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würdig war. Später erſt lernte ich dieſen Mann kennen und erinnere mich ſeiner Züge ſehr genau; er hatte ein edles, würdiges Ausſehen und ein höchſt ſanftmütiges, einnehmendes Betragen.
Mutter der Frau Doktorin viel zu ſchön und liebens⸗
Mit Mut und neuen Kräften begann jetzt der Vater zu arbeiten, nnd bald erhielt er von allen Seiten ſo viel Beſtellungen auf Porträts, daß er ihnen kaum zu ge⸗- nügen vermochte; außerdem verſchaffte ein Herr von Scherenberg den Eltern Zutritt in die vornehmſten Kreiſe der großen Stadt, wo beider perſönlicher Wert lebhafte An⸗ erkennung und Auszeichnung fand.
Zu dieſer Zeit lebte auch Auguſt Wilhelm von Schlegel in Amſterdam als Erzieher eines vornehmen jungen Holländers und wurde ſehr genau mit den Eltern
bekannt, infolgedeſſen ſie die Familie ſeines Zöglings, deren Name mir entfallen iſt ¹), häufig beſuchten.
Während des Aufenthaltes der Eltern in Holland erlebten wir Kinder in der Heimat wenig erfreuliche Tage; beſonders ich hatte von der Unliebenswürdigkeit, Härte und Abneigung der Stieftante ſo viel zu leiden, daß ich völlig verſchüchtert und faſt ſchwermütig wurde, auch körperlich verfiel; endlich erhielten die Eltern durch eine Couſine meiner Mutter, Marianne Gieſeke, Braut des Juſtiz— rats Bunſen in Arolſen, Nachricht von dieſen Vor⸗ gängen, und darüber erzürnt, nahmen ſie darauf gern das Anerbieten des Brautpaares an, ſeine bevorſtehende Hoch⸗ zeitsreiſe nach Holland zu richten und ihnen die Kinder zuzuführen.
Unſere Reiſe ging glücklich von ſtatten. Das junge Ehepaar, von Luſt und frohem Muth beſeelt, machte auch uns Kindern die Reiſe ſo angenehm wie möglich; aber je näher wir dem Ziele kamen, je bänglicher ſchlug mein Herz. V Nach dem erſten Freudenrauſch über die Ausſicht, der böſen Tante zu entkommen, mußte ich doch oft daran denken, daß ſie mir bei ihren Züchtigungen verſichert hatte, es werde damit noch ganz anders kommen, wenn ich erſt wieder bei den Eltern ſei, die noch viel weniger Nachſicht mit mir haben würden, als ſie mir bewieſe. Mein Selbſtvertrauen war ſo gering, daß ich in der That fürchtete, die Eltern könnten viel an mir auszuſetzen finden, und als wir die uns entgegenkommenden Eltern treffen ſollten, ſtieg meine Befangenheit ſo, daß ich faſt ohnmächtig in die Arme des Vaters fiel, der am Wagenſchlag uns in Empfang nahm. Die lebhaften Liebkoſungen der Eltern ſchienen mir ein
¹) Der Name des Handelsherrn, in deſſen Haus Schlegel von 1791 bis Sommer 1795 lebte, war Muilman.
ſchöner Traum, aus dem ich doch immer zu erwachen fürchtete. Wir hatten das kleine Städtchen— wie es hieß, weiß ich nicht— ſchon am Vormittag erreicht, und ein von den Eltern beſtelltes Mahl ſollte das Feſt des Wie⸗
derſehens verherrlichen; aber ich konnte zuerſt nicht eſſen,
und als beim Deſſert einige Näſchereien vorkamen, die ich
mir wohl hätte gefallen laſſen, überkam mich die Erinnerung,
wie die Tante mir ſtets verboten hatte, dergleichen anzu⸗
nehmen, ſo beängſtigend, daß ich dankte, als die Mutter
mir davon geben wollte. Auf ihre Frage, ob ich dergleichen nicht eſſen möge, antwortete ich:„Doch! aber ich darf ja nicht“, und zugleich brach ich in heftiges Weinen aus. „Was iſt nur dem Kinde?“ ſagte der Vater; aber ich weinte immer heftiger ſtatt zu antworten, bis die Mutter mich in
ein Nebenzimmer führte und es ihren liebevollen Fragen gelang, meine Zurückhaltung zu überwinden. Ich bekannte
ihr meine Angſt und bat ſie mich ja immer zu lieben, da
ich ganz gewiß den Vorſatz habe, immer artig zu ſein.
Dieſem erſten Auftauen, wie ich es nennen möchte, folgte aber bald wieder ein ſcheues Zurückziehen, und nur all— mählich konnte ich mich in ein Glück finden, das mir faſt zu groß ſchien. Es dauerte lange, bis ich meine urſprüng⸗ liche Heiterkeit auch nur zum teil wiedergewann. In der erſten Zeit entlockte eine liebkoſende Benennung der Eltern mir immer Thränen, und wenn der Vater, ungeduldig darüber, ſagte:„Ich begreife nicht, was die Line will,“ erſchrak ich, und die Furcht, ihm mißfallen zu haben, warf mich in meine alte Blödigkeit zurück.
Meine Schweſter war jetzt vier, ich neun Jahr; Betty war ein bildſchönes Kind; wie ich ausſah, weiß ich nicht, wohl aber, daß die Eltern ſich über meine zunehmende friſche Farbe und Rundung freuten. Herr von Scherenberg, unſer täglicher Gaſt, gewann mich lieb und wußte mir ſtets eine kleine Freude zu bereiten. So beſchenkte er mich u. a. mit einer vollſtändigen kleinen Kinderbibliothek, worunter Weißes„Kinderfreund“ und Campes Reiſebeſchreibungen, vor allem aber der Robinſon mich unbeſchreiblich anzogen. Die lieben Bücher eröffneten mir einen Himmel voll Ent— zücken, ich konnte nicht davon kommen, und die Mutter ſah mir wohl zu ſehr dieſen Hang zum Leſen nach, wie ſie denn überhaupt mit ihrem praktiſch thätigen Sinn durch⸗ aus nicht vermochte in meinen Ideengang einzugehen; ich fühlte bald, daß ſie mich nicht verſtand, und meine Mit⸗ teilungen über das Geleſene, beſonders wenn es rührende waren, ihr nicht ans Herz gingen.„Linchen, das iſt dummes Zeug“, pflegte ſie zu ſagen,„es iſt ja nur erfunden, wer wird ſo närriſch ſein und darüber weinen!“— Daß ſo
manche rührende Dinge, die ich las, bloß ſollten erfunden 13*†


