ſeltenen Gelehrſamkeit, der einfach ſchönen,
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gediegenen Sprache, der vortrefflichen Ordnung aller Materialien,
auch jenen guten Geiſt zu finden, der alle Gelehrte zieren ſollte, keine Spur von den herrſchenden politiſchen oder
irreligiöſen Irrthümern, mit welchen man ſonſt faſt alle
neueren hiſtoriſchen Werke verunſtaltet, die Geſchichte ab: ſichtlich verfälſcht und zur Magd von ſophiſtiſchen Grillen
herabwürdigen will. ohne der Wahrheit untreu zu werden! Wie ſchön Sie ins⸗ beſondere den Hauptpunkt ins Licht ſtellen, daß das Geiſtige,
Wie Sie dieſe Kreuzzüge veredeln,
das Überſinnliche faſt alle phyſiſchen Bedürfniſſe, Hunger, V von anderen Herren und Gemeinden auf eigenen(natür⸗
Durſt und Ungemach beſiegt, und daß die verſchrieenen
Geiſtlichen, die religiöſen Lehrer des Volkes, zuletzt in aller
Noth doch die einzigen Helfer und Tröſter waren. Dieſer
Zug erweckte mir Hochachtung für Ihre Perſon und hat mich wieder mit der deutſchen Litteratur verſöhnt, welche mir ſonſt beynahe zum Ekel geworden, weil ich in derſelben eine beyſpielloſe Anarchie von Grundſätzen und Geſinnungen, die Mißkennung, ja gar Verläugnung der einfachen oberſten Regel aller Wahrheit und Pflicht und eben deßwegen einen Augiasſtall von Irrthümern erblicke, deſſen Säuberung noch mehr als einen Herkules erfordern wird. Allein unter dem zahlloſen Unkraut wächſt doch bisweilen noch ein wahrhafter Waizen, das Gute iſt unzerſtörbar wie das Böſe, das ihm zum Stachel der Thätigkeit dienen muß, und wenn der Satan ſein Reich auszubreiten ſucht, ſo hat Gott immer noch ſeine Apoſtel, ſeinen Tempel und ſeine Gläubigen. Nun fange ich eben den zweyten Band Ihres Werkes zu leſen an. Wie erſchütternd ſind ſchon die letzten Worte der Vorrede! Ich meines Orts habe dieſes Zeitalter längſt das wahnſinnige, das erbärmliche, das ſophiſtiſche und geiſtloſe genannt.*)
Einen Genuß jedoch hat mir dieſes Werk verſchafft, den Ew. Hochwohlgeboren vielleicht ſelbſt nicht fühlten, der aber für mich eine reiche Quelle von Vergnügen geweſen. Unter den vielen tauſend Beyſpielen, welche die ganze Natur, die Erfahrung aller Zeiten und Länder darbietet, um jene Theorie zu beſtätigen, durch welche ich den 200 jährigen Radikal⸗Irrthum eines angeblich verlaſſenen Naturſtandes und einer künſtlich bürgerlichen Geſellſchaft, das 0π XM1MͥW⁊w1—Xc908 aller revolutionären Irrthümer, vernichtet, dagegen aber die wahre Lehre von der natürlichen Bildung und dem Weſen der Staaten ſowie von dem darin herrſchenden natürlichen Recht aufgeſtellt zu haben glaube, eine Theorie, deren einfaches Principium darauf beruht, daß der wahre
*) Dieſer Satz erklärt ſich aus dem Schluß von Wilkens Vorrede, wo es heißt:„Die Nachwelt wird auch für unſer Zeitalter ſeinen Namen zu finden wiſſen“.
Stand der Natur(die Ordnung Gottes) noch jetzt exiſtirt und keine andere exiſtiren kann: daß er aber durch wechſel⸗ ſeitige Bedürfniſſe geſellig iſt und theils durch das natürliche Pflichtgeſetz, theils durch individuelle Verträge in Ordnung gehalten wird, daß die Gerichtsbarkeit ſelbſt oder die Handhabung des Geſetzes lediglich aus angerufener Hülfeleiſtung entſpringt; daß die Staaten ſelbſt nichts weiter als eine höhere Gradation ſolch natürlicher Privat⸗ verhältniſſe ſind, mithin in denſelben die nämliche Regel der Gerechtigkeit wie in dieſen herrſcht, daß alſo die Be⸗ fugniſſe der Fürſten nicht auf delegirten, ſondern wie die
lichen oder erworbenen) Rechten beruhen, aber auch durch dieſelben beſchränkt ſind, ein Principium, wo⸗ durch dann einerſeits die Exiſtenz und das wahre Recht der Fürſten unerſchütterlich gegründet, anderſeits die recht⸗ liche Privatfreyheit der Unterthanen triumphirend gerettet und beides in Einklang gebracht wird: unter den Belegen dieſer Theorie iſt das Königreich Jeruſalem einer der frappanteſten und lehrreichſten. Es gehört unter die mili⸗ täriſch gegründeten Staaten, d. h. unter diejenigen, deren erſter Urſprung auf dem Verhältnis eines Anführers zu ſeinen Begleitern und Waffengefährten beruht, welche iche in meinem Handbuch der Staatenkunde p. 127—168 ab⸗ gehandelt habe, deſſen Durchleſung Sie vielleicht veranlaſſen dürfte ein und anderen merkwürdigen Punkten jener Ge⸗ ſchichte eine beſondere Aufmerkſamkeit zu widmen. Wie ward Gottfried von Bouillon König? Exiſtirte etwa das Volk vor ihm? nein, er hat dasſelbe durch einzelne Ver⸗ träge angeworben, um ſich her verſammelt, ſie traten in ſeinen Dienſt, er nicht in den ihrigen, hier iſt keine Gewalt, kein Unrecht. Durch die Hülfe dieſer Waffengefährten er⸗ warb er ein Land(ob mit Recht oder Unrecht wollen wir einſtweilen unentſchieden laſſen), ſetzte ſich in demſelben feſt, und ſo war das Königreich, die Unabhängigkeit vollendet. Sehen Sie nun, wie die ſogenannte Verfaſſung, d. h. die rechtlichen Verhältniſſe, ſich von ſelbſten bilden. Hier war von keiner künſtlichen republikaniſchen Organiſation, keiner Gewaltsübertragung, Vertheilung u. ſ. w. die Rede. Gott⸗ fried von Bouillon hatte keine Anerkennung von ſeinen Untergebenen nötig, er war bereits ihr König; wohl aber von ſeinesgleichen, den übrigen Heerführern, und dieſe nicht ohne Schwierigkeit und Widerſpruch durchgegangene Anerkennung(I. 302) war im Grund nichts anderes als eine Art von Allianz, durch die Gefahr vor gemeinſamen Feinden veranlaßt. Die Fürſten gaben ihm keine Macht, ſie erkannten nur leiſe die ſeinige als die prädominirende [an]. Die Geiſtlichkeit ſuchte auch das höchſte Anſehen, weil


