der Bibliothek. Auf dieſer Reiſe, die ihn über Paris, das er damals zum drittenmale beſuchte, nach England führte, war der junge, als Orientaliſt und beſonders als Kenner des Armeniſchen ſpäter berühmte Dr. J. H. Petermann— er iſt 1876 als Profeſſor in Berlin geſtorben— ihm ein angenehmer und aufmerkſamer, wißbegieriger und doch beſcheidener Be⸗ gleiter. Ein noch vorhandenes Tagebuch Wilkens bietet über die am 25. März 1829 angetretene Reiſe folgende Aus⸗ führungen.
Uber Magdeburg, wo er die dem Domgymnaſium über⸗ wieſene Bibliothek des ehemaligen Domſtiftes beſichtigte, und Wolfenbüttel, wo er von dem Bibliothekar Eigener umher⸗ geführt ward, Braunſchweig und Hildesheim langte er am 30. März in Hannover an. Hier beſuchte er den Sohn ſeines Paten, den Oberſtallmeiſter Grafen von Kiel⸗ mannsegg, den Arzt Dr. Johann Stieglitz,“) der, auch ein genauer Freund Wilhelm von Humboldts, einſt mit dieſem zuſammen faſt ertrunken war, den Archivrat Keſtner, einen Sohn von Goethes Lotte, der eine in⸗ tereſſante Porträtſammlung beſaß, und den Oberbibliothekar Pertz, ſeinen ſpäteren Nachfolger in Berlin, einen ſtattlichen Mann von gerader Haltung und ernſtem Weſen. Dieſer zeigte ihm die Bibliothek und lud für den Abend zu einer ihm zu Ehren veranſtalteten Geſellſchaft ihm auch ſeinen alten Univerſitätsfreund Grotefend ein. In Göttingen beſuchte er, überall ſich in angenehmen Erinnerungen ergehend, die Bibliothek, den Bibliothekar Reuß, ſowie den Sohn ſeines alten Gönners und väterlichen Freundes, den berühmten Rechtsgelehrten Karl Friedrich Eichhorn, und ſah auch zum erſtenmale den Hiſtoriker Heeren, mit dem er indeſſen brieflich ſchon oft verkehrt hatte. Von Caſſel, wo er Jakob Grimm auf der Bibliothek fand und ſeinen alten Bekannten, den Hiſtoriker Rommel wieder begrüßte, fuhr er nach Arolſen zum Beſuch der Verwandten ſeiner Frau und der Eltern von Heinrich Stieglitz und fand auf der fürſtlichen Bibliothek zu ſeiner Überraſchung manches Schöne und Merkwürdige. Von da ging die Reiſe nach Cöln. Hier verbrachte er einen Nachmittag in angenehmſter Geſellſchaft bei dem Freunde Steins, dem für die Monumenta Germaniae ſich intereſſie⸗ renden Erzbiſchof Grafen von Spiegel, einem hochgewachſenen zuthunlichen Mann von liberaler Geſinnung, und beſichtigte die Syndikats⸗, die Wallramiſche und die Jeſuitenbibliothek. In Aachen beſah er die Merkwürdigkeiten, darunter auch die Rathausbibliothek, unter Führung eines ehemaligen Zu⸗ hörers, Dr. Menge, und langte, nachdem er den 9. April in Brüſſel verbracht und dort die etwa 80 000 Bände
zählende Bibliothek beſucht hatte, nach faſt ununterbrochener
) S. über ihn die Allg. D. Biogr.
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Fahrt über Valenciennes, Péronne und Senlis am 11. April in der franzöſiſchen Hauptſtadt an.
Während ſeines Aufenthalts in Paris, der bis zum 25. April ausgedehnt und mit jedem Tage anziehender für ihn ward, knüpfte Wilken Beziehungen mit bedeutenden Buch⸗ händlern an und erhielt beſonders von Truchy vorteilhafte Bedingungen für Lieferung von Büchern an die Berliner Bibliothek; er verkehrte oft in dem Hauſe des feingebildeten Buchhändlers Tilliard, mit dem er in geſchäftlichen Be⸗ ziehungen ſtand, auch mit Landsleuten, wie den Orientaliſten Klaproth, Neumann, Vullers, dem Mediziner Koreff, den Philologen K. B. Haſe und von Sinner aus München; mit dem jüngeren Ampdre war er öfter zuſammen und traf ſich beſonders auch häufig mit ſeinem alten Heidelberger Bekannten, dem Publiziſten Ferdinand von Eckſtein. In⸗ tereſſant war ja dieſer viel umhergekommene, damals im franzöſiſchen Miniſterium der auswärtigen Angelegenheiten angeſtellte jüdiſch⸗lutheriſche Konvertit, der nebenbei noch die Zeitſchrift le Catholique herausgab, Metternich gegen einen Sold von 3000 Gulden beſſere Pariſer Nachrichten ſandte als der öſtereichiſche Geſandte für ſein ungeheures Gehalt ¹) und außerdem auch noch Zeit und Intereſſe für orientaliſche Studien hatte. Wilken lernte die franzöſiſchen Orientaliſten Reinaud, Abel Rémuſat, Garcin de Taſſy, den Sanskritiker Eugen Burnouf, den Alter⸗ tumsforſcher Champollion den älteren, den Philo⸗ logen und Dichter Raynouard und— was ihm von großem Intereſſe war— auch den Hiſtoriker Michaud kennen, ſeinen Nebenbuhler auf ſeinem eigenſten Gebiete, der ihm ſofort die neue Ausgabe ſeiner Geſchichte der Kreuz⸗ züge in fünf Bänden zum Geſchenk machte. Auch beſuchte er den ihm von ſeinem früheren Aufenthalt in Paris her be⸗ kannten ehemaligen Biſchof von Blois wieder, Grégoire, deſſen Schrift de la constitution française de l' an 1814 er in den Heidelberger Jahrbüchern“) einſt beſprochen hatte, und wurde von ihm mit großer Herzlichkeit aufgenommen. Von dem Legationsrat Arnim in die preußiſche Geſandtſchaft eingeführt, wurde er von dem Geſandten von Werther zu einer ſehr langweiligen Mittagsgeſellſchaft eingeladen, erhielt aber deſſen Eintrittkarte für die von dem beredten und imponierenden Royer Collard geleiteten Kammerverhandlungen, denen er auch zweimal auf der Tribune des ambassadeurs beiwohnte; ebenſo wurde er auch in eine Sitzung der Académie des sciences eingeführt und beſuchte die ſehr intereſſanten Abendgeſellſchaften des an der Bibliothek angeſtellten Geo⸗
¹) S. Varnhagen, Blätter II. 437 f. Vergl. auch Gans, Rückblicke ꝛc., S. 9— 11.
²) 18 14. Nr. 32.


