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Freund zuerſt wieder ſehr konfus. Alles verwirrt ſich in ſeinem Kopfe, und dazwiſchen brechen dann wieder Strahlen eines höheren geiſtigen Lebens und Bewußtſeins hervor, die höchſt merkwürdig ſind und ſich ſtets an das An⸗ denken der Gräfin knüpfen; wie man ihrer erwähnt, wird ſein Geiſt klarer.“ ¹)
Um Wilken ſelbſt war es Abend, war es ſtille geworden. Schon nach ſeiner Rückkehr aus Wien und unter den Eindrücken der erſchütternden Ereigniſſe jener Jahre er⸗ ſchien er ſelbſt ſtiller, zurückhaltender und zeigte ein noch ernſteres und mehr in ſich gekehrtes Weſen. Der Kreis der Berliner Familien, mit denen er jahrelang ſo ver⸗ traut gelebt, war zuſammengeſchmolzen, an andere, neue ſchloß er ſich nicht mehr ſo leicht an, ganz abgeſehen da⸗ von, daß ſchon ſein faſt beſtändiges qualvolles Gicht⸗ leiden ihm einen größeren geſellſchaftlichen Verkehr nicht mehr geſtattete. In ſeinem Arbeitszimmer auf der Bib⸗ liothek und im Kreiſe der eigenen, der engeren wie der weiteren Familie fand er ſeine ſchönſten Freuden und volle Genüge. Es war richtig, was Heinrich Laube in ſeinen„Modernen Charakteriſtiken“, ²) wo er die deutſchen Hiſtoriker kurz kennzeichnet, von ihm ſagt:„Wilken, der Hiſtoriker der Kreuzzüge, arbeitet ſchweigſam auf der
Berliner Bibliothek.“
Aber deshalb entbehrte er nicht jedes anregenden Verkehrs in ſeinem Hauſe; hier waren häufige Gäſte in dieſen letzten Jahren der Archäologe Eduard Gerhard und der berühmte Philologe Karl Lachmann, welche beide, zumal den letzteren, Wilken ſehr hoch ſchätzte. Sie pflegten des Abends zur Theeſtunde zu kommen, wo Wilken, der ſelten oder kaum des Abends mehr ausging, immer gern Beſuch empfing. Er ſaß dann im Schlafrock, ein ſchwarzes rundes Käppchen auf dem Kopfe, mit ſeiner Frau auf dem Sopha und um ſie herum ſeine Gäſte und ſeine Kinder; es waren dies ſehr behagliche und intereſſante Stunden,
und Wilken ſelbſt, dem die körperlichen Leiden ſonſt oft die Stimmung verdarben, zeigte ſich dann ſehr unter⸗ haltend und geſprächig. Lachmann trat öfter vor ſeinem Beſuch bei Wilken ſelbſt in das ebener Erde gelegene Zimmer von deſſen Sohn Friedrich Franz ein, um ſich eine „gute Geſchichte“ auszubitten, von denen er ein großer
¹) Eliſe hatte ihm ein ſorgenloſes Leben in ihren und in ſeinen völlig unverändert gelaſſenen Räumen geſichert. Seit einem ſchweren Fall im Jahre zuvor, bei dem der alte Mann das Naſenbein zer⸗ brochen und eine Gehirnerſchütterung davongetragen hatte, war die Abnahme ſeiner geiſtigen Kräfte beſonders ſichtbar geworden.
²) Mannheim, 1835, II. 53.
Freund war ¹) und die dieſer daher für ihn auf Vorrat zu halten bemüht war.
Ebenſo erſchien des Abends oft ein penſionierter Deſſauiſcher Hofrat Kuhn, ein Freund Karolinens ſchon von der Zeit her, wo ſie noch mit ihren Eltern in Deſſau gelebt hatte, der von ſeinen großen und vielen Reiſen gar hübſch zu erzählen wußte. Auch der berühmte Geognoſt Leopold von Buch beſuchte Wilken oft, ein etwas ſonderbarer Mann, der im Winter nie anders als mit einem großmächtigen Muff ausging; er hatte eine ſcharfe Zunge und amüſierte Wilken oft höchlich; ebenſo ſtellte ſich öfter der Statiſtiker Profeſſor Dieterici ein, der ihm überhaupt viel Anhänglich⸗ keit bewies und ſich auch ſeine Schrift über die Waldenſer von ihm durchſehen, überarbeiten und anzeigen ließ. ²) Ab und zu ließ ſich ſogar der mehrerwähnte, als Verfolger burſchenſchaft⸗ licher und überhaupt liberaler Beſtrebungen berüchtigte Geheim⸗ rat Tzſchoppe bei ihm ſehen, ein wohlfriſiertes, glattes und bewegliches Männchen, das ſich in ſeiner Eitelkeit auch für einen Geſchichtsſchreiber hielt, weil es mit Stenzel zuſammen eine Urkundenſammlung für Schleſien und die Lauſitz herausgab, wobei aber letzterer die wiſſenſchaftliche Arbeit leiſtete..) Der unheimliche Mann ſtarb bald nach Wilken, nachdem er aus Verdruß über ſeine Penſionierung unter dem ihm ſehr abgeneigten Friedrich Wilhelm IV. in Wahn⸗ ſinn verfallen war, in deſſen Anfängen er z. B. auch ein⸗ mal zu Boeckh ſagte, dieſer ſei der zweitgrößte Gelehrte, indem er ſich ſelber ſtillſchweigend als den größten anſah.
Unter den Familien der Kollegen ſtand in den letzten zehn Jahren die des Zoologen Lichtenſtein und eine Zeitlang auch der Profeſſor Levezow ihnen beſonders nahe; gar angenehm war der ganzen Wilkenſchen Familie auch der Umgang mit dem Maler Profeſſor Schleſinger und ſeiner Frau, welch letztere mit Karoline ſchon in Heidelberg befreundet geweſen war.)
Sulpiz Wilken, der zweite Sohn, der ſich der Kunſt⸗ gärtnerei gewidmet hatte, führte ferner die beiden Brüder Stahlknecht, talentvolle Muſiker, in das Elternhaus ein, und durch den älteſten Sohn erhielt auch deſſen ge⸗
¹) S. M. Hertz, Lachmann, S. 226. Bekannt iſt der hübſche Scherz, den Wilkens Schwiegerſohn Pinder mit Parthey infolge einer
Wette mit Lachmann, der behauptet hatte, das Wort„jedenfalls“ komme
vor dem Jahre 1810 nicht vor, durch Interpolation eines das frag⸗ liche Wort vielmals enthaltenden Artikels„Gelaſander“(Lach⸗mann) in das Jöcherſche Lexikon ausführte, daſ. 212 ff. u. die Beilagen D u. E.
²) Berliner Jahrb. f. wiſſ. Kritik 1831. S. 812— 16.
³) S. die ergötzliche Schilderung Tzſchoppes als eitlen Autors bei Gutzkow, Rückblicke, S. 251 f.
⁴) S. Jakob u. Charlotte Schleſinger, ein Gedenk⸗ blatt, Berlin b. Schade.
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