ſtock geteilt werden ſollte ¹), Wilken ſeine Amtswohnung für einige Zeit und zwar ſchon am 1. Oktober räumen müſſe, da mochte Wilken zwar noch nicht nach Berlin zurückkehren, aber auch nicht mehr in Gernrode weilen. Schon öfter hatte er den Wunſch geäußert, Deſſau näher kennen zu lernen, und ſo wurde dort von Ende Auguſt ab ein weiterer Aufenthalt genommen, der ſich noch über das erſte Drittel des Oktober ausdehnte. Inzwiſchen war Friedrich Franz mit der Schweſter nach Berlin zurückgekehrt, und beide hatten in der Nähe der Bibliothek in einem Hauſe hinter der katholiſchen Kirche(Nummer 2), das ſeitdem längſt abgeriſſen iſt, eine paſſende Wohnung für die Familie gemietet.
In Deſſau fand ſich unterdeſſen eine Anzahl ange⸗ nehmer Familien, mit denen Karoline teilweiſe ſchon als junges Mädchen, als ſie mit ihren Eltern von 1795 bis 1800 dort wohnte, in Beziehungen geſtanden hatte. Zu ihnen trat noch der Gymnaſialprofeſſor Heinrich Lindner, der im Jahre 1819 Wilkens Schüler in ſeinem Arabicum geweſen war ²), und der ſehr muſikaliſche Prediger Schubring, ein Freund Mendelsſohns, dem er weſentlich den Text zum Paulus und zum Elias zurechtlegen half ³). Auch aus⸗ wärtige Bekannte, wie Friedrich von Raumer, der ſeine in Deſſau wohnenden Brüder beſuchte, und Adolf Stahr aus Berlin fanden ſich ein.
Doch wurde Wilkens Zuſtand in Deſſau mehr und mehr bedenklich; ſeine Schwäche nahm unverkennbar zu, und der Deſſauer wie auch der Berliner Hausarzt erblickten darin bedenkliche Anzeigen einer Verſchlimmerung ſeines Zuſtandes. Daher eilten Friedrich Franz und ſeine Schweſter wieder von Berlin herbei, um die Eltern abzuholen, und am 10. Oktober ward die Rückreiſe angetreten. Dieſe erſchien bei dem Zuſtande des Kranken und wegen der üblen Be⸗ ſchaffenheit des Reiſewagens, den man nur mit Mühe hatte auftreiben können, nicht unbedenklich und war ſehr beſchwer⸗ lich. Nach einem Nachtquartier in Treuenbriezen kam man am 11. Oktober in Berlin an, und in ſehr angegriffenem Zuſtande wurde Wilken nur mühſam in die neue, zwei Treppen hoch belegene Wohnung hinaufgebracht. Er ſollte ſie lebend nicht mehr verlaſſen. Schon an einem der erſten Tage befiel ihn ein ſchwerer, mit einer Ohnmacht verbundener
¹) Pertz, Die Kgl. Bibl. in Berlin, 1842—67, S. 7.
²) S. über ihn Dietel in den Mitteilungen des Vereins für Anhaltiſche Geſchichte, IV. 500— 509, und Schmidt, Ankhalt. Schriftſt.⸗ Lex. S. 518.
³) S. ſ. Briefwechſel mit Mendelsſohn, herausg. v. J. Schubring, 1892. Wilken kannte ihn wohl von Berlin her, wo Schubring Lehrer der Kinder Schleiermachers geweſen war. Doch hatte auch Karoline in ihrer Jugend mit einer der in Deſſau lebenden Familien dieſes Namens verkehrt; ſ. Anhang.
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ſchlagflußähnlicher Zufall, von dem er ſich aber nach ein
paar Tagen wieder einigermaßen erholte.
Dann beſſerte ſich ſein Zuſtand wohl noch ein wenig, ſodaß er ſogar in ſeine Geſchäfte wieder inſoweit ein⸗ treten konnte, als dieſe von ſeinem Zimmer aus zu erledigen waren ¹). Doch die Schwäche blieb, und er magerte ſichtlich ab. In den nächſten ſechs Wochen konnte er den Tag über wenigſtens noch außer Bette ſein; aber am 15. Dezember legte er ſich, um das Bett nicht wieder zu verlaſſen, und am 22. abends erklärte Dr. Barez ſeinen Zuſtand für hoffnungslos. An dieſem Tage erſt richtete der Kranke an den Miniſter Eichhorn die Bitte, ihm die Übergabe der Bibliotheksleitung an ſeinen Kollegen Dr. Spiker zu ge⸗ ſtatten. Am ſelben Tage empfing er auch noch Beſuche von Lachmann und von Jakob Grimm; der letztere fand ihn geiſtig ſo kräftig, daß er beim Weggang zu Friedrich Franz äußerte, er könne es nicht faſſen, daß der Zuſtand des Kranken hoffnungslos ſein ſollte.*) Bis zum Abend ſeines vorletzten Lebenstages war aber ſein Geiſt klar und ſeine Stimmung heiter und ergeben; kein Wort der Klage oder des Unmuts kam über ſeine Lippen. Erſt als er am letzten Tage ſeines Lebens erwachte, war er nicht mehr recht bei Bewußtſein. Nach kurzer Beſſerung am 23. De⸗ zember waren an dieſem Tage, am 24. in der Frühe, die Zeichen der nahenden Auflöſung wahrzunehmen. Wenn er auch keine Schmerzen litt, ſo ſtellten ſich doch Beklem⸗ mungen ein, und mehrmals fragte er den jungen Arzt Dr. von Pochhammer, den nachmaligen Gatten ſeiner jüngeren Tochter, ängſtlich, ob dieſer fatale Anfall nicht bald vorübergehen werde.
Alle die Seinigen, mit Ausnahme ſeines jüngeren, damals auf Reiſen abweſenden Sohnes Sulpiz ³), um⸗ gaben ſein Lager. Um 12 Uhr mittags ſagte er ganz ver⸗ nehmlich, indem er ſeine Umgebung hell anſah:„Nun trete ich bald eine große Reiſe an.“ Mangel an Luft quälte ihn ſehr, er mußte bald ſo, bald anders gelegt werden; ſeine erkaltenden Hände wollten ſich in denen der Gattin nicht mehr erwärmen.
Plötzlich ſagte er:„Jetzt iſt es bald Zeit“, und wieder nach einer Weile ſah er ſeinen Schwiegerſohn Pinder an
¹) Das folgende meiſt nach einem Briefe Karolinens vom 26. Dezbr. 1840 an ihren Bruder Karl Wilhelm Tiſchbein in Bückeburg.
²) Vergl. auch den Briefwechſel Friedrich Lückes mit den Brüdern Grimm, herausg. v. Sander, 1891, S. 33.
³) Dieſer weilte damals gerade in Heidelberg und trat auf die Kunde von der ſchlimmen Wendung in des Vaters Krankheit ſofort die Heimreiſe an; als er aber in Halle in die Poſtſtube trat und ein Zeitungsblatt in die Hand nahm, fand er darin ſchon die Nachricht von des Vaters Tode.


