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2 (1895) Jahresbericht über das Schuljahr 1894/95
Entstehung
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Wer, vom Ruhm des Verfaſſers der Geſchichte der Kreuzzüge beſtimmt, die auch von ſtrebſamen Schülern gern geleſen wurde ¹), eine geſchichtliche Vorleſung von ihm belegt hatte, der mochte wohl wie Ludwig Wieſe ²) ent⸗ täuſcht ſein über die kleine, allmählich ſich noch mindernde Zahl der Hörer, über den alternden Mann ohne Friſche, der noch dazu durch ſein nervöſes Schurren auf dem hohlen Boden des Katheders den Hörern manches Wort unver⸗ ſtändlich machte; wer wie H. Kiepert³) gar erſt im Jahre 1837 ſich zu einem Kolleg über Paläographie ein⸗ fand, der fühlte ſich durch den trockenen und eintönigen

aus der Zeit von Wilkens Abweſenheit von Berlin; auch gedruckte gegenſeitige Erwähnungen finde ich faſt nicht. Daß Wilken, weil von Ranke überſtrahlt, ſich unmutig von ihm ferngehalten hätte, wäre an ſich denkbar, entſpricht aber durchaus deſſen Charakter nicht und iſt durch nichts nachzuweiſen; daß der Ranke feindliche Leo im Sommer 1827(ſ. o. S. 42 f.) in Wilkens Haus ein⸗ und ausging, könnte jenen von da ferngehalten haben. Ranke beſuchte bei ſeiner konſtitutionellen Geſinnung faſt nur politiſierende Kreiſe, Wilken dagegen hielt in den letzten acht Jahren ſeines Lebens ſich faſt nur innerhalb ſeiner vier Wände. Auch berührten die Studien beider ſich wenig; der überlegenheit der Rankeſchen Kritik bei der Verarbeitung der abendländiſchen Quellen konnte Wilken ſich nicht verſchließen, war auch gern bereit Irrtümer zurückzunehmen(vergl. Monatsber. d. Berl. Akad. 1837. 1.(9. Januar) gegenüber Ranke, Päpſte, III. 363. 4); auf Wilkens eigenſtes Gebiet konnte Ranke wiederum ihm nicht folgen. Daß Ranke im Jahre 1837 den Übungsſtoff für ſeine hiſtoriſche Geſellſchaft dem erſten Kreuzzuge entnahm und ſo gegen Wilken und ſeine Darſtellung des Zuges eine gewiſſe Spitze richtete(ſ. Sybel, Der erſte Kreuzzug, Vorrede), mußte dieſem nicht gerade bekannt werden und hätte ihn nicht getroffen, da er dieſe Jugendarbeit ſelbſt längſt preisgegeben hatte; daß Ranke die andern Bände von Wilkens Hauptwerk jederzeit für ſeine Kollegien⸗ hefte benutzt hat, hätte dieſen entwaffnen müſſen. Es iſt nach alle⸗ dem kein Grund vorhanden, ein unfreundliches Verhältnis beider an⸗ zunehmen. Dagegen verdanke ich der Güte Alfred Doves die Kennt⸗ nis folgender Stelle aus einem Briefe Rankes an Stenzel vom 3. Auguſt 1841(in der Beilage Nr. 70 der Allg. Zeitung 1892 v. 23. März), welche doch auf ein vertrauensvolles Zuſammenwirken beider hin⸗ deutet:Ich hatte die Akademiſche Angelegenheit damals Wilken überlaſſen, mit dem ich ſie auch durchgeführt hatte. Jetzt ohne ihn iſt die Sache ſchwerer geworden. Auch nennt Ranke in denPäpſten des 16. u. 17. Ihrhdts., III. 393, Wilken ſeinengelehrten Mit⸗ bürger und Freund. So gingen alſo beide Männer, die auch im Alter faſt zwei Jahrzehnte von einander verſchieden waren und von denen der eine, arbeitbelaſtet und gewaltiger Pläne voll in mächtig aufſtrebender Linie ſich bewegte, der andere nach vollbrachtem Lebens⸗ werk ſchon ſtill dem Ziel ſeines Daſeins entgegenſah, gewiß friedlich und freundlich nebeneinander ihres Weges dahin.

