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wahrlich unverſchuldeten Leidens vor ihr ſich ſchämen müſſe, getroſt und unverbittert dem Leben und ſeinen Pflichten ſich wieder zuwendet.
Von Jugend auf an ernſte Arbeit gewöhnt, empfindet er dieſe nicht als Laſt, ſondern als Luſt, und jede nur zu gewinnende Freiſtunde wird von dem Vielbeſchäftigten ihr gewidmet; unterſtützt von einem vortrefflichen Gedächtnis, von dem er oft überraſchende Proben gab, war er zunächſt ohne Rückſicht auf unmittelbare ſchriftſtelleriſche Verwertung ſeiner Studien zu ſeiner eigenen Weiterbildung thätig; die frühen Morgenſtunden— der Schlaf floh ſein Lager nur zu oft!— verwandte er regelmäßig auf das Studium der orientaliſchen Sprachen, in denen er ſich von Jahr zu Jahr weiter ausbreitete. Erſt in den beiden letzten leidenreichen Jahren bricht die Reihe ſeiner litterariſchen Arbeiten ab, welche, wie wir ſie im Anhang der Zeitfolge nach verzeichnet haben, ſeine Studien wie in ſeinen erſten Mannesjahren, ſo auch in ſpäterer Zeit in erſter Linie dem Gebiet der Kreuzzüge wie des byzantiniſchen Reiches, überhaupt des Orients, zuge⸗ wandt erſcheinen laſſen; da er jedoch gewöhnt iſt, alles hiſtoriſch aufzufaſſen, ſo wird ihm auch das eigne Volk, der Staat, dem er angehört, den Boden, auf dem er wohnt, werden ihm auch die Anſtalten, an denen er wirkt, derart Gegenſtand geſchichtlichen
Intereſſes, daß er ſeine Forſchung ihnen widmet. Wachſend mit der Größe ſeines Zieles, mit zuſehends erſtarkendem kritiſchen Sinn wußte er die Geſchichte der Kreuzzüge nach ſchwächerem Anfang in den nachfolgenden Bänden auf immer feſterem hiſtoriſchen Boden quellenmäßig zu gründen, und indem er zur Erfüllung dieſer ſeiner wiſſenſchaftlichen Lebensaufgabe ſeine Studien mit ruhiger Planmäßigkeit auf dieſes eine Gebiet konzentrierte, hat er als erſter eine gründliche und umfaſſende Kenntnis über dieſe erhebendſte Periode der mittelalterlichen Geſchichte, in der die Welten des Oſtens und des Weſtens feindlich aufeinanderſtießen, errungen und verbreitet. Wenn man geſagt hat, daß ſeine Werke mehr Geſchichtsforſchung als Geſchichtsſchreibung ſeien, ſo darf man dem entgegenhalten, daß allein ſchon die gewaltige Vermehrung des Materials und die notwendige Sichtung des⸗ ſelben eine leichtere Verarbeitung in erſter Hand faſt un⸗ möglich machten. Und wenn eine kunſtvollere Kompoſition, wenn Schmuck und Prunk ebenſo wenig ſeiner ſchriftlichen Darſtellung wie ſeinem mündlichen Vortrage eigen ſind, ſo iſt ſein Werk doch auch keine bloße Ablagerung von Stoff, dem der Geiſt etwa nur deshalb mangelte, weil er nicht auf der Oberfläche erſcheint. Ein geiſtreiches Räſonnement, welches V über dem Bemühen um geſchichtsphiloſophiſche Konſtruktionen leicht die notwendige Unterlage verliert, vertrug ſich nicht V mit dem ſoliden Charakter ſeiner gelehrten Forſchung.
Dieſer von Leiden nicht zu lähmende Arbeitstrieb, dieſe volle Hingebung an ſeine Pflichten als Beamter, als Lehrer und als Schriftſteller, dieſe raſtloſe Thätigkeit, von Jugend auf ihm ein Bedürfnis, waren wohl ein Aus⸗ fluß ſeines natürlichen Temperaments, aber auch erworben, ſelbſterrungen, erſtarkt im Kampf mit der Ungunſt des Schickſals und gegründet auf eine aufrichtige Religioſität. über ſeine religiöſen Üüberzeugungen liebte er nicht zu reden; wohl wenige, nicht einmal ſein älteſter, ſonſt ſeinem Herzen ſo naheſtehender Sohn, haben ihn darüber ſich äußern hören; im Gegenſatz zu den während ſeiner Univerſitäts⸗ jahre in Göttingen herrſchenden, auch beſonders von ſeinem hochverehrten Lehrer Eichhorn geteilten rationaliſtiſchen Anſchauungen ruhte ſein religiöſes Leben auf einer anderen, entſchiedener kirchlichen Baſis. Er war bis in die letzten Tage ſeines Lebens ein fleißiger Bibelleſer; jeden Morgen begann er ſein Tagewerk damit, daß er ein Kapitel aus dem griechiſchen neuen Teſtamente las, und auf dem Tiſche vor ſeinem Bette lag ſtets der Thomas a Kempis. Unter den theologiſchen Richtungen ſeiner ſpäteren Zeit ſchloß er ſich am meiſten an diejenige Schleiermachers an, und deſſen Predigten beſuchte er oft und gern.—
Bei einer heiteren, friſchen Lebensanſchauung war ihm doch in ſeinen jüngeren Jahren— eine nicht un⸗ gewöhnliche Erſcheinung bei Autodidakten und ſolchen Männern, die aus eigener Kraft ſich durchgerungen und zur Geltung gebracht haben— eine gewiſſe Herbheit und Eckigkeit des Weſens eigen, wie ſie auch dem niederſächſiſchen Volkscharakter anhaftet; er konnte, wie z. B. mit dem noch viel hitzigeren Thibaut, ſtreiten bis zur Erbitterung. Und wenn auch die peinigenden körperlichen Schmerzen, die ihn oft länger ans Haus feſſelten und ihm das Gehen, ja auch das Schreiben erſchwerten oder unmöglich machten, ihm die Stimmung häufig verdarben und ihn grämlich und reizbar erſcheinen ließen, ſo verbreitete ſich doch mit zu⸗ nehmenden Jahren eine größere Weichheit, eine einnehmende Milde und Freundlichkeit über ſein Weſen; insbeſondere war er ein liebenswürdiger, ſehr unterhaltender und an⸗
regender Geſellſchafter, heiter und umgänglich, und fröh⸗
lichem Verkehr mit geiſtesverwandten Freunden wie auch, mit deren Familien ſehr zugethan; einfach und natür⸗ lich, harmlos und ungezwungen gab er ſich dabei. Hier, im Kreis vertrauter Freunde, fiel auch der Bann, der ihm über politiſche Fragen ſich freier zu äußern verwehrte. Denn obwohl, am Maßſtabe unſerer Zeit gemeſſen, es ein gar ſtilles und unpolitiſches Leben war,
welches man in der Zeit nach den Befreiungskriegen,


