einmal außer der Bühne zu ſehen, wozu ein Konzert bei
Herrn von Döring mir endlich verhalf. Ich konnte vor Erwartung kaum die Nacht vorher ſchlafen und begab mich in ſehr erhöhter Stimmung in die Aſſemblee. Die Geſell— ſchaft war faſt ſchon beiſammen, und mein Blick überflog die Reihen der Herren, um den zu erblicken, welcher meine Phantaſie in ſo lebhafte Bewegung verſetzt hatte. Iſt denn Herr Kafka ſchon hier? fragte ich endlich eine Bekannte, und ſie wies bejahend auf einen mittelgroßen, bleichgelben, dürren Mann, um deſſen verzogene, dünne Lippen ein nichts⸗ ſagendes Lächeln ſchwebte, deſſen gerötete matte Augen unſicher umherblickten und deſſen Haltung vollkommen nachläſſig war. Nicht möglich, dachte ich, er kann's nicht ſein. Aber er war es dennoch; ich hoffte nun auf die Entdeckung ſeiner inneren Trefflichkeit, indem ich ſein Äußeres preisgeben mußte. Als ich ihn aber in den fadeſten Gemeinplätzen ſprechen hörte und er endlich auch mich ſeiner Aufmerkſamkeit würdigte, indem er mir fade, läppiſche Schmeicheleien über meinen Geſang— ich hatte ein Paar Arietten geſungen— ſagte, wurde er mir ſo widerlich, daß ich mich empört abwandte; die Eltern, welchen ich meine Enttäuſchung mitteilte, lachten herzlich. Seit⸗ dem ſank mein Enthuſiasmus für die Herrn der Bühne gewaltig. Ich dachte immer, wie mögen ſie hinter dem Vorhang ausſehen und ſprechen!
Die Bekanntſchaften der Eltern häuften ſich, wie ich bemerkt habe, im dritten Jahre unſeres Aufenthaltes in Deſſau, und es wäre langweilig, alle die Familien aufzu⸗ zählen, mit welchen wir nach und nach in geſellige Berührung kamen. Damals ſchon, wie ſpäter, ſahen die Eltern des Abends gern Beſuch. Bekannte und Freunde durften ungebeten zur Theeſtunde kommen. Am häufigſten fanden ein Kammerherr von Wolframsdorf, Herr von Leh⸗ mann“) und Hofrat Kuhn ſich ein.
Erſterer war ein gutmütiger aber langweiliger Menſch mit der längſten Naſe, die ich je ſah. Er liebte Muſik und veranſtaltete oft kleine Konzerte bei ſich, wo ich als Primadonna fetiert wurde. Allmählich aber zeigte ſich der Herr Kammerherr nicht bloß als Bewunderer meines Geſangs, ſondern meiner Perſon überhaupt und trug mir endlich ſeine Hand an. Ich hatte aber nicht Luſt Frau Kammerherrin zu werden, und ſo erhielt der gute Herr v. W. ein recht zierliches Körbchen, was ihn jedoch
nicht ganz aus unſerm Hauſe vertrieb. Er fuhr fort uns
zu beſuchen und fürchterlich dabei zu ſeufzen, was mich— 244. Mit dieſer Erzählung Karolinens taucht der unſtäte Sonderling,
¹) Unter dem Titel eines Legationsrats ſtand er(wie Wolframs⸗ dorf) im perſönlichen Dienſte des Fürſten.
aber nicht im mindeſten rührte. Ich will geſtehen, daß ich bei meiner damaligen großen Munterkeit mich ſelbſt gern ein bischen über ihn luſtig, machte.
Der Dichter Matthiſſon, damals der Fürſtin Luiſen) von Deſſau attachiert,²) welche, getrennt von ihrem Gemahl durch eine höchſt ſeltſame Einmiſchung Lavaters, im Luiſium, einem ſehr ſchönen Landhauſe bei Deſſau, lebte, war oft in Deſſau und bei uns. Sein Äußeres war nicht beſonders auffallend, aber ziemlich angenehm damals; ſpäter entſtellte der zu häufig genoſſene Wein ſein durch Pockennarben ſchon gebräuntes Antlitz durch brennende Röte zu ſehr. Er gab ſich etwas ſentimental wie ſeine Gedichte, die mich ſehr entzückten. Doch konnte er auch ſcherzhaft ſein, und ſeine Unterhaltung gab doch immer etwas aus. ³) Ein anderer, durch Goethe bekannt gewordener Mann, der Hofrat Behriſch), lebte auch in Deſſau, und ſehr genau erinnere ich mich noch ſeiner auffallenden Per⸗ ſönlichkeit, die gerade ſo war, wie Goethe ſie in ſeinem Leben ſo trefflich geſchildert hat³). Er begegnete uns oft auf Spaziergängen, wo er ſich dann meiſt an uns anſchloß und ſich im altmodiſchen Stil ſehr galant gegen die Mutter und mich zeigte. Hofrath Kuhn’) deſſen ich oben erwähnte, war ein lebensfroher, ſehr munterer, geiſtig geweckter Mann, im Dienſte des Prinzen Hans Jörge’), nach deſſen Tode er nach allen Weltgegenden große Reiſen unternahm, ſo daß er noch jetzts), ein hoher Siebenziger, von einer Reiſe nach Griechenland wie von einer Spazierfahrt ſpricht.
Noch eine Bekanntſchaft machten wir in Deſſau, die des Hofrat Matteis), eines der größten Originale, die man ſehen konnte. Zwerghaft klein, aber doch ebenmäßig gebaut, hatte er eine ungemeine Gliedergelenkigkeit. Seine
¹) Prinzeſſin von Preußen, Markgräſin von Brandenburg⸗ Schwedt, geb. 1750, vermählt 1768, † 1811.
²) Als Lektor und Reiſegeſchäftsführer.
³) Auch ihn hat Tiſchbein gemalt. S. Döring, Matthiſſons Leben, im 9. Band von deſſen Schriften, S. 246.
⁴) Vergl. Hoſaeus, E. W. Behriſch. Deſſau. 1883 u. Mittlg. d. V. f. Anh. G. III. 492 ff. Behriſch war Erzieher des Erbprinzen.
⁵) S. die Hempelſche Ausgabe, II. 78. Er verdankte ſein Amt in Deſſau der Empfehlung Gellerts.
6) S. auch oben S. 75, Sp. 2.
⁷)(1748— 1811), Bruder des Herzogs Franz. S. Hoſaeus in d. Mittlg. d. Ver. f. Anh. Geſch. IV. 488 u. ö.
³) Die beiden Aufzeichnungen ſind 1837 und 1839 gemacht.
*) Eigentlich Matthaei. Vergl. über den merkwürdigen Mann den Aufſatz von Scherer im Göthe⸗Jahrbuch XV.(1894) S. 216
der mit dem Jahre 1796 ſeinem Biographen Scherer aus den Augen
entſchwunden war, wieder auf. Vgl. auch Funck, Die Wanderjahre
der Fr. v. Branconi, in Weſterm. Mon. H. 1895. S. 172— 185. 13*


