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mannsdorff entfremdete, mindeſtens Luiſen, deren Sinnesart,
indem ſie ſich jungfräulich entwickelte, mir immer weniger zuſagte, obwohl ich in ſtetem freundſchaftlichen Verkehr mit ihr blieb.
Hier iſt nun wohl Zeit etwas von meinem inneren Menſchen zu berichten, ſo gut das der Menſch von ſich ſelbſt kann. geneigt, ſich ein wenig zu belügen, wenn es auch ohne alle Abſicht geſchieht. Die Spiegel, die wir unſer Inneres re— flektieren laſſen, ſind Schmeichler.
Von einem tiefſinnigen Kinde war ich zu einem lebensfriſchen, oft recht mutwilligen Mädchen gediehen. Wenigſtens zeichnete ich mich durch Lebhaftigkeit und leichtes Auffaſſen geſelliger Anforderungen merklich vor meinen Geſpielinnen aus. Ich knüpfte leicht Unterhaltungen an und überließ mich, wo ich Anklang fand, der Freude mit großer Lebendigkeit. Meine ſehr früh geweckte Phan⸗ taſie fand überall Nahrung und ſchmückte die Wirklichkeit mit Glanzbildern, die bei einer weniger ſittlichen Richtung, als ich ſie glücklicherweiſe hatte, ſehr gefährlich werden konnten und die mir doch gewiſſermaßen ſchadeten. Ich nahm die Menſchen ſelten wie ſie waren, ſondern wie ich ſie haben wollte. Leicht Feuer und Flamme für neue Erſcheinungen und geſtört, wenn ich mich getäuſcht ſah, geriet ich in eine innere Unſicherheit über mein eigenes Urteil, das ſpäter oft bis zum Mißtrauen ging und mich in ſchwankende Zuſtände verſetzte, die meinen Hang zur Träumerei nährten und mich immer unpraktiſcher machten. Ich hätte einer anderen Leitung bedurft als derjenigen meiner gewiß trefflichen, aber mich nicht verſtehenden Eltern. Der Vater, zu ſehr befriedigt durch mein Talent zur Muſik und zum Zeichnen, hielt mich einen großen Teil des Morgens bei ſich feſt. Er ſtrebte eifrig danach, dieſe Talente völlig bei mir zu entwickeln, und überzeugt, daß er ſich hinſichtlich meiner ſittlichen Bildung getroſt auf die Mutter verlaſſen könne, forſchte er meiner Denkweiſe und meinen Empfindungen nicht ſonderlich nach. Ich mußte ihm oft vorleſen, franzöſiſch oder deutſch. Er merkte, wie ich das Geleſene begriff, ohne zu beachten, wie es wirken konnte. Hinſichtlich unſeres äußeren Benehmens betrachtete er uns ſehr ſcharf, und ich gab ihm in dieſer Beziehung keine Urſache, mit mir unzufrieden zu ſein.
Was mich innerlich auch erregen mochte, zeigte ich doch in
Geſellſchaft ein ſo gehaltenes Benehmen, daß ich für ein höchſt verſtändiges Mädchen galt. Wer mich aber mit Jettchen Feder oder den Erdmannsdorff geſehen hätte, würde mir dieſe gute Meinung wieder entzogen haben. So
ſehr überließ ich mich bei dieſen drei vertrauten Freundinnen
oft den Sprüngen meiner Phantaſie und einer Exaltation, die dieſe bei weitem ruhigeren Seelen nicht begreifen konnten, an der ſie ſich aber ergötzten. Ich konnte aber auch Stunden
voll Ernſt und tiefer Betrachtung haben. Kurz, ich war ein
Compoſitum von ſehr verſchiedenen Beſtandteilen, wovon
ten, billig einige ſcharf hätten ausgemerzt werden müſſen. Man iſt, indem man ſich ſchildert, nur zu
Vielleicht hätte ein religiöſer Unterricht, wie meine Kinder ſo glücklich waren ihn zu genießen, viel zu einer ſolchen inneren Reife beigetragen; einen ſolchen fand ich aber nicht. Die ſtarre Orthodoxie des Predigers, welcher mich unterrichtete, er⸗ kältete mich, ja leider that ſie noch mehr, ſie beluſtigte mich.
Je näher indes der Konfirmationstag rückte, je ernſter wurde mir zu Mut. Ich las viel im neuen Teſtament und hielt mir die Wichtigkeit des Tages vor, an welchem ich Gott geloben ſollte, auf Erden vor ihm nach ſeinem Geſetz zu wandeln. Den Tag ſelbſt beging ich in wirklich andächtiger, tief bewegter Stimmung. Es war im Früh⸗ jahr[1799], als ich konfirmiert wurde.
Ich hatte damals mein fünfzehntes Lebensjahr be⸗ ſchloſſen, und ein neuer Lebensabſchnitt begann für mich. Bald nach der Konfirmation traten wir alle eine Reiſe an. Ich mit meiner kleinen Schweſter ſollte auf ein paar Monate zu der Familie Bertuch) nach Weimar kommen, ein Plan, den Mattei ausgeheckt hatte. Die Mutter war zu Wilhelm Schlegel eingeladen, der damals mit ſeiner erſten Frau in Jena lebte, und der Vater reiſte nach Karlsbad.
Betty und ich fanden im Bertuchſchen Hauſe die liebevollſte Aufnahme, und daß es mir da nicht gerade gefiel, lag gewiß mehr an mir, als an der braven Frau Bertuch, ihrer Schweſter und der erwachſenen Tochter, die damals eben mit Froriep) verſprochen war und jetzt ſchon in kühler Erde ſchlummert. Wir bewohnten mit der Tochter des Hauſes drei hübſche Stuben im dritten Stock, hatten Muſikunterricht, und ich ſollte mich nach Freund Matteis verſtändiger Berechnung in dieſem durchaus prak⸗ tiſchen, geregelten Haushalt zu meinem Nutzen umſehen. Davon wurde aber, geſtehe ich beſchämt, nichts. Vielmehr gehört dieſe Zeit zu der unnützeſten in meinem Leben Zu befehlen hatten mir meine freundlichen Wirte nichts, und aus eigenem Antrieb fand ich mich zu häuslich thätiger Wirkſamkeit gar nicht aufgefordert. Durch des Vaters
¹) Der Buchhändler und Schriftſteller Fr. J. B., 1747— 1822, Geheimſekretär Karl Auguſts, ſtand mit Goethe und dem Weimariſchen Litteraturkreis in der engſten Beziehung. S. über ihn d. Allg. D. Biogr. II. 552.
²) Ludwig Friedrich Froriep, 1779—1847, Profeſſor der Chirurgie in Jena, Halle und Tübingen, zuletzt Obermedizinalrat in Weimar, leitete ſpäter auch das Verlagsgeſchäft Bertuchs.


