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übrigen Tage der Woche dominierte ſie in Papilloten und Schlumpen das Haus.
Weimar führte damals mit Recht den Namen Deutſch⸗ Athen; es war der Sammelplatz geiſtiger Berühmtheiten; Wieland, Herder, Goethe, etwas ſpäter auch Schiller lebten damals in dieſer Stadt, und dieſe Männer wirkten auf einzelne begabte Naturen wie auf das Publikum, das ſtolz war, ſie Mitbürger nennen zu dürfen. Das Theater war auf dem Punkt höchſter mimiſcher Vollendung; Bertuch mit ſeinem Induſtrie⸗Komptoir blühte; ab und zu ſtrömten die Fremden; alles vereinigte ſich in der kleinen, unter dem Schutze eines geiſtvollen, liberalen Fürſten blühenden Reſidenz.
Zu den genaueren Bekannten der Eltern gehörten Bertuch und der Landſchaftsmaler Kraus, der nachmalige Präſident Weyland und der Ober⸗Konſiſtorialrat Böttiger. ¹) Die heiterſten Vereine bildeten ſich zwiſcheu befreundeten Familien wie im allgemeinen. Der Vater hatte viel zu thun; er malte u. a. auch die verwitwete Herzogin Amalie, Schweſter Friedrichs des Großen. ²)
Die Fürſtin kam zum Vater, und wir mußten bei dieſen Séancen ſtets gegenwärtig ſein. Sie war eine kleine, runde Figur, das Gehen wurde ihr ſchwer, und ſo impo⸗ nierte ihre erſte Erſcheinung nicht. Wenn ſie aber ſaß und ihre großen, leuchtenden Augen einen trafen, fühlte man ſich ergriffen von dem erhabenen Ausdruck, der in ihnen lag; es waren, wie ich oft hörte, Friedrichs Blicke, nur weiblich milder. Sie ſprach meiſt franzöſiſch.
Bei Herder war ich einmal mit den Eltern zum Kaffee; ich war, ohne natürlich damals ſchon etwas von ihm geleſen zu haben, begierig, einen ſo berühmten Mann, wie ich ihn nennen hörte, zu ſehen, und gab recht genau Achtung auf ihn. Sein Außeres war nicht gerade ein⸗ nehmend. Er hatte etwas rötliche, trübe Augen, ſprach langſam und feierlich, wie auch ſeine Haltung war. Ich dachte, als wir weggingen, ein berühmter Mann müßte eigentlich ein bischen hübſcher ausſehen.
Einſt nahmen die Eltern mich mit ins Theater, und ich erhielt einen Platz neben einem ſchönen, ſtattlichen Mann. Was gegeben wurde, weiß ich nicht mehr, wohl aber, daß ich ſehr enzückt war und dadurch meinem Nachbar auffiel, der anfing, ſich mit mir zu unterhalten, mir Bonbons anbot und immer freundlicher wurde, je
¹) Außer Schiller, Herder und Wieland hat Tiſchbein auch den ihm und ſeiner Familie beſonders naheſtehenden Böttiger gemalt und eine Kopie des Bildes auch für Gleims Freundſchaftstempel geliefert. S. Körte, Gleim, S. 453.
²) Wahrſcheinlich eine Kopie des Bildes gab Tiſchbein in Gleims Freundſchaftstempel. S. Körte a. a. O. S. 450.
offener ich mich ausſprach. Nachher erfuhr ich, daß ich neben Goethe geſeſſen hatte. Dieſer berühmte Mann gefiel mir ſchon beſſer.
Seltſam war es, daß Goethe gegen den Vater eine Animoſität zeigte, die ſich auch ſpäter gleichblieb und da⸗ rauf beruhte, daß Goethe einen jungen Künſtler, Meyer ¹), protegierte, der nach ſeiner Meinung die hohen Herrſchaften malen ſollte, wogegen der Herzog ſich auflehnte und aus eigener Machtvollkommenheit ſich den Vater nach Weimar berief. Nie hat Goethe dies vergeſſen; er ging in dieſer Kleinlichkeit ſo weit, daß er ſich entſchieden weigerte, des Vaters Arbeiten zu ſehen. Mein Vater war zu ſtolz, des berühmten Mannes Gunſt durch niedrige Kriecherei zu ſuchen, ließ die Sache auf ſich beruhen und hielt ſich eben fern.
Ein großer Gönner von uns war der Rat Krauss), ein lebhaftes munteres Männchen, Hageſtolz ſeines Zeichens und voll unſchädlicher Eigenheiten. Ich mußte ihn oft be⸗ ſuchen und bei ihm zeichnen, worin ich damals große Fort⸗ ſchritte machte. Unterricht in anderen Dingen hatte ich in Weimar nicht, war alſo ganz wieder auf meine Einbildungs⸗ kraft angewieſen. Weibliche Arbeiten, ich geſtehe es, lang⸗ weilten mich, und wenn ich der guten Mutter einen Vor⸗ wurf machen darf, ſo muß ich ſagen, daß ſie es an Beharr⸗ lichkeit fehlen ließ, dieſe Trägheit bei mir zu bekämpfen. Sie ſchalt wohl, aber ſie ließ mich gehen. Der Vater war wohl zufrieden, wenn ich gut zeichnete, und freute ſich über meine zeitige geiſtige Entwickelung, die indeſſen auch eine falſche Richtung nahm. Ich las ungeheuer viel, zwar meiſt Kinderbücher, aber wenn ich unter den Büchern der Eltern kramte, was oft geſchah, machte ich mich auch an dieſe, (wozu ich, wenn die Eltern abends in Geſellſchaft waren, Zeit genug hatte), die ich aber nicht gehörig verdauen konnte, während ſie mir Stoff boten zu Träumereien, denen ich immer mehr nachhing. Mein geſelliger Verkehr mit den Töchtern des Hauſes nahm in der letzten Zeit dadurch ab, daß ſie verlangten, ich ſollte ihre Spiele mit ihrem Bruder und deſſen jungen Kameraden teilen, die meiſt wild und nach meinen Begriffen unſchicklich waren. Die jungen Herren, mit Ausnahme von zweien, die mir große Achtung bezeigten, nannten mich eine Zierpuppe, die man müßte laufen laſſen. Meine beiden jungen Geſpielinnen aber, welche aber gerade auf die jungen Monſieurs, welche ſich zu meinen Rittern erklärt hatten, am meiſten hielten, wurden neidiſch und zogen ſich auch von mir zurück. So blieb ich
¹) Den bekannten„Kunſtmeyer.“ ²) Der Landſchaftsmaler Hofrat Georg Melchior Kraus(1733 — 1806), Direktor der Zeichenſchule in Weimar, hatte bei J. H. Tiſchbein zeichnen gelernt. 14