¹) S. d. autobiogr. Skizze v. Üchtritz, bei Sybel, Erinnerungen an Friedrich v. U.

²) Nach einer gütigen Zuſchrift vom 27. Novbr. 1894 an den Verfaſſer. Wieſe beſuchte 1828 die Vorleſung über Geſchichte des Altertums. Vergl. auch Parthey a. o. O. II. 236.

³) Nach einem freundlichen Briefe desſelben an den Verfaſſer vom 5. Dezember 1894.

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Vortrag des früh gealterten, wenig rüſtigen kleinen Mannes unter Mittelgröße, der neben ſeinen Ausführungen die Zuhörer in den Handſchriften Leſeverſuche anſtellen ließ, wenig angezogen. Anders, beſſer war es aber in ſeinen hiſtoriſchen und orientaliſch⸗grammatiſchen ÜUbungen. Fehlte ihm das Hinreißende und Begeiſternde der freien Rede, wie ſie ſpäter einem Ranke, einem Droyſen gegeben war und jetzt einem andern Nachfolger von ihm, Heinrich von Treitſchke, eignet, ſo war Wilken mehr das, was man wohl einen Profeſſoren⸗Profeſſor genannt hat: er bildete Ge⸗ lehrte. Seine geſchichtlichen Vorträge konnten auf Laien, auf ſolche Zuhörer, die gern in wenigen geiſtreichen Sätzen die Quinteſſenz einer geſchichtlichen Periode mit nach Hauſe genommen hätten, keine Anziehung üben; dieſe Vorträge waren nicht ſo eingerichtet, daß ſie zugleich als allgemeine Überſichten über größere Zeiträume gelten konnten oder in einer allge⸗ meiner anziehenden Weiſe politiſche und philoſophiſche Ge⸗ ſichtspunkte eröffnet hätten. Seine Weiſe ſchmeichelte der Phantaſie nicht, entbehrte allen Effekts, verzichtete auf jeden rhetoriſchen Schmuck und erließ dem Hörer nicht die Fülle der Einzelheiten, die er in fleißiger Forſchung ſorgſam zu⸗ ſammen getragen hatte. Er wünſchte ſeine Zuhörer lediglich auch zu Forſchern zu bilden und Leiſtungen hervorzurufen, wie er ſie ſelbſt gegeben hatte, Leiſtungen, die manche freilich mehr als Geſchichtsforſchung denn als Geſchichtsſchreibung glaubten bezeichnen zu ſollen. Dieſe Abſicht machte die freie Rede nicht unbedingt nötig, erforderte dagegen von dem Hörer eine beſondere Neigung und Hingebung an den Gegenſtand und eine geſpannte auf das Einzelne gerichtete Aufmerk⸗ ſamkeit. Dieſe fand er mehr bei denen, die ſpäter ſelbſt die Wiſſenſchaft zu fördern gedachten, und ſolche waren es auch, die er gerade im letzten Jahrzehnt ſeiner Thätigkeit vorzüglich zu geſchichtlichen, orientaliſchen und paläo⸗ graphiſchen Übungen um ſich vereinigte und zu ſelbſt⸗ ſtändigen Unterſuchungen anregte; ihnen, einem kleinen Kreiſe erleſener, ſtrebſamer Zuhörer waren ſeine Vorträge, wenn auch damals ſeine ſonſt bedeutende Perſönlichkeit nicht zu den lebendigſten gehörte, durch den Ernſt ſeiner Forſchung und die eindringende liebevolle Vertiefung in die Quellen doch anziehend. In dieſem Sinne ſind viele, die in der Folgezeit an deutſchen Univerſitäten Geſchichte und orientaliſche Sprachen gelehrt haben, doch ſeine Schüler geweſen.)

¹) Eine freundliche und wohlthuende Erinnerung daran hat der wohl ͤlteſte ſeiner noch lebenden Schüler, der ehrwürdige 87jährige Orientaliſt Geheimrat Profeſſor Ferdinand Wüſtenfeld in Göt⸗ tingen bewahrt, der unterm 5. Dezember 1894 dem Verfaſſer fol⸗ gende gütige Notiz zuſandte:In Wilken fand ich nach Ewald