Gattin Karoline, verwittweten Böhmer, geborenen Michaelis, und ſeiner Stieftochter Auguſte Böhmer, ihrem Manne über ihn nach Wien geſchrieben:„Ich habe bis jetzt von Schlegel nur gehört und zwar am meiſten von ſeinen welken geſchminkten Wangen und ſeiner allerliebſten blonden Perrücke, welche hier, nebſt einer mit Spiegel verſehenen Tabatière, worin er alle Augenblicke einmal ſein angenehmes Geſicht bewundert, höchliches Aufſehen erregt“. Schlegel war denn auch ein häufiger Gaſt in Wilkens Haus und erklärte bei ſeinem erſten Beſuch Karolinen ganz naiv, daß ſein Haar nicht ächt ſei ¹).
Wilkens älteſter Sohn, Friedrich Franz, wurde einige Jahre ſpäter, als er die Univerſität Bonn bezog, auf das freundlichſte von Schlegel in ſein Haus gezogen; in dieſem fehlte freilich die Frau, da Schlegels zweite Gattin, die ſchöne Sophie Paulus, Tochter des Heidelberger Theologen, ſchon wenige Wochen nach ihrer Hochzeit ſich geweigert hatte, ihm nach Bonn zu folgen und ſeitdem getrennt von ihm lebte, ohne daß es indeſſen zu einer Scheidung gekommen wäre. Seit April 1827 war während Wilkens Abweſenheit auch der Dichter Heinrich Stieglitz bei der Bibliothek als Gehülfe angeſtellt worden. Er verkehrte bald viel in Wilkens Hauſe und führte nach ſeiner Verheiratung mit der hübſchen und liebenswürdigen Charlotte Willhöft auch dieſe daſelbſt ein; die junge Frau wurde auch wegen ihres ſchönen Geſangstalentes dort ſehr geſchätzt und befreundete ſich beſonders enge mit Sophie Wilken; der genaue Verkehr mit dem Paare dauerte mehrere Jahre*). Aus ſeiner Stellung an der Bibliothek ſchied Stieglitz erſt nach dem tragiſchen Tode ſeiner Frau aus ³). —) In der That fiel Schlegel durch nichts ſo ſehr auf wie durch ſeine Eitelkeit und die Geziertheit ſeines Weſens; ſ. Varn⸗ hagen, Tagebücher I. 247. Blätter ꝛc. IV. 244. 247. Gubitz, Er⸗ lebniſſe III. 151— 3. Holtei, 40 Jahre, V. 23.
²) In ſeiner von Curtze 1865 herausgegebenen Selbſtbio⸗ graphie hat Stieglitz von dieſem Verkehr zwar kein Wort erzählt. Er ſcheute ſich wohl die Art zu berühren, wie dieſer aufhörte. Er hatte einem ihm bekannten Irländer die Abſchrift eines ungedruckten Raupachſchen Stückes, die Stieglitz ſelbſt gegen ſein Verſprechen
von dem durch den Regiſſeur Weiß ihm geliehenen Manuſkript ge⸗
nommen, um einen ſehr hohen, angeblich vom Dichter ſelbſt geforderten Preis verkauft; als der Betrogene den Sachverhalt ſpäter erfuhr, bewirkte er die Einleitung einer Unterſuchung, die nur durch den Ein⸗ fluß des einem Verwandten Stieglitzens verpflichteten Fürſten Wittgen⸗ ſtein niedergeſchlagen wurde. Wilken, bei dem der Kläger im exal⸗ tierteſten Zuſtand auch erſchien mit dem ihn ſehr erluſtigenden Ver⸗ langen, er möge Stieglitz hängen laſſen, brach da wenigſtens den Verkehr mit ihm ab.
