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3 (1896) Anhang
Entstehung
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ſein, wollte mir gar nicht in den Sinn, ſo etwas, dachte ich, müßte ſich auch erleben laſſen. Ich ahnte damals noch nicht, wie viel Erheblicheres noch als das, was meinem Kinderſinn Thränen entlockte, ich lichkeit zu erleben beſtimmt war.

Die Eltern gingen in Amſterdam viel in Geſell⸗ ſchaft, und wir Kinder blieben oft des Abends der Auf⸗ ſicht einer Art von Kammerfrau überlaſſen, welche dazu eigentlich nicht recht paßte; ſie gab ſich wenig mit uns ab; ich ſaß in meine Bücherwelt vertieft, und Betty war leicht durch irgend ein Spielwerk genügend beſchäftigt. Gemeinſame Spiele trieben wir damals noch nicht; ich war zu ernſt und Betty ein ſtilles Kind, das mit einer Puppe im Arm oder einem Bilderbuche oft ſtundenlang ſpielte, ohne meine Teil⸗ nahme daran zu wünſchen.

Es war im Herbſt[1792], wie ich meine, daß Betty und ich nach Amſterdam kamen, und im Frühjahr[1793] bezog der Vater ein kleines in der Nähe der Stadt gelegenes Land⸗ haus, welches zu einer ſehr weitläufigen Beſitzung gehörte, die Scherenberg in der Gegend gekauft hatte. Das Herrenhaus, nach Scherenbergs Plan erbaut, war neu und auf viele Güſte eingerichtet, die ſich denn auch dort zuſammen fanden. Unſer recht elegant eingerichtetes Häuschen war nur klein und lag mitten in einem großen, wohlgehaltenen Garten, in dem wir Kinder manche Ergötzung fanden. Außer Scherenbergs Schloß befand ſich viel⸗ leicht 100 Schritte von unſerm Landhaus die Villa eines Landedelmannes, eines Herrn van der Rott, der vier Kinder hatte, mit denen ich bald ziemlich vertraut wurde. Frau van der Rott hielt ihren Kindern eine franzöſiſche Gouvernante, und nach einer Übereinkunft mit meinen El tern durfte ich an den Lehrſtunden, welche nachmittags ge⸗ halten wurden, teilnehmen. Auf dieſe Weiſe lernte ich franzöſiſch, und mit verdoppeltem Eifer, da man mir ver⸗ ſicherte, es gebe ganz prächtige franzöſiſche Bücher für Kinder. Die Gouvernante war mir vorzugsweiſe geneigt; ſie hatte weniger Not mit mir als mit ihren Eleven. Ich wurde den Kindern immer als Muſter dargeſtellt. Das freute mich nun wohl, aber ich mochte niemand gern gekränkt ſehn und hatte immer, wenn die Gouvernante die Kinder zankte, eine Entſchuldigung für ſie bereit oder gab ihnen vor der Stunde ſo gute Worte, daß ſie mir zuliebe ſich oft zuſammennahmen. Dieſer Landaufenthalt befeſtigte die Geſundheit des Vaters, wie er auch uns Kindern ge⸗ deihlich war, und wir kehrten im Spätherbſt vergnügt nach Amſterdam zurück, wo viele Aufträge den Vater erwarteten. Die Bekanntſchaften der Eltern hatten ſich vermehrt, man drängte ſie mit Einladungen, ſie mußten dem Strom nach⸗

ſpäter in der Wirk⸗

b

wäre,

geben, was allerdings für den Vater als Künſtler manchen Vorteil hatte, aber auch die nachteilige Folge, daß wir Kinder mehr allein blieben als uns taugte.

Schlegel beſuchte die Eltern oft, unterwarf ſeine poetiſchen Verſuche ihrem Urteil und gab der Mutter Unterricht iu der engliſchen Sprache. Der Vater er⸗ freute ſich an dem Talent des jungen Dichters, an dem er immer größeren Anteil nahm, ſodaß er ſich über deſſen Neigung zu ſeiner nachherigen Frau, der damals i Mainz lebenden Witwe Böhmer, ¹) wirklich kränkte. Es beſtand ſchon damals zwiſchen dieſer Witwe und Schlegel ein Verhältnis, welches eigentümlich genug war. Schlegel liebte die geiſtreiche Frau ungeachtet ihres mehr als zwei⸗ deutigen Rufs leidenſchaftlich, ſie dagegen hatte ihm mehr⸗ mals offen erklärt, daß ſie ihn durchaus nicht liebe, aber ihn heiraten wolle unter der Bedingung, ſich wieder von ihm ſcheiden zu dürfen, ſobald ſie der Vereinigung müde ſei. Dieſe ſeltſame Bedingung blieb den Eltern kein Ge⸗ heimnis, und ſie wandten alles an, dem Freunde das Un⸗ moraliſche derſelben anſchaulich zu machen. Vielleicht wäre es ihnen auch gelungen, Schlegel aus den Schlingen dieſer genialen Hexe, wie der Vater ſie nannte, zu befreien, wenn ſie nicht plötzlich in große Bedrängnis geraten woraus ſie zu erlöſen Schlegel für eine heilige Pflicht hielt. Frau Böhmer war in Mainz wegen po⸗ litiſcher Intriguen verhaftet worden und wußte es einzulei⸗ ten, daß Schlegel die Nachricht davon erhielt. Jetzt war kein Halten mehr, er gab ſeine vorteilhafte Stel lung auf, um der Geliebten zu Hülfe zu eilen; auch glückte es ihm, ſie zu befreien, und er wurde unter vorerwähnter Bedingung ſpäter ihr Mann. Wann er aber Holland ver⸗ ließ, vor oder nach der Eltern Abreiſe, das weiß ich nicht mehr.

Das Verhältnis mit Scherenberg wurde indes von meinen Eltern immer herzlicher fortgeſetzt. Seine äußere Erſcheinung iſt mir ganz gegenwärtig. Er war ſehr klein und infolge einer böſen Gliederkrankheit von ſchwächlicher Geſund⸗ heit. Seine Züge trugen deutlich das Gepräge früherer Leiden, matte blaue Augen und rötliche Haare verſchönerten ihn eben nicht, aber ein wohlwollendes Herz ſprach ſich in allem aus, was er ſagte und that, und machte ſeinen Umgang angenehm. Nur gehörte er leider zu den Men⸗ ſchen, welche meiſt das ſind, wozu ihre Umgebungen ſie machen. Für meine Eltern ſchwärmte er. Der höhere

¹) Es iſt die bekannte Karoline, geb. Michaelis, Tochter des berühmten Theologen und Orientaliſten M. in Göttingen; Weiteres über ſie ſ. im folgenden.