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2 (1895) Jahresbericht über das Schuljahr 1894/95
Entstehung
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wunſch zu der Auszeichnung gehorſamſt darzubringen, welche ihm ſo lange ſchon als großem Sprach⸗ und geiſtreichem gelehrten Geſchichtsforſcher und als dem Schöpfer einer öffentlichen Bibliothek von ſeinem Bruder und ihm ge⸗ wünſcht worden ſei. Ein halbes Jahr ſpäter wurde auch Wilkens Gehalt als Bibliothekar auf 1200 Thlr. erhöht, eine Stufe, auf der er bis zu ſeinem Tode verblieben iſt.

Ende Auguſt 1828 machte er dann im Auftrag des Miniſters in Begleitung des Bibliothekſekretärs Kießling zur Inſpizierung der Univerſitätsbibliothek eine Reiſe nach Halle, auf die er auch ſeinen ſiebzehnjährigen, zu Oſtern des

Jahres von Schleiermacher eingeſegneten Sohn Friedrich

Franz mitnahm. Der Halliſche Oberbibliothekar, der

Hiſtoriker Profeſſor Voigtel ¹), machte bei der Reviſion

ein langes Geſicht, als bei der erſten Stichprobe der Bote das geforderte Buch nicht finden konnte und dieſer Vorgang bei der zweiten Probe ſich wiederholte. Im Gaſthof zum Kronprinzen traf Wilken bei der Tafel unver⸗ mutet mit Leo zuſammen und mit deſſen damals nächſten Be⸗ kannten, dem hochbegabten Philologen Reiſig, der ebenſo wie Leo für einen etwas lockeren Vogel galt ²), ſowie mit dem vollends berüchtigten Privatdozenten Dr. Eylert ³), dem einzigen Sohne des Biſchofs. Wilken hatte dem Ausreißer perſönlich längſt verziehen und war recht vergnügt mit ihm; damals ließ der immer noch burſchikoſe, enragierte ehemalige Burſchenſchafter Leo, der die friſchen Jugenderinnerungen ge⸗ ſchrieben hat, nicht ahnen, daß er einſt als Vorkämpfer der ſtrengkirchlichen und konſervativen Richtung in Preußen daſtehn werde. Mit Wilken blieb er immer auf gutem Fuße, und ſeine erhaltenen Briefe zeigen, mit welcher Achtung und Verehrung er zu dem älteren Manne emporblickte.

Er und Voigtel machten damals die Führer in Halle und Umgegend. Mit letzterem war Wilken z. B. in Giebichenſtein, wo er in der berühmtenTraube mit dem Orientaliſten Samuel Friedrich Günther Wahl zu⸗ ſammentraf. Dieſer hatte einſt ſeine perſiſche Grammatik bitter beurteilt, und Wilken hatte ſpäter mit ihm wegen eines der Königlichen Bibliothek gehörigen, nach ſeiner Anſicht von Wahl unrechtmäßiger Weiſe behaltenen orientaliſchen Manuſkripts jahrelange verdrießliche Händel gehabt), unterhielt ſich aber jetzt recht unbefangen und freundlich ¹) S. über den nicht allzu hoch zu ſtellenden Mann Schrader, Geſch. d. Univerſ. Halle, I. 411. 463. II. 7. 36. 43.

²) S. auch Schrader a. a. O. II. 73.

*) Er ſtand i. J. 1848 auf den Berliner Barrikaden und wird wohl identiſch ſein mit dem aus ſeinem Amte verſtoßenen Diviſions⸗ pfarrer Eylert in Frankfurt a./ Oder, der völlig verkommen iſt.

¹) Abſchrift von den Akten des Kultusminiſteriums darüber liegt mir noch vor.

mit ihm, während jener erſichtlich bedrückt und verlegen erſchien. Auf der Rückfahrt von Giebichenſtein wurden die Reiſenden von Voigtel auch zu dem bekannten Roman⸗ ſchriftſteller Auguſt Lafontaine ¹) geführt und von dem überaus liebenswürdigen und gutherzigen alten Mann mit friſchem blühenden Angeſicht und ſchneeweißen Haaren, der ſich, nachdem die Zeiten ſeines Ruhmes längſt vorüber waren, philologiſchen Studien zugewandt hatte, auf das herzlichſte aufgenommen.

Nach einem weiteren Beſuch in Halle bei dem Wilken ſchon von Jena her bekannten Philologen Chriſtian Gottfried Schütz ²), bei dem ſie auch ſeine als Wirtſchafterin bei ihm weilende, von ſeinem Sohne geſchiedene Schwiegertochter, die berühmte Hendel⸗Schütz, immer noch eine ſtattliche Erſcheinung ³), kennen lernten, fuhren ſie noch für 8 Tage nach Leipzig, wo ſie bei der Familie Kunze wohnten; Wilken durchmuſterte die Büchervorräte Weigels, beſuchte Gottfried Hermann und wohnte auch mehrere Male deſſen Vorleſungen über Ariſtophanes' Vögel an, und zwar mit ſeinem Sohn, auf den die Figur des im langen gelben Rocke und mit hohen Sporenſtiefeln auf dem Katheder ſtehenden Philologen einen großen Eindruck machte.

Im Jahre 1829 ſtarb in hohem Alter in Ratzeburg Wilkens Mutter, die er ſeit ſeinem Beſuche daſelbſt im Jahre 1805 nicht mehr geſehen hatte. Wilken war darüber um ſo betrübter, da er gerade damals Gelegenheit ge⸗ funden haben würde, ſie auf einer größeren Reiſe endlich einmal wieder aufzuſuchen.

Nachdem er nämlich am 15. Dezember 1828 dem Miniſterium berichtet hatte, daß das dringende Bedürfnis der Bibliothek, das Fach der engliſchen Litteratur im ganzen Umfang ſeiner Verzweigungen zu vervollſtändigen, ihn wünſchen laſſen müſſe, ſich eine anſchauliche Kenntnis von dem Zuſtande, den Einrichtungen und Verhältniſſen des engliſchen Buchhandels zu verſchaffen, auch eine nähere Bekanntſchaft mit den wichtigſten engliſchen Bibliotheken ihm für ſeine Amtsführung weſentlichen Nutzen gewähren würde, erhielt er am 30. Dezember einen etwa zweimonatlichen Urlaub zu einer derartigen Reiſe, und zwar von Ende März 1829 ab, unter Anweiſung der Koſten auf den Fonds

¹) S. m. Abhandlung im Progr. des Caſſeler Friedrichs⸗ gymnaſiums v. 1890, S. 20.

²) S. o. S. 7; er war mit der von ihm begründeten Allge⸗ meinen Litteraturzeitung(ſ. Progr. v. 1890. S. 15 f.) 1805 nach Halle übergeſiedelt, während Eichſtädt die mit dieſer nunmehr kon⸗ kurrierende Jenaer Litteraturzeitung übernahm.

) Eine hübſche Schilderung von ihr und ihren mimiſchen Künſten giebt W. Kügelgen in denJugenderinnerungen eines alten Mannes, S. 24246.