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und edle Sinn des Vaters, wie die kräftige, heitere Natur der Mutter übten großen, wohlthätigen Einfluß auf ſeinen bisher durch Krankheit und eine verkehrte, beſchränkte Erziehung unterdrückten Charakter aus. Er empfand dies ſelbſt und hätte gern ſein ganzes irdiſches Beſitztum mit den Eltern geteilt. Auch wußte er ſtets aufs neue ſie zu verpflichten, und der heiße Wunſch, ſich ihre tägliche Gegen⸗ wart zu ſichern, führte den Vorſchlag von ihm herbei, eine gemeinſame Wohnung auf der Herrengracht zu mieten, ein Vorſchlag, den der Vater trotz aller Gegenvorſtellungen der Mutter annahm. Bisher hatten wir auf der Kaiſers⸗ gracht gewohnt, bequem, aber klein und einfach eingerichtet, es genügte aber unſerm Bedürfnis. Der Vater indes, faſt erdrückt unter Beſtellungen, die den reichlichſten Vorteil verſprachen, wenn ſie nach und nach ausgeführt wurden, meinte ſich eine bequeme Einrichtung erlauben zu dürfen, ohne damals an die möglichen Zwiſchenfälle zu denken, welche die ſicherſten Hoffnungen vernichten und ſchlimme Verlegenheiten herbeiführen konnten. Die Mutter bedachte dies, aber, wie geſagt, ſie drang nicht durch. Das Haus wurde gemietet, koſtbar möblirt, und ich meine, wir bezogen es bald nach Neujahr[1794] im zweiten Winter unſeres Aufenthalts in Amſterdam. Wenigſtens erinnere ich mich deutlich genug, daß wir ſchon im Winter da geweſen waren, als wir endlich wieder aufs Land zogen, und, wie ich glaube, in Scherenbergs Schloß unſern Sommeraufenthalt nahmen.
Zahlreiche Gäſte verſammelten ſich während des Som-
mers[1794] auf dem Schloſſe ſelbſt oder wurden von dem Beſitzer in kleinen ihm gehörigen Häuſern einquartiert. Der däniſche Geſandte von Schubart mit ſeiner Frau, einer Couſine von Scherenberg, wohnte natürlich im Schloſſe. Andere aber, worunter zwei vornehme franzöſiſche Emigrierte, brachten wenigſtens den Tag da zu, wenn ſie auch anderswo logiert waren. Letztere lebten ganz auf Scherenbergs Koſten; es waren ein Graf de Roure und ein Marquis de Bonnechoſe, beide geiſtreich und liebenswürdig. Der erſte, ein kleines, rundes Männchen, ſtets geweckt, vergalt die Wohlthaten ſeines Gönners dadurch, daß er ſich zum maitre de plaisir des kleinen Kreiſes anbot, ein Amt, dem er mit vielem Takt und aller Grazie eines ächten Verſailler Hof⸗ mannes nachkam. Der Marquis, ein ſehr ſchöner junger Mann, zeigte ſich ernſthafter, oft ſelbſt ſchwermütig, und ſchien nur mit gedrücktem Gefühl anzunehmen, was er leider nicht entbehren konnte. Er machte ſich auch einen Erwerb, indem er Zeichenſtunden gab. Als Zeichenlehrer fand er Gelegenheit, das Herz einer ſehr reichen, hübſchen Holländerin zu gewinnen. Er war Bräutigam, als wir das Land ver⸗ ließen, und wir ſahen ihn nie wieder. Graf de Roure
aber beſuchte uns nach mehreren Jahren ſehr unerwartet
in Deſſau, wo die Eltern ſeiner großen Bedürftigkeit ab⸗ halfen, ſo gut ſie konnten.
Des Abends verſammelte ſich die Geſellſchaft regel⸗ mäßig im Salon, wo die Mutter als Wirtin pröäſidierte und der Vater bei einer zweckmäßigen Lampenbeleuchtung die ganze Geſellſchaft nach und nach porträtierte, während die franzöſiſchen Herren vorlaſen und wir Kinder im Neben⸗ zimmer ſtill uns beſchäftigten, bis die Schlafensſtunde kam.
Am politiſchen Himmel zogen indeſſen, während die Eltern den Sommer in ſo anmutigen Verhältniſſen ver⸗ lebten, auch in Bezug auf Holland inhaltſchwere Wolken auf, die mit einer gewaltſamen Kriſis drohten. Das Haupt Ludwigs XVI. war gefallen unter der Guillotine, und Entſetzen erfaßte die unglücklichen Emigrierten. Auf den Grafen de Roure und ſeinen Freund machte dies Ereignis den furchtbarſten Eindruck. Sie hatten für unmöglich ge⸗ halten, was dennoch geſchah, und ihre Hoffnungen auf eine baldige ſiegreiche Wiederkehr in das geliebte Vaterland ſanken mit dem Haupte ihres Monarchen.
(In dieſem Kreiſe erſchien um dieſe Zeit eine intriguante ver⸗ witwete Madame Polane mit ihrer ſanften und anmutigen Tochter, einem unſchuldigen, willenloſen Mädchen, und wußte durch ihre Künſte den ſchwachen Scherenberg ganz unter ihre Herrſchaft zu bringen und ihn ſpäter ſogar mit ihrer Tochter, trotz deren Abneigung gegen den jungen Mann, zu verheiraten. Durch ihr tyranniſches, unliebenswürdiges Weſen, gegen welches der von ihr gänzlich unterjochte ſpätere Schwiegerſohn ſich nicht zu wehren wußte, abgeſtoßen, verzog ſich bald die ganze Geſellſchaft.
Obwohl Scherenberg dem Tiſchbeinſchen Ehepaar allein von allen ſeinen Gäſten ſtets dieſelbe Freundſchaft weiter bezeigt hatte, ſo zogen doch auch dieſe den Aufenthalt in der Stadt nun⸗ mehr vor. Die verſchuldete Polane beutete ihren Schwiegerſohn völlig aus und brachte allmählich durch ihr verſchwenderiſches Leben das unglückliche junge Ehepaar faſt an den Bettelſtab.]
Unter ſehr ernſten Betrachtungen, erzählte mir ſpäter die Mutter, bezogen die Eltern([Herbſt 1794] ihr ſchönes, prächtiges Haus wieder, deſſen Mobiliar noch nicht bezahlt war; doch gedachte der Vater ziemlich unbekümmert dieſer Verpflichtungen, da er dieſen nach der Vollendung ſeiner begonnenen Arbeiten leicht nachkommen konnte. Allein es kam anders.
Man erwmartete in Amſterdam eine Invaſion der Franzoſen, und dieſe Vorſtellung ſetzte den Vater in ſolche Angſt, daß er, kränklich und antirevolutionär, wie er war, ohne zu erwägen, was er dabei aufs Spiel ſetzte, den Ent⸗ ſchluß faßte Holland zu verlaſſen. Der parteiloſe Bürger und Künſtler hatte zwar in der bevorſtehenden politiſchen Gäh⸗ rung nach dem Urteil aller Unbefangenen nichts zu fürchten; aber der Vater, ſonſt ſo klar und verſtändig, ließ ſich hier


