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Hildburghauſen, Johann Valentin Tiſchbein,[1767]0 unterhielt er deſſen Witwe und Tochter, ſeine Stiefmutter und Stiefſchweſter, aus eigenen Mitteln. Überhaupt ſchien es, wenn er jemand verpflichtete, als werde er ſelbſt verpflichtet. Viele ſchöne Züge, welche dies beweiſen, erzählte uns öfters die Mutter. Nach dem Tode der Stiefmutter(1796) bezog die Schweſter Luiſe Tiſchbein nach wie vor ein Jahr⸗ geld von ihm, bis ſie ſich ſpäter in ihrem 36. Jahre mit einem Kaufmann und Rat in Hamburg, J. A. Wolf, verheiratete. Der Vater war im Jahre 1750 am 9. März in Maſtricht geboren und hatte ſeine erſten Studien als Künſtler unter ſeinem Oheim Johann Heinrich Tiſchbein in Caſſel gemacht. Von ſeinem 28. Jahre an ſtand er in Dienſten des Fürſten von Waldeck, der ihm Urlaub zu mehreren Kunſtreiſen erteilte und ihm namentlich einen ziemlich langen Aufenthalt in Italien verſtattete.) Dort, ſowohl in Rom, wie in Neapel erwarb ihm ſeine liebens⸗ V würdige Perſönlichkeit viele Gönner und Freunde, neben⸗ bei galt er auch bei den Damen für einen ſehr flinken, trefflichen Tänzer. Vielleicht hätte er in Italien ſich mehr und vielſeitiger in ſeiner Kunſt ausbilden können ohne dieſe geſelligen Talente, welche zu ſehr in Anſpruch genommen wurden und ihn weiter verlockten, als ſich mit einem ernſten Ziele verträgt. Doch bildete ſein Geiſt ſich auf ſeinen Reiſen bedeutend aus. Er verſtand den Umgang mit wiſſenſchaftlich gebildeten und berühmten Männern ſo gut zu benutzen, daß er auf dieſe Art ſich vielleicht mehr Kenntniſſe aneignete, als mancher, der mühſam Jahre lang ſtudiert. In Neapel ²) fand er ſeinen Vetter Wilhelm, den ſpäter unter dem Namen des Neapolitaners Tiſchbein berühmt gewordenen Künſtler. Der Vater erzählte uns viel von dieſem höchſt genialen Manne, deſſen reiche ſchaffende Phantaſie er bewunderte, dem er aber den eigentlichen Sinn für das Kolorit abſprach, was aller⸗ dings einige Porträts, die ich von ihm ſah, beweiſen. Dieſer Tiſchbein ſtand in hoher Gunſt bei der Königin Karoline von Neapel, die ſich auch dem Vater ſehr gnädig erwies. Beide Vettern durften bisweilen teil nehmen an den zaubergleichen Feſten, welche die Fürſtinzuveranſtalten wußte.)
¹) Mit der 7 Jahre lang ihm gewährten Unterſtützung des Grafen von Waldeck beſuchte er beſonders 1780 Paris, wo er auch ſchon 1770 geweſen war.
²) Es war wohl in Rom. Vergl. übrigens das Buch dieſes Vetters Wilhelm Tiſchbein:„Aus meinem Leben“, Braun⸗ ſchweig 1861. I. 163. II. 34, 44, wo er beſonders von Friedr. Tiſch⸗ beins Liebenswürdigkeit, Gutherzigkeit, ſeiner Bildung und der Fein⸗ heit ſeines Benehmens mit großer Anerkennung ſpricht.
¹) Übrigens waren beide nicht zur ſelben Zeit in Neapel. Hier malte Friedr. Tiſchbein ein Bild der Königin Karoline, das ſo ſchön
vor er ſich entſchließen konnte zu handeln.
In Wien war der Vater, dünkt mich, zweimal, und befreundete ſich dort beſonders mit dem bekannten Hiſtorien⸗ maler Füger, dem nachmaligen Direktor der Maler⸗
akademie daſelbſt, welchem er nach ſeinem Ausſpruch viel
verdankte in Bezug auf den Farbenton; überhaupt ver⸗ vollkommnete er ſich in Wien bedeutend in der Kunſt.
Mit dem Kupferſtecher Johann Gotthard Müller!) aus Stuttgart verband den Vater ſchon früh die innigſte Freundſchaft, was inſofern merkwürdig war, als ſchroffere Gegenſätze unmöglich gefunden werden konnten, als beider Charaktere bildeten. Müller, in hohem Grade phlegmatiſch und proſaiſch, war ein Mann von tüchtigem praktiſchen Lebensverſtand, aber weit entfernt von aller Genialität. Der Vater dagegen, voll Geiſt nnd Laune, ſanguiniſchen Temperamentes, aufbrauſend, weich und reizbar, wurde leicht von dem Eindruck des Augenblicks übermannt, während Müller alles doppelt und dreifach überlegte, be— Müller war ſparſam, um nicht zu ſagen geizig, der Vater freigebig und wohl noch über dieſe Grenze hinaus. Trotz dieſer Verſchiedenheit dauerte beider Freundſchaft ununterbrochen fort. Beide waren gleichzeitig in Paris, als Marie Antoinette dort zuerſt in königlicher Herrlichkeit erſchien. Von dem ihr zu Ehren veranſtalteten Feſte, welches in übler Vorbedeutung ein ſo unſeliges Ende nahm, erzählte der Vater als Augenzeuge oft.
Als der Vater 1782 in ſeinem 33. Jahre von einer zweiten Reiſe nach Paris und Italien zurückkehrte und ſich in Arolſen einrichtete, lernte er die Mutter, die Tochter des fürſt⸗ lichen Kammerrats Müller kennen, welche bald ſeine Liebe gewann. Sophie Müller, war das ſchönſte Mädchen in der Stadt und nicht unempfindlich gegen die Bewerbungen des gefeierten, intereſſanten Künſtlers. Oft hat uns die Mutter von des Vaters Bewerbung um ſie erzählt, wovon ich nur die Hauptſache anführen will, nämlich ſeine endliche be⸗ ſtimmte Erklärung. Sie waren beide auf einem Ball in Arolſen. Der Vater tanzte mit der Mutter ein Menuett. Als ſie nach der Eingangstour ſich wieder vereinigten, benutzte der Vater den kurzen Moment, um die Mutter zu fragen, ob ſie geneigt ſei mit ihm durch das Leben zu tanzen. Zeit zur Antwort geſtattete die Figur des Tanzes nicht, als ſie aber in der Schlußtour ſich wiederfanden, befunden wurde, daß dieſe ihm auſtrug, es ihrer Mutter Maria Thereſia ſelbſt nach Wien zu bringen. Nach kurzem Aufenthalt da⸗ ſelbſt wurde er dann vom Grafen von Waldeck zum Hofmaler ernannt und ſiedelte ſich in Arolſen an.
¹) 1747— 1830. S. über ihn d. Allg. D. Biogr. XXII. 610— 616, wo auch die engen Beziehungen beider hervortreten.


