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beſonders ſeit dem Jahre 1819 bis zu dem durch den Thron⸗ wechſel in Preußen bedeutſamen Todesjahre Wilkens in der preußiſchen Hauptſtadt lebte, ſo fehlte es doch auch in den Kreiſen der Gebildeten nicht an jedem politiſchen Unter⸗ haltungsſtoff. Freilich war das Gebiet der Politik wenig erfreulich; man vermißte große Perſönlichkeiten im ſtaatlichen Leben und einen großen Gang der öffentlichen Angelegen⸗ heiten; man ſah unter dem auf den Gemütern laſtenden Drucke der vielfach von dem Geiſt der Karlsbader Beſchlüſſe diktierten Regierungsmaßregeln alle Dinge trüb und miß⸗ trauiſch an; und wenn gerade unter den Gelehrten ſich auch ſolche fanden, die lebhaft politiſierten, wie Raumer und Ranke, ſo ſah doch wohl die Mehrzahl von ihnen die Be⸗ ſchäftigung mit den politiſchen Tagesfragen als ihrem Berufe fremd und ihn ſtörend an, und vollends eine thätige Teil⸗ nahme am politiſchen Getriebe lag ihnen gänzlich fern; zu dieſen gehörte auch Wilken. Die Richtung, die ſeine auf den Orient, die Heimat der Despotien, gerichteten Studien nahmen, führten ihn nicht, wie einen Dahlmann, Droyſen, Ranke, auf die Tagespolitik hin. Ein Feind politiſcher Agitation, die er für unvereinbar mit ſeiner Beamtenſtellung hielt, erwartete er mit Geduld das Maß von Freiheit, welches ein patriarchaliſcher Monarch vom Throne herab den Unterthanen etwa verleihen werde. Ein Verfaſſungsfeind iſt er, der Bewunderer des engliſchen Parla⸗ ments, deshalb aber nicht geweſen; wie er für den Gelehrten, den Hiſtoriker Freiheit der Forſchung und der Beurteilung begehrte, ſo wünſchte er auch für den Staatsbürger ein gewiſſes Maß freier Bewegung und politiſcher Rechte. Und wenn er auch in Geſellſchaft gleichdenkender Freunde die ſonſtige Zurückhaltung aufgab und bei gar manchen politiſchen Maßregeln und Vorgängen das auch ihn er⸗ füllende Mißvergnügen ausſprach, ſo hinderte dies ander⸗ ſeits nicht, daß er mit Treue dem Könige und dem Staat, der ſeine Heimat geworden, anhing.
Treu und zuverläſſig war auch ſonſt ſein Sinn; ein ſchöner Zug ſeines Gemütes war Dankbarkeit; Kränkungen vergaß er; von Bitterkeit über erlittene Schickſalsſchläge, „Kampfluſt gegen Gott“, wie Böttiger ſie nannte, wußte er nichts; er verſtand zu rechter Zeit mit den Dingen abzuſchließen.—
Einfach in ſeiner Lebensweiſe, war er einem erlaubten frohen Lebensgenuß nicht gerade abhold; im allgemeinen ſpar⸗ ſam und haushälteriſch und ein Freund geordneter Lebens⸗ führung, ſah er zu Zeiten das Geld nicht an und erwog nicht ängſtlich die Möglichkeit einer Ausgabe; doch ließ er ſeit ſeinen Studentenjahren, wo ihn die Not dazu ge⸗ zwungen hatte, niemals mehr ſich dazu verleiten, Schulden
zu machen. Obwohl er in den letzten Jahrzehnten ſich einer auskömmlichen äußeren Lage erfreute, ſo machten doch die Krankheiten, die ihn ſelbſt befielen und auch in ſeiner Familie ſonſt nicht aufhörten, ſowie die Nötigung, ſeine Kinder jahrelang in Penſionen zu erhalten, ferner eine ausgedehnte Geſelligkeit, der er ſich nicht entziehen konnte, eine gern geübte Gaſtlichkeit und endlich die faſt alljährlich ſich aufzwingenden Kuren in entfernten Bädern derartige Anſprüche an ſeine Kaſſe, daß er keine Seide ſpinnen konnte, beſonders da ſeine Gattin, einer Künſtlerfamilie entſtammend, Finanzfragen etwas leichteren Herzens er⸗ ledigt zu haben ſcheint. So hinterließ er ſo wenig Ver⸗ mögen ¹), daß ſeine Gattin es als eine Erlöſung von ſchweren Sorgen empfinden mußte, als es der treuen Für⸗ ſorge des edlen Alexander von Humboldt gelang, von König Friedrich Wilhelm IV., der ſchon als Kronprinz für Wilkens litterariſche Arbeiten ſtets Intereſſe bekundet hatte, ſeiner Wittwe eine außerordentliche Penſion zu erwirken und ſie ſo der andernfalls ſie bedrohenden Dürftigkeit zu entreißen ²).
Bei eignen knappen Mitteln verleugnete Wilken auch nie ſein Mitgefühl für fremde Not und war beſonders ſtets bereit, ſeinen Einfluß zur Erwirkung von Unterſtützungen für jüngere ſtrebſame Gelehrte geltend zu machen, wie zahlreiche Konzepte von derartigen Geſuchen beweiſen; er hatte auch oft die Freude, ſeinen Verwendungen Folge gegeben zu ſehen. Durch eigenen Erfolg nicht ſtolz ge⸗ macht, voll Beſcheidenheit auf ſeine eigenen Werke blickend, hat er fremde Leiſtungen ſtets neidlos anerkannt, weder in der Wiſſenſchaft noch in ſeinem praktiſchen Wirken von
¹) Aus ſeiner Privatbibliothek, die nach dem Katalog des Auktionators Ra. u ch 2352 gedruckte Bücher und 11 Handſchriften umfaßte, und von der ſeine Familie 182 Werke behielt, wurden 1436 Thlr. 5 Sgr. erlöſt.
²)„Ich habe geſtern“, ſo heißt es in dem auch den Schreiber ſelbſt ehrenden Briefe Humboldts an Karoline,„einen ſehr warmen, dringenden empfehlenden Privatbrief an den König geſchrieben und nicht blos von dem Ruhme Ihres Gatten geſprochen und von dem zärtlichen Anteil, den auch der verewigte Monarch ihm überall(zuletzt in Teplitz) bezeugte: ich habe auch der Leiden erwähnt, die Sie er⸗ tragen, ſo männlich ertragen haben bei der Pflege des zweymal ſo betrübend erkrankten Gatten, ich habe Ihre traurige pekuniäre Lage mit unverſorgten braven Kindern geſchildert u. ſ. w. Heute nach der Tafel beym Könige habe ich mündlich wieder Gelegenheit gehabt meine Bitte zu wiederholen. Sie ſehen, daß alles geſchehen iſt, was mir mein Dankgefühl für den Verewigten einflößte.“— Der König er⸗ höhte die der Wittwe zuſtehende Penſion von 240 auf 600 Thlr. und beſtimmte auch ihrer jüngſten Tochter Betty, wenn ſie beim Ab⸗ leben ihrer Mutter unverſorgt hinterbliebe, eine jährliche Penſion von 100 Thlrn.


