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Heidelberg fürchtete man, Schloſſer werde zur Erſetzung
Wilkens nach Berlin gerufen werden und, verlockt durch die große Berliner Bibliothek, auch hingehen ¹); aber allen Zweifeln an der Herſtellung Wilkens zum Trotz hatte der Miniſter in ſeiner Menſchenfreundlichkeit bisher keinerlei Anſtalten zu einer Abänderung von Wilkens Amtsthätigkeit gemacht oder ihm etwa die Niederlegung ſeiner Ämter irgendwie nahe gelegt, vielmehr durch Anordnung einer Vertretung ihm den Genuß aller ſeiner Bezüge zu erhalten gewußt, ohne die bei den faſt nicht abbrechenden beſonderen Ausgaben Wilkens Ver⸗ hältniſſe völlig zerrüttet worden wären. Nunmehr aber war Altenſtein beim zweiten Rückfall Wilkens doch zweifelhaft geworden, ob nicht wenigſtens eine andere Stellung für ihn in Ausſicht zu nehmen ſei.
die endliche Heilung ihres Mannes feſt glaubte, in Berlin für das Verbleiben desſelben in ſeinen Ämtern zu wirken und wurde auch in mehreren Audienzen von dem Miniſter auf das freundlichſte empfangen, auch durch die Zuſicherung getröſtet und beruhigt, daß man einen ſo treuen Staatsdiener mit ſeiner Familie in unverſchuldetem Unglück nicht ver⸗ laſſen werde. Überhaupt wurde der ſorgenbedrückten Frau durch die allgemeinſte Teilnahme an ihrem ſchweren Looſe wenigſtens ein gewiſſer, ſie aufrichtender Troſt zu teil: wie der König ſich oft anteilvoll nach Wilkens Befinden erkundigen ließ, ſo ſtanden beſonders alle Freunde ihres Mannes mit treuer Anhänglichkeit ihr zur ſeite, und zwar faſt keiner mit ſo warmem Mitgefühl wie gerade Hegel und deſſen treffliche Frau; auch ihr alter Freund Klenze hätte ihr gern Gutes erwieſen und forderte ſie z. B. auf, mit ihren Kindern zu ihm und ſeiner Familie in ſein Haus zu ziehen, was ſie aber doch nicht annehmen konnte. ²)—
Eine Veränderung in ſeiner amtlichen Thätigkeit wünſchte übrigens Wilken ſelbſt bei fortſchreitender Beſſerung in keiner Weiſe, wenn er auch zu Zeiten entſchloſſen geweſen war, die nach Görgens Anſicht ihm am wenigſten zuträg⸗ lichen Bibliotheksgeſchäfte, übrigens erſt nach Vollendung gewiſſer Arbeiten, abzugeben.
Unter dieſen Umſtänden und auf die Berichte Görgens über die erfreulichen Fortſchritte in Wilkens Befinden gab der Miniſter denn auch allmählich den Plan einer Anderung in deſſen amtlicher Stellung auf.
Ende Januar 1827 erhielt Wilken nämlich von Görgen die Erlaubnis, täglich etwa vier Stunden lang ſeinen wiſſenſchaftlichen Arbeiten in der kaiſerlichen Bibliothek und
¹) S. Briefe von und an Hegel, II. 121. ²) Brief Karolinens an Böttiger v. 26. Okt. 1826 in der er Kal öffentl. Bibl. z. Dresden.
Eliſe von der Recke zuſenden.
Karoline ſuchte daher, da ſie ſelbſt zum Glück auf Görgens beſtimmte Verſicherungen hin an ihm den Glauben zu benehmen, daß er gar nicht wirklich
im Archiv, zu welchem auf Fürſt Hatzfelds Verwendung Fürſt Metternich ihm auf das artigſte den Zutritt geſtattet hatte, wieder obzuliegen. Dieſe Arbeiten ſetzte er ſo lange fort, bis er die Hülfsmittel beider Anſtalten für ſeine Zwecke vollſtändig ausgenutzt hatte. Er fand in beiden manche wert⸗ volle Ausbeute und zog beſonders die zahlreichen auf das Verhältnis der Republik Venedig zum oſtrömiſchen Reiche und zu den Fürſten der Kreuzfahrer in Syrien ſich be⸗ ziehenden Handſchriften, Briefe, z. B. die des Patriarchen Gregorius, und Urkunden aus; auch ließ er ſich ſeine in Dresden liegenden Papiere zur Geſchichte der Kreuzzüge von Eine gute Gelegenheit be⸗ nutzend, hatte er zudem im Laufe des Winters 1826/27 die ungariſche und die neugriechiſche Sprache erlernt.
Am meiſten Mühe koſtete es auch diesmal den Arzt,
krank geweſen ſei und daß ſeine Gattin ihn ohne Grund einer Anſtalt übergeben habe, ein Wahn, von dem er vor ſeiner dritten Erkrankung überhaupt nicht abließ und mit dem er der unglücklichen Frau manche bittere Stunde be⸗ reitet hatte. Diesmal aber wußte Görgen ihn von deſſen Irrigkeit gründlich und für die Dauer zu überzeugen. Dieſer war übrigens von Anfang an und blieb auch immer der Meinung, daß Pienitz in Pirna den Kranken beidemale nur gebeſſert, nicht aber geheilt entlaſſen habe, und hielt ihn deshalb diesmal ſolange bei ſich zurück, bis jeder Zweifel an ſeiner völligen Geneſung für ihn gehoben war. Auch er erklärte übrigens Wilkens Krankheit für eine in ihrer Art ſeltene Gichtmetamorphoſe und bemühte ſich ſein Leiden auf die gewöhnlichen, reinen Gichtformen wieder zurückzuführen. Solche ſtellten ſich bei einer Beſſerung ſeines anderen Leidens denn auch ſofort wieder ein, geſtatteten ihm aber voraus⸗ ſichtlich wenigſtens, ſeinen Amtspflichten Genüge zu leiſten.
Wilken bewegte ſich in den letzten Monaten völlig frei, verkehrte viel mit Hammer, Piquot und Maltzahn, auch mit Friedrich Schlegel, ſehnte ſich aber unendlich nach der Heimat zurück. Daß viel auf der Bibliothek zu thun ſein werde, ſchreibt er an Böttiger, ¹) habe er aus einem Bericht erſehen, den er ſich habe erſtatten laſſen; aber ſtark und kräftig, wie er jetzt ſei, ſcheue er keine Arbeit. Nach⸗ dem er dann von Altenſtein unter dem 1. Mai 1827 zur Heimkehr und zum Wiedereintritt in alle ſeine früheren Amtsverhältniſſe ermächtigt worden war, trat er, von Görgen mit genauen Vorſchriften für ſein zukünftiges Leben und Arbeiten verſehen, an die der nun ängſtlich gewordene Mann ſich fortab auch ſtreng band, am 1. Juni 1827 die Reiſe in die Heimat an. Am 5. Juni
¹) Brief v. 27. Mai 1827, Kgl. Bibliothek z. Dresden.


