich ihn bei einer ſolchen Gelegenheit eine
Von Frau Schlegel, der ehemaligen Böhmer, ihrem Ver⸗ hältnis zu Schlegel, von der Bedingung, unter welcher ſie ihm, Schlegel, ihre Hand gereicht hatte, habe ich ſchon oben geſprochen. Im zweiten Jahre unſeres Aufenthaltes in Deſſau brachte er die junge Frau mit einer allerliebſten Stief⸗
tochter nach Deſſau, wo ſie etwa vierzehn Tage bei uns
wohnten. Dieſe Stieftochter, Auguſte Böhmer, war ein liebliches Mädchen von etwa vierzehn Jahren und, man mußte geſtehen, gut erzogen. Es iſt eine oft gemachte Erfahrung, daß Frauen von leichten Grundſätzen bemüht ſind, ihren Töchtern ganz entgegengeſetzte Geſinnungen einzuflößen, gleich als wollten ſie ſich dadurch entſündigen oder ſich Für⸗ ſprecher vor Gottes Thron bilden in den geliebten Weſen, welche ſie vor dem Gift bewahrten, das ſie ſelbſt verzehrt.
Auguſte war ein fleckenloſes Kind, ihr Stiefvater betete ſie an, und man mußte der Mutter um des Engels willen, den ſie verderben konnte und doch ſo heilig hielt, die eigene Schuld nachſehen. meine Eltern; ſie waren freundlich gegen Madame Schlegel, obwohl der Vater, ungewonnen durch Genialität, ihr oft tüchtig was abgab, was ſie ganz aller⸗ liebſt aufnahm und wieder vom Armel ſchüttelte.
Ich glaube, ſo empfanden
und ſprach ihm ſeine Meinung unumwunden aus. Zum unartige Antwort geben. Schlegel perſiflierte jemand in einem Geſpräch mit dem Vater ganz jämmerlich und ſprach ſogar über deſſen Phyſiognomie des Anathema aus. Auf des Vaters Einwurf, daß der Mann ſich ſein Geſicht doch nicht ſelbſt gemacht habe, antwortete Schlegel:„Ei was, jeder tüchtige Menſch vermag ſich ſelbſt ſein Geſicht zu ſchaffen.“ Im vollen Zorn verſetzte der Vater:„Könnte
man dies, ſo würden Sie beſonders wohlgethan haben, ſich
ein anderes zu machen.“—„Sie“, ſagte der Vater einmal heftig erregt zu der Frau,„Sie ſind die Schlange, welche Schlegel verführt, von Ihnen empfängt er das verderbende Gift, um es weiter zu verbreiten.“ Die kluge Frau lachte und wußte durch irgend eine ſcherzhafte Wendung Schlegels aufſteigenden Zorn wie des Vaters Heftigkeit zu beſchwören. Die Männer blieben Freunde, aus alter Gewohnheit und angeborener Gutmütigkeit, und beim Abſchied mußte die Mutter verſprechen, das Ehepaar zu beſuchen, was denn
jetzt auch geſchah.
ihre anmutige
Sie getrennt, wohnte der Juſtizrat Hufeland.
Schlegels wohnten in Jena ſehr beſchränkt. Ihnen gegenüber, ich glaube die Häuſer nur durch einen Hof Die Juſtiz⸗


