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3 (1896) Anhang
Entstehung
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Mariannen in ſein Gemach, wo er mit einer großen Fliegen⸗ klappe bewaffnet auf und ab ging und Fliegen belauerte, denen er mit ſolcher Wichtigkeit ihr kurzes Daſein nahm, als ſeien es menſchliche Sünder und er der Henker.

Arolſen wimmelte damals von Emigranten; Ducs, Comtes, Marquis mit ihren Familien ſogen den ohnehin ſchon verarmten Fürſten jämmerlich aus, zum peinlichſten Ärger meines Großoheims Frensdorf, der mit all ſeinem Ernſt und Einfluß dieſer franzöſiſchen Peſt nicht wehren konnte. Die Marquiſe von Ferronet, eine gewandte, ſehr liſtige Frau, beherrſchte den Fürſten ganz. Sie hatte eine Tochter in meinem Alter, und da ich des Franzöſiſchen völlig mächtig war und öfters den Vater und den Groß⸗ onkel auf dem Schloſſe in Arolſen beſuchte, ſchloß ſich die kleine Adele Ferronet zärtlich an mich an. Sie war ſchön und klug, ihr Umgang gefiel mir, denn ich konnte über viel mehr Dinge mit ihr ſprechen, als mit der weit einfacheren Marianne Suden, die keineswegs meinen Geſchmack an Büchern teilte und der die Werke der franzöſiſchen Litteratur. lauter böhmiſche Dörfer waren. Unſere Unterhaltungen ſpannen ſich oft ſtundenlang aus, und Gott weiß es, wie es plötzlich der kleinen Pariſerin einfiel, mich bekehren zu wollen. Genug, ſie fing an mich zu bearbeiten wie der beſte katho⸗ liſche Prieſter nur immer vermocht hätte. Mit feuriger Beredſamkeit ſchilderte ſie mir die Vorzüge ihres Glaubens, ihre Heiligen und Märtyrer, die erhebende Feier ihres Gottesdienſtes und machte endlich Eindruck auf mein Ge⸗ müt. Von da an begann für mich eine Zeit der Qual und des Zweifels, die mich faſt überwältigte. Sie hatte mir das Verſprechen abgenommen, über unſere religiöſen Geſpräche ſelbſt gegen die Eltern zu ſchweigen. So erwog ich denn in der Stille ihre Überzeugung gegen die meinige, ſo weit dieſe bei meiner großen Jugend überhaupt ent⸗ wickelt ſein konnte.

Adelens Gründe blendeten mich, es lag etwas darin,

was meine Seele auf eigene Art erregte; ich war, glaube ich, auf gutem Wege bekehrt zu werden, wäre nicht endlich der Mutter mein ganz verändertes Weſen aufgefallen; ich wurde elend und ſo träumeriſch, daß gar nichts mehr mit mir anzufangen war. Endlich drang die Mutter mit ſolchem Ernſt in mich, zu ſagen, was mir fehle, daß ich⸗ in heiße Thränen ausbrechend, beichtete, und die Folge dieſer Beichte war ein ſtrenges Gebot, die kleine eifrige Be⸗ kehrerin fortan zu meiden. Der Großonkel wurde von ihren Beſtrebungen überdies unterrichtet, und ich kam nicht mehr zuſammen mit Fräulein Adele. Von da an erteilte mir Herr Kandidat Lorenz einigen vorbereitenden Religions⸗

unterricht und wußte leicht durch ſeine einfache, fromme

Weiſe meine kindiſchen Zweifel und entſtandene Hinneigung zum Katholizismus zu beſeitigen. Mit der Mutter ſprach ich gar nicht darüber, aber bisweilen mit dem Vater, der leichter als die Mutter meinen Ideengang auffaßte und zu leiten vermochte. So ſehr ich ihn aber auch liebte, ſo fühlte ich mich doch nicht oft verſucht zu ganz vertraulichen Mitteilungen; es lag ein Ernſt in ſeinem Weſen, der mich zwar nicht ſchreckte, aber doch zurückwies in der Furcht, ihm lächerlich oder kindiſch zu erſcheinen.

Der Großonkel, welcher im Schloſſe wohnte und fürſtlich eingerichtet war, gab öfters Aſſembleen, wo die Mutter und Tante Nette als Wirtinnen präſidierten und wo es hoch herging mit Leckereien aller Art. Dieſe Ge⸗ ſellſchaften behagten mir ganz gut, beſonders wegen des ſchönen Lokals; die gebohnten Fußböden, großen Spiegel, glänzenden Tapeten und vergoldeten Meubles erinnerten mich an die verlaſſene holländiſche Herrlichkeit. Indeſſen kehrte ich eben ſo gern auch wieder nach Mengeringhauſen zurück, wo es mir unter meinen Büchern und mit meinen Ge⸗ ſpielen recht behaglich war. Ofters ging ich auf den dicht vor dem Orte belegenen Kirchhof, wo der Großvater unter einem einfachen Leichenſtein ruhte. Ich dachte und träumte da ſo mancherlei, was mir wohl that. Es war jedoch nicht klar geſtaltet, ſondern ein Ahnen, ein Verſenken in höhere Dinge, als die Erde bot. Es war ſchön, und ich möchte wohl jetzt noch ſo träumen können.

Wie ſchon geſagt, waren des Vaters Dienſtverhält⸗ niſſe in Arolſen nicht bindend. Nach einem halbjährigen Aufenthalt dort verließ der Vater(1795) wieder die kleine Reſidenz ¹) und folgte einem Ruf des geiſtreichen, kunſt⸗ liebenden Fürſten von Deſſau, ²) welcher ihm ganz annehm⸗ liche Bedingungen machen ließ.

Wir rüſteten uns dahin zu gehen, vorher wollte aber der Vater noch einen kurzen Aufenthalt in Weimar nehmen Mit tiefer Wehmut trennte ich mich von der Heimat und' den lieben Verwandten. Ich fühlte, wie es ſich denn auch erwieſen hat, daß ich auf immer Abſchied nahm. Wir reiſten über Caſſel, wo die Eltern bei einem Schwager der Mutter, dem Baurat Ludovici, ich mit Betty bei der Stiefgroßmutter und Stieftante wohnten. Nach dreiwöchentlichem Auf⸗ enthalt dort ſetzten wir unſere Reiſe ohne Unterbrechung bis Erfurt fort, wo wir des Morgens früh(wir reiſten die Nacht durch) ankamen und direkt vor dem erzbiſchöf⸗

¹) Nach einer Angabe bei Nagler hat er dem Fürſten ein Bild, tribut de la reconnaissance, gewidmet, eine ſchöne Frau mit dem Bildnis desſelben darſtellend.

²) Leopold III. Friedrich Franz, Enkel des alten Deſſauers, reg. 17581817.