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2 (1895) Jahresbericht über das Schuljahr 1894/95
Entstehung
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Anſtalt ſchon um ein Dritteil vermehrt ¹), dank der Er⸗ höhung der Fonds, den außerordentlichen Zuwendungen, vielen Schenkungen beſonders von ſeiten des Königs und zahlreicher Privatleute; im folgenden Jahre konnte Wilken auf ſeiner Reiſe mit ſtolzer Befriedigung wahrnehmen, welch einen angeſehenen Platz ſie unter den europäiſchen Biblio⸗ theken ſchon einnahm. Auf ſeinen Reiſen und während ſeines Aufenthalts in Bädern ließ er ſich ſtets wöchentlich fort⸗ laufende, genaue Berichte über die Geſchäfte der Bibliothek von ſeinen Gehülfen, dem treuen Kießling, Friedländer und Brandes, einſenden und behielt ſo, nach Bedürfnis aus der Ferne eingreifend, die Leitung der Anſtalt auch in dieſen Zeiten in der Hand, obwohl er die unmittelbare Verwaltung den von ihm geſchulten tüchtigen Kräften, be⸗ ſonders Pinder, Friedländer und Buſchmann, mit Vertrauen überlaſſen konnte; dieſem Amte widmete er die letzten Kräfte ſeines ſinkenden Lebens und brauchte es nicht als ein leeres Kompliment hinzunehmen, wenn Alexander von Humboldt ihn als den Schöpfer der Berliner Bibliothek bezeichnete.

Zu Wilkens Obliegenheiten gehörte auch noch die Ober⸗ aufſicht über die Univerſitätsbibliothek ²), deren Gründung er ſelbſt mit Klenze und dem akademiſchen Senate im Jahre

1830 beantragt hatte; mit der Verwaltung dieſer Tochter⸗

anſtalt, welche ſofort mit vielen Dubletten der Königlichen Bibliothek ausgeſtattet worden war, wurde Moritz Pinder im Nebenamt betraut. Überhaupt vertrat dieſer als erſter Kuſtos der Königlichen Bibliothek in den letzten Lebensjahren

¹) Damals zählte ſie 4611 Bände Handſchriften und etwa 250000 Bände gedruckte Bücher. Namentlich führte Wilken auch eine genaue Aufſicht über die einzuliefernden inländiſchen Verlagsartikel (ſ. Koch a. a. O. II. 617), nachdem die 1819 aufgehobene Verpflichtung zu deren Ablieferung an die Königliche Bibliothek durch Kabinettsordre vom 28. Dez. 1824 wieder eingeführt worden war. Im Jahre 1839 betrug die Zahl der gedruckten Bücher etwa 320000 Bände. S. Wilkens (deutſch geſchriebene) Historia bibl. regiae a. 1828 39 vor dem Index librorum quibus bibl. reg. aucta est annis 1837 et 1838, S. XVII. Der große alphabetiſche von Wilken angelegte Katalog der gedruckten Bücher umfaßte im Jahre 1828 162, im Jahre 1839 354 Bände. Von Intereſſe für die Geſchichte der Bibliothek iſt der Aufſatz von Treitſchke in den Preußiſchen Jahrbüchern, 1884. I. S. 473- 92, der nur die Zahl der Bände im Jahre 1884 ſchätzungs⸗ weiſe auf 900,000 angiebt, während doch dieſelbe erſt 1895 auf dieſe Zahl, allerdings reichlich, gelangt iſt. Die Zahl der wiſſenſchaftlichen Beamten beträgt zur Zeit 52, zu denen noch 4 Bureau⸗ und 26 Unterbeamte kommen. Bei der von 184481 durchgeführten Um⸗ arbeitung aller Realkataloge, einer gewaltigen und ſchwierigen Arbeit, die trefflich gelungen iſt, hat ſich der jetzt noch lebende, ſchon unter Wilken thätige Bibliothekar Dr. J. Schrader hervorragende Ver⸗ dienſte erworben.

²) S. Koch, a. a. O. II. 615.

ſeines Schwiegervaters nach außen hin dieſen immer mehr, ſo daß er dem Publikum faſt mehr denn dieſer als der Leiter des Inſtituts erſcheinen konnte. Ebenſo wird aber auch, wer das Maß körperlichen Leidens kennt, das in dieſer Zeit Wilken niederdrückte, ermeſſen können, wie viel Schuld dieſen trifft, wenn Jakob Grimm u) bei aller ausdrücklichen Anerkennung von Wilkens großen Verdienſten um die An⸗ ſtalt ihm vorwirft, in den letzten Jahren alt und läſſig ge⸗ worden zu ſein, und wenn die etwas erſchlafften Zügel darum fortab ſchienen ſtärker angezogen werden zu müſſen.

Wilkens Nachfolger haben es weniger ſchwer gehabt als er; eine Beſoldung von jährlich 3000 Thlrn., die Pertz von Anfang an angeboten wurde ²), da wo jener 1200 gehabt hatte, überhob dieſen jeder Sorge um weiteren Erwerb und wurde doch noch nicht als ausreichender Ent⸗ gelt für ſeine Thätigkeit von ihm angeſehen; ein zahlreicheres Perſonal ſtand Pertz zur Seite als das nach Zahl wie Eigenſchaften dem Urteil Jakob Grimms ³) zufolge nicht ausreichende, über das Wilken verfügt hatte. Und doch iſt es dem ſo hochverdienten Hiſtoriker und ebenſo deſſen Nachfolger R. Lepſius in geringerem Maße als Wilken gelungen, ihrer Amtsführung den dauernden Beifall weiter Kreiſe zu gewinnen. 4)

Die private wiſſenſchaftliche Thätigkeit Wilkens wurde zwar durch die oben erwähnten zahlreichen Erkrankungen und die dadurch bedingten Reiſen und Badekuren zu ſeinem großen Kummer auf das ſtärkſte beeinträchtigt und er⸗ ſchwert, aber die trotzdem lange Reihe ſeiner Werke ſpricht doch für ſeine bedeutende geiſtige Kraft und ſein nie nach laſſendes, ernſtes wiſſenſchaftliches Streben. Selbſt unter unſäglichen körperlichen Leiden verzichtete er nie ganz auf litterariſche Arbeit, und man kann nicht ohne Rührung ſehen, wie der eben noch ſchwer durch die Hand des Schick⸗ ſals getroffene, aus der Heimat, aus ſeiner Familie, aus allen ſeinen Ideenkreiſen herausgeworfene, gebeugte Mann aus ſeinem Leide ſich aufzuraffen, gleichſam im Unwillen über die ihm auferlegt geweſene Unthätigkeit in verdoppelten ernſten Studien wieder Halt zu gewinnen und ſich aufzu⸗ richten ſucht, und wie er dann, anfangs in ſcheuer Un⸗ ſicherheit gegenüber ſeiner Mitwelt, als ob er des doch

¹) Brief an Pertz vom 26. Juni 1841(in der Viſſenſchaftl. Beilage der Leipziger Zeitung Nr. 93 vom 19. November 1882, S. 557).

²) S. Jakob Grimm a. a. O. S. 558.

³) Daſ. S. 557.

) S. Ranke, Zur eigenen Lebensgeſchichte, Bd. LIII/IV der S. W., S. 611 und Ebers, R. Lepſius, S. 244; vergl. auch Treitſchke a. a. O. a. betr. St.

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