die Gebrechen der engliſchen Rechtspflege entwickelte, genußreich fand; auch mehreren Sitzungen des Unterhauſes wohnte er an, hatte aber zu beklagen, zu den ſehr intereſſanten Debatten über die Katholiken⸗Emancipation zu ſpät gekommen zu ſein. Durch ein Billet Münſters und von Richter eingeführt, nahm er an einer großen Tafel der society of friends of foreigness in distress teil, verbrachte einen Abend in der deutſchen Geſellſchaft und machte am 14. Mai auch einen Abſtecher nach Oxford. Hier erhielt er in der Bodleiana auf Pertz' Empfehlungsbrief den Codex des Niketas, deſſen er für den fünften Band der Kreuzzüge bedurfte, und verglich ihn mit aller möglichen Sorgfalt; auch lernte er bei einem Beſuche den Hebraiſten Puſey kennen, deſſen religiöſe, ſpäter als Puſeyismus bezeichnete Richtung freilich damals noch nicht hervortrat; er beſuchte ferner mehrere Buchhändler und war am 16. abends nach ſiebenſtündiger Poſtfahrt wieder in London. Nachdem er hier noch wie in Paris eine Anzahl von Bücherkäufen abgeſchloſſen hatte ¹), fuhr er am 23. Mai früh um 3 Uhr in 60 Stunden(für 7 Guineen) nach Ham⸗ burg, ſah dort die Schröder⸗Devrient als Donna Anna in Don Juan, beſichtigte die Stadtbibliothek, wohnte, wahr⸗ ſcheinlich auf Veranlaſſung Ulrichs(ſ. o. S. 42 Sp. 2), einem Redeakt des Hamburger Gymnaſiums bei und traf am 29. Mai wieder in der Heimat ein.
Gerade dieſe letzte größere Reiſe war für Wilken noch in der ganzen Folgezeit eine Quelle der angenehmſten Erinnerungen.
Unter dem 4. September erſtattete er dem Miniſterium ſeinen Reiſebericht; er erklärte darin unter anderem, keine der von ihm beſuchten Bibliotheken außer der Göttinger erfreue ſich einer muſterhaften Anordnung, und der Beſuch derſelben habe ihm neben reichſter Belehrung zugleich die aufmunternde Üüberzeugung verſchafft, daß die Berliner Bibliothek ſchon jetzt einen ſehr ausgezeichneten Platz unter den europäiſchen Bücherſammlungen einnehme.
Auch für die übrigen großen preußiſchen Biblio⸗ theken machte er die Reiſe inſofern nutzbar, als die Buch⸗ händler, mit denen er geſchäftliche Verbindungen ange⸗ knüpft hatte, auch an dieſe zu denſelben Bedingungen wie an die Berliner Bibliothek Bücher zu liefern ver⸗ ſprachen, eine Vergünſtigung, wovon die Univerſitäts⸗ bibliotheken alsbald in Kenntnis geſetzt wurden.
In einer Verfügung vom 12. September wurden auf ſeinen Bericht hin unter Bewilligung von rund 700 Thlrn. zum Erſatz ſeiner auf 660 Thlr. ſich belaufenden Reiſeaus⸗ lagen ſeine Bemühungen vom Miniſter lobend anerkannt.—
¹) Die Kaufſumme belief ſich einſchließlich der Pariſer Er⸗ werbungen auf etwa 4000 Thlr.
Nach den drei obengenannten ſchmerzlichen Todes⸗ fällen brachte das Jahr 1829 der Familie doch auch noch ein freudiges Ereignis: nachdem Moritz Pinder am 3. September promoviert hatte, veröffentlichte er ſeine Verlobung mit Wilkens älteſter Tochter Sophie; dieſe Verlobung war freilich ſchon einige Zeit ein öffentliches Geheimnis geweſen. In dem vielbewährten Schwiegerſohn, der mit gründlichſtem Wiſſen auch praktiſche Geſchicklichkeit verband und ſich über⸗ all der größten Beliebtheit erfreute, fand auch Wilken während der bald über ihn hereinbrechenden Plagen lang⸗ jähriger gichtiſcher Leiden und eines dadurch bedingten frühen Alters einen mit Troſt und anziehender Unter⸗ haltung in kindlicher Liebe treu ihm zur Seite ſtehenden Freund und Gehülfen ¹).
Dieſe Verlobung brachte ein fröhliches Leben und Treiben in das Wilkenſche Haus, in dem ſo lange Trauer und Sorge geherrſcht hatten. Unter Pinders Freunden war es beſonders Adolf Schöll, der viel in der Familie der Braut verkehrte, und ein Enkel von Wilkens väterlichem Freund Eichhorn in Göttingen, ein Herr von Hieronimy, der damals mit Louiſe Müller, der ſpäter berühmten Louiſe Mühlbach, verlobt war, ein Verhältnis, das übrigens durch den leichtfertigen Dieffenbach, den genialen Chirurgen, geſprengt ward.
Auch der bekannte Sinologe und Hiſtoriker C. Fr. Neu⸗ mann, ein merkwürdig häßlicher, aber ſehr intereſſanter Mann, mit dem Wilken im Frühjahr in Paris bekannt geworden war, hielt ſich um dieſe Zeit einige Monate in Berlin auf, wo er auf Wilkens Verwendung von der preußiſchen Regierung Aufträge und Unterſtützung für eine Reiſe nach China erhielt, und ſuchte ihn während dieſer Zeit faſt täglich in ſeinem Hauſe auf. ²)
Noch im Herbſte 1829 ließ Wilken den fünften Band ſeiner Geſchichte der Kreuzzügge erſcheinen, für die er
¹) Moritz Pinder war 1807 geboren, ſtudierte von 1824 ab in Berlin, wo er auch unter Schadows Leitung zeichnete und malte und die Kupferſtecherkunſt erlernte; 1829 bei der Kgl. Bibliothek angeſtellt, übernahm er daneben auch die Verwaltung der neuge⸗ gründeten Univerſitätsbibliothek, wurde 1851 Mitglied der Akademie, 1858 Nachfolger Kuglers als Geheimer Regierungsrat und vortragender Rat im Kultusminiſterium und ſtarb als Geh. Ober⸗Regierungsrat am 30. Auguſt 1871; vergl. auch die Allg. D. Biogr. Von den vier Kindern des Paares wurde die zweite Tochter die Gattin des Juriſten Johannes Merkel in Halle und die Mutter des Profeſſors der Rechte Johannes Merkel in Göttingen; der einzige Sohn Eduard Pinder iſt am 18. September 1890 als Muſeumsdirektor in Caſſel geſtorben.
²) Das hinderte Wilken aber nicht, die Ausführung der Auf⸗ träge, wie ſie Neumann beliebt hatte, auf das freimütigſte öffentlich zu tadeln im Bericht über die Bibliothek vor dem Verzeichnis der Neuanſchaffungen 1837 u. 38. S. X f. 9.