³) Dieſer wurde noch am ſelben Abend(29. Dezember 1834) durch die direkt aus dem Sterbehauſe am Schiffbauerdamm kommen⸗ de Frau Hegel im Wilkenſchen Hauſe bekannt und erregte dort tiefen Schmerz. Man war hier der im neſſntlichen auch richtigen Meinung, die Unglückliche habe ſich nicht deshalb den tötlichen Dolch⸗
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Im Oktober 1827 kehrte Moritz Pinder aus Paris, wo er in Niebuhrs Auftrag Handſchriften für das Corpus scriptorum historiae Byzantinae verglichen hatte, zurück und wurde nun von Wilken zu den Arbeiten bei der Königlichen Bibliothek zugezogen, an der er ſpäter lange Zeit als Cuſtos und Bibliothekar angeſtellt war. Er führte in Wilkens Haus, in dem er ſelbſt, beſonders von Sophie angezogen, faſt ein täglicher Gaſt war, auch einen jungen Pariſer ein, den Sohn des berühmten Phyſikers André Marie Ampère, Jean Jacques Ampoère, der ein warmer Verehrer der deutſchen Sprache und auf einer längeren Bildungsreiſe in Deutſchland begriffen war; er trat ſpäter als Überſetzer z. B. gewiſſer Schriften Goethes auf und wurde ein Litterarhiſtoriker von Ruf; als ein geiſtreicher, liebenswürdiger Menſch war er in der Wilkenſchen Familie gern geſehen ¹). Auch mit dem Mineralogen Weiß und deſſen Frau ſtellte ſich um dieſe Zeit gleichfalls durch die Vermittlung des jungen Pinder ein reger Familien⸗ verkehr her. Ein nicht zu erſetzender Verluſt traf die Familie dagegen durch den im Jahre 1829 erfolgten Tod von Boeckhs trefflicher Frau und von Buttmann, der ſchon während Wilkens Abweſenheit vom Schlage getroffen worden war und nun nach längerem Kränkeln ſtarb; beide wurden von groß und klein im Hauſe ſchmerzlich betrauert. Wilken widmete dem Freund auch einen warmen Nachruf in der Spenerſchen und in der Voſſiſchen Zeitung vom 27. Juni 1829.
Bei Gelegenheit des Ordensfeſtes 1828 erhielt Wilken den roten Adlerorden dritter Klaſſe*); unter den Gratulanten
findet ſich beſonders neben Kamptz, der ihm einen ſehr
freundlichen Brief ſchrieb, auch Alexander von Humboldt, der, allerdings in ſeinem ſchmeichleriſchen Hofton,„den Tag nicht verſtreichen laſſen will, ohne ihm einen innigen Glück⸗
ſtoß ins Herz beigebracht, um— wie ſie in ihren letzten Zeilen an
ihren Mann ausſprach— dieſen durch einen ſtarken Schmerz zu
regerem Schaffen anzuſtacheln, ſondern in tiefer, wenn auch vielleicht nicht völlig bewußter Schwermut über ihre Ehe.— Wilken verſtand die Erzählerin erſt ſo, als habe Stieglitz ſelbſt ſich den Tod gegeben, und fand dies auch gar nicht verwunderlich!— Eines Abends war das Paar ins Wilkenſche Haus gekommen; Charlotte ſah ſehr aufgeregt aus und beichtete Karolinen, Stieglitz habe ſich wieder ſehr ungeberdig gezeigt und ſich erſtechen wollen; da habe ſie ihm eine kräftige Ohrfeige gegeben und ſo ihn wieder zur Vernunft gebracht. — Die Beurteilung der Sache und der Perſonen bei Treitſchke, Deutſche Geſch., IV. 435 f. würde Wilken unterſchrieben haben.
¹) Über ihn nnd ſeinen Aufenthalt in Weimar, auch über ſeine Reiſe von da nach Berlin ſ. ſeines Freundes und Begleiters K. v. Holtei 40 Jahre, III. 394. 399 ff.; vergl. auch Varnhagen, Blätter ꝛc. IV. 254. 265. 319.
²) Varnhagen, Blätter ꝛc. V. 13. Die vierte Klaſſe exiſtierte damals noch nicht.


