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3 (1896) Anhang
Entstehung
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denn zuletzt wieder ganz auf mich ſelbſt und meine kleine

achtjährige Schweſter angewieſen, die mir aber zu jung war. Betty, von ungewöhnlich zarter Körperbildung, war ein ſtilles, ſehr reizjbares Kind; wunderbar hatte ſich da⸗ mals ſchon ihre Stimme und ihr Talent für Muſik überhaupt entwickelt. Sie ſang wie eine Nachtigall, und während der Vater morgens malte, ſtudierten wir bei ihm kleine Duos oder Trios ein, die wir, wenn er Séancen hatte, den Sitzenden vorſingen mußten, die ſich denn an uns, in dieſer Beziehung kleinen Wundern, ſehr ergötzten. Aber auch dies frühe Singen taugte nicht. Ich glaube, es legte bei mir den erſten Grund zu dem Nervenreiz, der ſpäter ſich zu einer bedeutenden Höhe ſteigerte und mir viel Qual gemacht hat. Kurz, unſere Erziehung war nicht praktiſch, wie ich durchaus hätte genommen werden müſſen und wobei ich doch noch ein gut Teil Empfäng⸗ lichkeit für andere Intereſſen würde behalten haben.

Nach einem Aufenthalt von ungefähr vier Monaten verließen wir Weimar und begaben uns nach Deſſau), wo wir ein großes, wüſtes, altes Haus bezogen, auf dem kleinen Lindenplatz am Ausgange der Kavalierſtraße dicht an der Johanniskirche. Der Vater fand in dieſem Hauſe ein genügendes Atelier, was die Hauptſache war, und wir übrigen richteten uns ein, ſo gut es ging. In dem ſcheunen⸗ artigen Vorſaal, der unſere Zimmer vom Atelier trennte, lagerte ſich zur Nachtzeit eine Herde grimmig hungriger Ratten, die nur mühſam vertrieben werden konnten. Die häßlichen Beſtien haben mich oft erſchreckt; ſie ſaßen wie Gäſte auf den Stühlen, wenn ich abends mit dem Wachs⸗ ſtock in der Hand hinaustrat.

Von meinem Leben in Deſſau habe ich viele und verſchiedene Erinnerungen behalten.

Der Vater war an Herrn von Erdmannsdorff) adreſſiert, in deſſen Familie wir die gaſtlichſte Aufnahme fanden. Seine Gemahlin ſtarb gleich nach unſrer Ankunft und hinterließ zwei Töchter von meinem Alter, mit welchen ich mich ſo befreundete, daß wir endlich täglich zuſammen⸗ waren. Luiſe, die ältere, war ſehr phlegmatiſch und lang⸗ ſamen Geiſtes, die jüngere, Minna, dagegen geweckt, ſehr empfänglich für gemütliche Eindrücke und überhaupt un⸗ gemein! liebenswürdig. Mit ihr verſtand ich mich unendlich

¹) 1) Tiſchbein lebte da von 17951800.

²) S. über ihn die Allg. D. Biogr.; Tiſchbein hat ihn im folgenden Jahre(auch für Gleims Freundſchaftstempel, ſ. Körte, Gleim, S. 453) gemalt. Der Künſtler ſollte ihm für die 1795 gegründete (übrigens 1806 bankerott gewordene) chalkographiſche Geſellſchaft in Deſſau alljährlich ein hiſtoriſches Gemälde liefern; doch überſchätzte Erdmannsdorff ihn für die Zwecke der Geſellſchaft. S. Hoſaeus i. d. Mittlgn. d. Vereins f. Anhalt. Geſch. III. 393. 406.

viel leichter, als mit Luiſen. Unſere Zuſammenkünfte fanden aber nur morgens und früh nachmittags ſtatt, die Abende verlebten wir ſtill zu Haus, ohne alle Abwechſelung, wenigſtens den erſten Winter. Denn im zweiten Jahr hatten die Eltern ihre Bekanntſchaften erweitert, und im dritten Jahr, wo ich fünfzehn Jahre alt war, wurde auch ich mehr in geſellige Kreiſe eingeführt. Uns gegenüber wohnte eine Hofrätin Köhler, deren Tochter, ein ſchon etwas über⸗ reifes Mädchen von angenehmem Weſen, ſich ſehr an die Eltern anſchloß.

Mit der Familie des Handelsherrn Bramigk,)R) eines

Handelsmatadors erſter Größe, begabt mit allem Stolz

und Geldbewußtſein ſeiner Kaſte, ſchloſſen die Eltern herz liche Freundſchaft. Das weibliche Perſonal der Familie war teilweiſe ſehr angenehm, beſonders die älteſte, unver⸗ heiratete Tochter, eine verheiratete, die Doktorin Olberg'), und vor allen die über alle Beſchreibung edle, feine Mutter, die in ihrem hohen Alter noch ſchön zu nennen war. Nie ſah ich ſolch einen Ausdruck ſanfter, demütiger Ergebung, als in dem reinen Antlitz dieſer Matrone. Sie hatte viel zu leiden von den Launen und der Aufgeblaſenheit ihres Eheherrn wie von der verkehrten, eigenſinnigen Gemütsart einer jüngeren Tochter, meiner Namensſchweſter, mit der ich aber gottlob! ſonſt nichts gemein hatte.

Jeden Sonntag gingen wir nachmittags mit den Eltern zu Bramigks, wo erſtere eine Partie machten und wir Kinder uns wie Kinder amüſierten, ſo gut es ging. Ein Graf Boſe) mit ſeiner Gemahlin, einer geborenen Holländerin, die die Eltern kannten, und ein Baron von Döring mit ſeiner Frau gaben bisweilen Aſſembleen, zu denen die Eltern mich mitnahmen. Bei ihnen erfuhr ich eine Täuſchung komiſcher Art. Ich durfte bisweilen ins Theater gehen. Der erſte Held im Schauſpiel und in einigen Opernrollen war ein gewiſſer Kafka⁴). Schwerlich würde er meine Kritik jetzt aushalten; damals aber geriet ich vor Bewunderung ſeiner Erhabenheit in edlen Rollen oft ganz in Feuer und dachte, wer ſo ſpielen kann, was muß das für ein trefflicher, edler Menſch ſein! Auch ſein Außeres dachte ich mir, ſeiner Erſcheinung auf der Bühne gemäß, ſchön und vurdig Ich brannte vor Verlangen, den außerordentlichen Mann

¹) Er war Beſitzer einer großen Tabaksfabrik.

²) Ihr Gatte, Hofrat Dr. O., war ein geſchätzter Arzt und Vorſitzender der Medizinalkommiſſion.

³) Graf Louis Boſe bewohnte das jetzige Herzogl. Bibliotheks⸗ gebäude, und ſein Haus war ein Hauptſammelplatz der höheren Ge⸗ ſellſchaftskreiſe.

¹) Er war nur vorübergehend an dem erſt 1794 begründeten Theater beſchäftigt.