10
Phyſiognomie war die häßlichſte, doch hatten ſeine ſchräg liegenden, grauen, blitzenden Augen etwas Anziehendes im Ausdrucke, und bald, wenn man ihn öfters ſah, erſchien er kaum mehr häßlich. Ein wunderlicher Enthuſiasmus beſeelte ihn für Perſonen und Gegenſtände ſehr verſchiedener Art. Die Frauen und Mädchen, welchen er wohlwollte, hatte er ordentlich unter verſchiedene Benennungen klaſſificiert, Himmelskinder, Engel, einzige Seelen, Silberfädchen, Gold⸗ herzen u. ſ. w. Mich verglich er, der Himmel weiß warum, mit der Handſchrift eines ſeiner Freunde. Übrigens rangierte ich unter den Himmelskindern, meine Mutter nannte er Sophienherz, Betty war ein Silberglöckchen.
Mattei war, als wir ihn kennen lernten, ſchon ein Mann von 60 Jahren, ſo ſchien er, viele aber wollten behaupten, er müſſe älter ſein ¹1). Man hielt ihn für einen getauften Juden, ohne es gewiß ſagen zu können ²).
Familienverhältniſſe waren und blieben unbekannt. Als
Hofmeiſter eines Herrn von Branconisz) war er zuerſt Dieſer Branconi lebte jetzt ver-
nach Deſſau gekommen. heiratet in Deſſau, und Mattei beſuchte ihn oft. Branconi wußte oder wollte nicht mehr von ihm wiſſen und ſagen als andere. Merkwürdig aber war es, daß Mattei in Verbindung mit den meiſten Höfen Deutſchlands und vielen vornehmen und berühmten Perſonen ſtand. Der Fürſt wie die Fürſtin und die Erbprinzeß von Deſſau hielten ſehr viel von ihm. Er hatte bei den Herrſchaften freien Zutritt, er mochte kommen wann er wollte, und freie Tafel. Die Königin Luiſe von Preußen hatte er unvermählt gekannt; er ſtand in hoher Gnade bei ihr und blieb es, als ſie ſpäter Königin wurde. Mit dem Weſen der höchſten Offenheit verband er die feinſte Diskretion. Offenbar
genoß er das Vertrauen dieſer höchſten Herrſchaften und
mochte in mancher Angelegenheit in ihre Dienſte verwickelt
¹) Er war 1744 in Nürnberg geboren und ſtarb 1830 in
Neuſtrelitz.
²) Er war es allerdings; ſein Vater, der Fürther Simon Geithel, hatte ihn und ſich 1748 taufen laſſen. S. Scherer a. a. O. S. 217.
³) Er war eigentlich Erzieher des 1767 gebornen Grafen von Forſtenburg geweſen, eines natürlichen Sohns des Herzogs von Braun⸗ ſchweig und der bekannten, 1793 verſtorbenen Frau von Branconi; übrigens war dieſer ſein Zögling ſchon 1794 an den Folgen ſeiner bei Kaiſerslautern erhaltenen Wunden geſtorben. Der zwei Jahre ältere, legitime Sohn der berühmten Schönheit, Franz Anton Salvator von Branconi, iſt nach einem ehrenvollen Leben 1827 als preußiſcher Landrat und Kammerherr geſtorben.(S. Zenker in der Allg. Zeitung 1889, Beil. 199.) Mattei hat wohl auch ihn erzogen, iſt aber nicht als ſein Hof⸗ meiſter nach Deſſau gekommen; einem Reiſemarſchall Branconi, der wohl mit dem ebengenannten identiſch iſt, ließ der Fürſt ein ſchönes, noch heute ſtehendes Haus bauen; übrigens erhielt Mattei zeitlebens von der Familie Branconi ein Jahrgehalt ausgezahlt.
Seine
ſein; doch rühmte er ſich deſſen nie, ſondern ging ſtets leicht, ohne alle Anmaßung oder Wichtigthuerei über die Beweiſe von Achtung hinweg, die ihm höhere Perſonen erwieſen. Oft, erinnere ich mich, wurde er plötzlich von uns abgerufen, um zum Fürſten oder zur Erbprinzeß zu kommen. Er genügte dieſer Aufforderung ohne alle Bemerkungen oder zu große Eile, und niemals fiel es jemand ein, ihn zu fragen, was denn die gnädigen Herr⸗ ſchaften mit ihm vorhätten. So natürlich nahm er dieſe Auszeichnungen als von ſelbſt verſtanden an, und ſo gewiß war man ſeiner unverbrüchlichen Diskretion. Nach einer langen Abweſenheit kam er gewöhnlich unangemeldet mit großem Jubel an und warf ſeinen Hut ein paarmal hoch in die Luft unter einer Menge der freudigſten Ex⸗
klamationen, wohlverſtanden aber nur, wenn er die Mutter
Geſelligkeit ſtatt.
mit uns Mädchen allein fand; denn vor Männern nahm er ſich zuſammen, doch ohne daß es den Anſchein hatte, als thäte er es mit Fleiß. Er erweckte Vertrauen und wußte bei den meiſten Gelegenheiten Rat. Doch muß ich bemerken, daß er im allgemeinen bei den Frauen mehr Glück machte, als bei den Männern. Mein Vater hatte nichts gegen ihn, aber auch nichts für ihn. Viele andere Männer aber konnten ihn nicht leiden, er war ihnen zu exaltiert. Meiner Meinung nach aber verſtanden die Männer nicht ihn richtig zu beurteilen. Weit entfernt, daß es ihm an Tiefe und Ernſt gefehlt hätte, zeigte er vielmehr— des konnte man ſicher ſein— dieſe Eigenſchaften in hohem Grade, wenn der Anlaß dazu aufforderte. Man konnte von ihm ſagen, er war überall und nirgends zu Hauſe; denn in aller Herren Ländern fand er in dem Hauſe eines Freundes oder hohen Gönners eine Heimat; ſo koſteten ihm nur ſeine Fahrten, ſein Aufenthalt nie etwas. Seine Lebensgewohnheiten waren äußerſt bedacht und mäßig; ſeine Toilette ſehr einfach, und ich habe ihn nie anders geſehen, als grau in grau gekleidet, mit einer ſchmalen weißen Halsbinde und hoch zugeknöpfter grauer oder weißer Weſte.
Eine Jugendfreundin, die ich mir in Deſſau noch gewann, war Jettchen Feder, älteſte Tochter des Profeſſors Feder in Deſſau ¹). Dieſer hielt eine Penſion für junge Leute, und in ſeinem Hauſe fand eine einfache, aber muntere Bald verband mich mit Jettchen eine warme Freundſchaft, die mich etwas den Schweſtern Erd⸗
¹) Über Chriſtoph Friedr. Feder, 1752—1807, ſ. Hoſaeus a. a. O. IV. 437. Er war Lehrer an Baſedows Philanthropin geweſen
und gründete nach der Auflöſung des letzteren(1793) eine eigene Anſtalt, zu deren Schülern auch eine Zeitlang der Fürſt Pückler⸗
Muskau gehörte.


