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nicht einreden; vor ſeiner Seele ſchwebte das fürchterliche Bild der in Frankreich herrſchenden Gräuel, er ſah Ahnliches in Amſterdam voraus und wollte um jeden Preis ſich und die Seinigen in Sicherheit bringen. ¹) So wurde die Abreiſe unwiderruflich beſchloſſen, obwohl eine Menge von Arbeiten noch der Vollendung harrte. Das Mobiliar, nach der Abreiſe der Eltern von Scherenberg oder ſeiner Schwieger⸗ mutter verkauft oder übernommen, ergab nur ſehr geringen Ertrag, und erſt nach Jahren gelang es dem Vater, den Vorſchuß von mehreren tauſend Gulden, den er von Scherenberg erhalten hatte, abzutragen.
Spät im Herbſt[1794] erfolgte unſere Abreiſe von Amſterdam. Wir ſchifften uns ein und legten die kurze Fahrt auf dem Zuider⸗See bis Zwolle bei widrigem, unge⸗ ſtümen Winde zurück. Die Mutter und wir Kinder wurden ſeekrank, beſonders die Mutter und ich, und meine aufgeregte Phantaſie verſchlimmerte das Übel noch um vieles. Campes Reiſebeſchreibungen und der Robinſon ſpukten gewaltig in meinem Kopfe und boten Stoff zu allerlei Befürchtungen möglicher Abenteuer und Gefahren, die ich mit Exaltation ausſpann. Ich ſah uns verſchlagen auf weitem Meer, die Mutter und ich ſtarben, den Vater aber und Betty ließ ich leben, und die Vorſtellung der Trauerkunde, welche ſie nach überſtandener Not in die Heimat bringen würden, entlockte mir bittere Thränen über mein und der Mutter frühes Grab in der ſalzigen Flut. Indeſſen erreichten wir am zweiten Morgen ohne weitere Gefährdung das Ufer, und der köſtliche Kaffee in dem kleinen am Strand be⸗ legenen Wirtshaus brachte als befreiende Wirkung von dem ausgehaltenen Seeübel eine fröhliche Auferſtehung meiner Gedanken hervor. Doch hätte ich um keinen Preis die ausgeſtandene wirkliche und eingebildete Not hingegeben, da ich es mir ſehr ergötzlich dachte, meine Erlebniſſe den lieben Verwandten daheim zu erzählen. Von Zwolle reiſten wir mit Extrapoſt weiter und kamen endlich in Arolſen an.
Dort hatten ſich indes die Verhältniſſe geändert. Das elterliche Haus war, da der Vater in Holland zu bleiben gedacht hatte, an den Regierungsrat Bunſen ver⸗ kauft worden, und die Tante Luiſe wohnte mit der alten Großmutter jetzt in Caſſel, wo der Vater ſie nach wie vor großmütig unterſtützte. Die Mutter bezog mit uns Kindern in Mengeringhauſen eine gemeinſame Wohnung mit einer ihrer Schweſtern, die indes Witwe geworden war, der Kriegsrätin Schmidt, welche drei Kinder hatte, wovon das
¹) Ende Dezember 1794 erfolgte wirklich die Invaſion Piche⸗ grus nach Holland, der am 20. Januar 1795 in Amſterdam einzog.
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jüngſte, Sophie, ſpäter mit dem Oberſtlieutenant von Baum⸗ bach in Arolſen verheiratet, ſchöner war als ich je in meinem Leben etwas geſehen, weder auf Gemälden noch in der Wirklichkeit. Die Tante Schmidt war eine ſanfte, ſchwermütige Frau mit feinen, edlen Zügen; ich gewann ſie ſehr lieb, lieber als die Tante Nette, die mir etwas zu lebhaft und praktiſch war. Der Vater bezog nach dem Wunſche des Fürſten auf dem Schloſſe in Arolſen eine ſehr elegante Wohnung, wozu ihm ein paſſendes Atelier eingeräumt wurde.
Dieſe Einrichtungen galten indes nur als proviſoriſch; denn mein Vater war willens, ſein Dienſtverhältnis zum
Fürſten ganz aufzugeben und eine andere Anſtellung zu
ſuchen, welche ihm auch bald in Deſſau geboten wurde.
Wenig läßt ſich von dieſer Zeit, welche einförmig in kleinen, beſchränkten Verhältniſſen verlebt wurde, erzählen. Ich bekam einigen Unterricht, beſonders in weiblichen Ar⸗ beiten von der Tante Nette und fand eine Geſpielin meines Alters in Marianne, der jüngſten Tochter des Burghaupt⸗ manns Suden, der mit ſeiner Familie die alte Burg bei Mengeringhauſen bewohnte, welche bald ein merkwürdiger Gegenſtand für meine auch bereits mit ritterlicher Romantik erfüllte Phantaſie wurde.
Die Burg war im mittelalterlichen Stil erbaut, nicht groß, und ſtark im Verfall. Eine ſchmale, dunkle Wendel⸗ treppe führte zum erſten Geſchoß, welches außer einigen— Kammern nur eine ovale Halle mit einem tiefen Erker ent— hielt, deſſen Fenſter nur ſparſam den tiefen Raum er⸗ hellten. Alles darin war altertümlich und ganz ſo einfach wie im Hauſe der Großmutter. Im Erker befanden ſich zu beiden Seiten hölzerne Bänke und im Gemach gerade ſo viel Spinnräder, als Frauen da waren, ich meine fünf. Auch hier ſtand in der Mitte ein gewaltig großer, ſchwerer Tiſch mit bunter Decke, um den die Familie ſich zu ver⸗ ſammeln pflegte. Die Burghauptmännin war eine bleiche, ſehr ernſte Matrone von ſchöner Geſtalt und feinen Zügen, die der Gram um ihren geiſteskranken Mann, welcher in der Burg ſelbſt gepflegt wurde, früh hatte altern laſſen. Dieſer ſeit längerer Zeit ſchon penſionierte Burghauptmann be⸗ wohnte im zweiten Stock einen Saal von gleicher Größe, wie die untere Halle. Sein Wahnſinn, deſſen Natur ich nicht angeben kann, war unſchädlich und bedurfte keiner ſtrengen Aufſicht. Eingehüllt in einen weiten, warmen Schlafrock, das völlig kahle Haupt mit einer Nachtmütze von ganz beſonderer Form bedeckt, bleich und mager wie der Tod ſelbſt, kam er mir vor wie das Burggeſpenſt, ſein Anblick erfüllte mich mit anziehendem Grauen. Im Fa⸗ milienzimmer erſchien er nie, aber oft ſchlich ich mich mit


