I. [S. S. 18, Sp. 2, Anm. 3.]
Ein Jahr iſt eben heute verfloſſen, ſeit Sie, ver⸗ ehrteſter Herr Profeſſor, mir den erſten Theil Ihrer Kreuz⸗ züge ſandten. Ein zweytes mir nicht minder erfreuliches Geſchenk, die Samaniden, erhielt ich vor einem halben Jahr. Nachdem ich beydes unbeantwortet gelaſſen, waren Sie ſo
edel, mir noch am 27. Juli wegen der Jahrbücher der Ihnen den Eindruck unverholen mittheilen. Die Verbindung
Litteratur zu ſchreiben.
ſind, welche die Lieblingspläne und⸗Beſchäftigungen meines Lebens auf eine mir nicht vorbewußte Zeit unterbrochen haben.
wagen, als ich nach Tübingen gehen wollte und nach Paris kam. Aber immer wurde ich unterbrochen— ſchwieg aber, weil ich Ihnen beſtimmt und viel ſchreiben wollte. Die Darſtellung meiner Lebensmanier wird ſowohl dieſes be⸗ greiflich machen als den Antrag vom 27. Juli beantworten. Gedoppelt ſind meine Geſchäfte: als Staatsrath, am wenigſten abhaltend, außer was der Reichstag für Zer⸗ ſtreuungen herbeyführte; deſto größer als Direktor des
Ich nehme an, daß Sie, mein
zu Gemüthe ſein mag— an dem Abende meines Lebens, wo ich eben in eine ganz kleine Stadt nur darum ziehen wollte, um die Sammlungen, welche ich ſeit einigen 30. Jahren gemacht, einmal zu verarbeiten. Allein mit dem Menſchen hat das Schickſal ſein Spiel; wer kann ihm ent⸗ gehen? Wer muß nicht ausharren? Um auf uns zurück⸗ zukommen, ſo bin ich nun endlich daran, in jenen wenigen Abendſtunden Ihre ſchönen Werke zu ſtudieren und werde
theuerſter Herr Profeſſor, von den Zufällen unterrichtet der Heidelberger Gelehrten, deren ich mehrere ganz aus⸗
Beyde Bücher erhielt und durchſah ich mit dem
lebhafteſten Intereſſe, nahm das erſte auch in den Reiſe- Theil zu nehmen, für deſſen bloßes Leſen ich Zeit erſtehlen
öffentlichen Unterrichts auf fünf Univerſitäten und in etwa 3000 Schulen, welche theils zu erhalten, theils zu ordnen, theils in mannigfaltigen Geſuchen zu fördern ſind; Vor⸗ träge alſo und Briefe ohne Zahl; bei meiner äußerſten Zurückgezogenheit gleichwohl unvermeidliche Abhaltungen.
Rechnen Sie dabey manche leidige Stunde, die oft Miß⸗ muth frißt; auch daß ſeit einem Jahr meine Geſundheit merklich gelitten hat. So komme ich nie vor acht oder neun, des Abends, an die Möglichkeit nur einiger Lectüre — und was für einer? Meiſt der an mich eingeſandten Bücher. Nicht eine Zeile habe ich zur Vollendung des ſchon halb abgedruckten 5. Bandes der Schweizergeſchichte,
nicht Eine von den ſehr vielen verſprochenen Recenſionen
für einige Journale ſchreiben können, anderer, größerer Plane nicht zu erwähnen; auch nicht zu gedenken, welche Entbehrung es mir iſt, weder meine geliebten Alten leſen, noch im Quellenſtudium Fortſchritte machen, oder den älteſten Freunden bisweilen ein Wörtchen ſagen zu können. Bey dem allem liegen 284 Briefe und Vortragsmaterien zur Erledigung vor mir. Urtheilen Sie, wie mir eigentlich
nehmend ſchätze, würde mir ſo ehrenhaft als angenehm ſeyn: Aber Sie ſehen, daß ich bis auf eine andre Epoche meines Lebens mir verſagen muß, an einem Werke thätig
muß. Sie, mein wertheſter Herr, verſichere ich meiner frohen Theilnehmung an Ihren ruhmvollen Unternehmungen, meiner Hochachtung und meiner Begierde, Ihnen dieſe Ge⸗ ſinnungen auf alle Weiſe beſtens zu beweiſen. Auch mag ich nicht mit entweihten Formeln endigen. Ich bin Ihr Verehrer und Freund.
Caſſel, 24. Aug. 1808.
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J. v. Müller.*)
II. [(S. S. 19, Sp. 1, Anmerkg.] Bern, 20. May 1813. Hochwohlgeborner, Hochzuverehrender Herr!
Herr von Lerber, unſer beyderſeitiger Freund und geweſener Zuhörer, gleich wie er im Gutes thun unermüdet iſt, ſo läßt er auch nicht nach um mich zur längſt ge⸗ wünſchten Bekanntſchaft und Correſpondenz mit Ew. Hoch⸗ wohlgeboren zu ermunteren. Um meine Schüchternheit endlich zu beſiegen, ſendet er mir beyliegenden Brief zum Einſchluß, der auch mein Paßport, meine Empfehlung bey Ew. Hochwohlgeboren ſeyn mag. Er hat mich auch längſt mit Ihrem klaſſiſchen Werk(ich bin ſonſt mit dieſem Wort nicht freygebig) über die Kreuzzüge bekannt gemacht. Wie war ich erſtaunt, in einer Materie, welche ſonſt den Spöttern über alles Heilige ſo vielen Stoff zu flachem und geiſtloſem Tadel giebt: neben der außerordentlichen,
*) Etwa neun Monate ſpäter, am 29. Mai 1809, ſtarb Müller.


