Druckschrift 
2 (1895) Jahresbericht über das Schuljahr 1894/95
Entstehung
Einzelbild herunterladen

graphen und Altertumsforſchers Jomard und des Natur⸗ forſchers Baron Féruſſac. Nachdem er außerdem die wichtigſten Sehenswürdigkeiten betrachtet und verſchiedene Theater beſucht hatte, verließ er die reizvolle Stadt am 26. April und fuhr in ununterbrochener, faſt 40ſtündiger Fahrt über Beauvais, Abbeville, Montreuil und Boulogne nach Calais, wo er am 27. April um 8 Uhr abends ein⸗ traf. Die Überfahrt über den Kanal machte er auf dem ſelben Dampfer mit dem Naturforſcher John Brettingham Sowerby und mit der berühmten Henriette Sontag, die ihn auch in liebenswürdiger Weiſe anredete ¹); Dover wurde in Geſellſchaft und unter Führung Sowerbys be⸗ ſichtigt, worauf eine zehnſtündige Fahrt die Reiſenden über Canterbury und Rocheſter am 29. früh nach London brachte.

Hier ſuchte Wilken zunächſt den ihm ſchon bekannten preußiſchen Geſandten, ſpäteren Miniſter des Außeren Heinrich von Bülow auf, den Gatten von Wilhelm von Humboldts Tochter Gabriele; er fand freundliche Auf⸗ nahme und brachte gleich den erſten und noch manchen anderen Abend bei dem geiſtreichen und trefflichen Ehepaar zu ²). Für den nächſten Abend war er zu dem hannöverſchen Premierminiſter Grafen Münſter, der die Schweſter ſeines ehemaligen Zöglings, des Fürſten von Schaumburg⸗Lippe, zur Frau hatte, geladen und traf da, wie nochmals am 5. Mai abends bei Bülow auch ſeinen berühmten jungen Landsmann Felix Mendelsſohn, der ſich von April bis November 1829 in England aufhielt ³). Auch bei dem engliſchen General Sir Charles Imhoff, dem Bruder von Amalie von Helvig, verkehrte er viel und erhielt von ihm ein Bildnis ſeines Stief⸗ und Adoptivvaters, des berühmten Generalgouver⸗ neurs von Bengalen Warren Haſtings ⁴), zum Geſchenk.

Daß ihn auch die engliſchen Gelehrten durchaus nicht mit der von ihm erwarteten Kälte aufnahmen, ſchrieb er dem Umſtande zu, daß ihn eben erſt die Aſiatiſche Geſellſchaft in London zu ihrem Mitgliede ernannt hatte. In einer

¹) Von Dover bis Rocheſter ſchimpfte die Diva aber„wie ein Keſſelflicker“, weil man eine nicht ihr gehörige Kiſte auf ihre Diligence geladen hatte. Daß Wilken die kurze Begegnung mit ihr ſofort nicht nur ſeiner Frau, ſondern auch Böttiger mitteilte, verſteht man, wenn man erfährt, welchen Sturm der Begeiſterung die gefeierte Sängerin überall entfeſſelte; vergl. Holtei, Vierzig Jahre, IV. 185, 213; Börne, Geſ. Schr. V. 17—32. u. a. Sie brachte von dieſer ihrer engliſchen Konzertreiſe 20000 Thlr. Reinertrag mit.

²) Vergl. über dasſelbe die 1894 bei Mittler in Berlin er⸗ ſchienene Schrift„Gabriele v. Bülow“, und A. Stern in den Grenz⸗ boten 1894, S. 447— 57. Da erledigt ſich auch der bei Varnhagen Blätter ꝛc. IV. 195 gebuchte Klatſch über ſie.

³) S. S. Henſel, Die Familie Mendelsſohn. I. 214— 94.

*) Vergl. Biſſing, A. v. Imhoff, S. 1 ff.

66

Sitzung dieſer Geſellſchaft lernte er den Kartographen Alexander Johnſton kennen und traf dann in des letzteren Haus den Sohn ſeines Detmolder Freundes, den Orien⸗ taliſten Friedrich Auguſt Roſen an, der ihm vielfache Ge⸗ fälligkeiten erwies. Wilken fand zwar in England nicht ſo viele Gelehrte wie in Paris, beſonders nicht ſo viele Orien⸗ taliſten; aber intereſſant war es ihm beſonders, wie er an Böttiger ſchrieb ¹), dort ſoviel Männer kennen zu lernen, die einen beträchtlichen Teil von Aſien aus eigener Anſchauung kannten und Perſiſch oder Hinduſtaniſche Dialekte mit großer Geläufigkeit redeten.

Bei den Buchhändlern Treuttel und Würtz, Solly, Koller und Cahlmann fand er die geſuchte Belehrung über die Verhältniſſe des engliſchen Buchhandels und in dem Teilhaber der erſtgenannten Firma, Richter, einen liebens⸗ würdigen Führer zu den Merkwürdigkeiten Londons, neben dem auch Roſen und ein gewiſſer Mühlenfels*) freundliche Cicerone⸗Dienſte leiſteten. Neben dem britiſchen Muſeum, dem Tower, St. Paul und der Weſtminſterabtei, der Nationalgalerie und der Kunſtausſtellung in Somerſet⸗ houſe, neben Privatſammlungen, Ateliers, wie dem des Bild⸗ hauers Weſtmacott, wo ihn die Gräfin Münſter einführte, und gewerblichen Anſtalten, Theatern und Banken, Docks, Schiffen und Bazaren beſichtigte er namentlich die große Bibliothek im britiſchen Muſeum. Hier ſah er außer anderen Arbeiten auch die Handſchrift über die Einnahme von Damiette aus der Harleyſchen Sammlung durch und veranlaßte für die Berliner Akademie die Vergleichung einer Pliniushandſchrift. In der Bibliothek in Eaſt Indiahouſe⸗ zogen ihn die Mirkhondhandſchriften beſonders an. In Kenſington Palace führte ihn der gutmüthige Herzog. von Suſſex, der Bruder Georgs IV. und Wilhelms IV., der auf ſeines ehemaligen Reiſementors, Grafen Münſter, Bitte ihn ſofort zum Beſuch ſeiner Bücher⸗ und beſonders ſeiner Bibelſammlung eingeladen hatte, zugleich mit dem Biſchof von Briſtol, Dr. Gray, in der liebenswürdigſten Weiſe in der ſtattlichen Bibliothek ſelbſt umher.

Weiter lernte Wilken den Philologen Baker, die Orientaliſten Bernhard Dorn, Sir Ouſeley, der eine wertvolle Sammlung perſiſcher Handſchriften beſaß, Wilkins und Huttmann kennen. Auch wohnte er, auf Münſters Bitte von Tyrrwith eingeführt, einer Sitzung des Ober⸗ hauſes bei, wo er auch Wellington, die Herzöge von Suſſex und von Cumberland ſah, eine Rede Lord Eldons hörte und beſonders die Klarheit, mit der Lord Lindhurſt

¹) Brief vom 3. Juni 1829, auf der Kgl. Bibl. in Dresden. ²) Vielleicht iſt es der als Demagog verhaftete und aus Köpe⸗ nick entflohene Prokurator aus Köln.