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2 (1895) Jahresbericht über das Schuljahr 1894/95
Entstehung
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Hatzfeld, welchem Pinder Wilkens Empfehlungsbriefe gebracht und nähere Mitteilungen über dieſe Vorfälle gemacht hatte, abgeſandt worden, um den Bedrängten jede mögliche Hülfe zu leiſten.

Da auch nach dem Ausſpruche des Arztes an dem völligen Wahnſinn Wilkens nicht mehr zu zweifeln war, eine Wahrnehmung, bei der ſeine Tochter ohnmächtig zuſammen⸗ brach, ſo mußte die Weiterreiſe, auf welche doch der immer noch exaltierter werdende Kranke heftig drang, natürlich ſchlimmſtenfalls mit Gewalt verhindert werden; es fragte ſich nur, ob man bleiben oder die Rückreiſe antreten ſollte. Schon war letztere beſchloſſen und hatte auch der bei zu⸗ nehmender Verwirrung endlich doch fügſamer gewordene Kranke ihr zugeſtimmt, und zwar auf eine von Maltzahn überbrachte Ordre Hatzfelds hin, in der dieſer angeblich auf Veranlaſſung Altenſteins ihn zur Einſtellung ſeiner Reiſe und zur Rückkehr nach Dresden aufforderte, wo ihm die unvermuteten Gründe dafür näher bekannt gegeben werden ſollten; ſchon war ein zuverläſſiger Mann zur Begleitung gefunden, und es brauchten nur noch Poſtpferde beſtellt zu werden, da erfuhr Karoline bei einem Beſuch bei dem früher weimariſchen Miniſterreſidenten, damaligen preußiſchen Legationsrat von Piquot, welcher die von Böttiger ihm empfohlene Wilkenſche Familie täglich beſucht und mit ſeiner Gattin ſich ihrer auf das gütigſte angenommen hatte, durch Frau von Piquot von der trefflichen Anſtalt des Dr. Görgen in Gumpendorf bei Wien, eilte ſofort zu dieſem, beſprach ſich mit ihm und entſchloß ſich, nachdem ſie völliges Vertrauen zu ihm gefaßt, ihren Mann ſeiner Pflege zu übergeben.

Am folgenden Tage ward Wilken unter irgend einem Vorwand in Dr. Görgens Anſtalt gebracht; es war ein geſegneter Entſchluß der unglücklichen Frau; ihm war die endliche völlige Herſtellung ihres Gatten zu danken: wenn auch nicht in voller, ſo doch in guter körperlicher Kraft und jedenfalls in völliger dauernder Klarheit des Geiſtes wurde er ſeiner Familie, der Wiſſenſchaft und dem Staate von dieſem trefflichen Manne noch einmal zurückgegeben.

Am folgenden Morgen erſchien zur freudigen Über⸗ raſchung Karolinens auch noch ein alter Freund des Hauſes, ein Herr Grebner') bei ihr, der als Görgens künftiger Schwiegerſohn bei ihm in der Anſtalt wohnte, den Kranken dort mit in Empfang genommen hatte und auch von ihm erkannt worden war; als auch dieſer die unglückliche Frau

¹) Er hatte 1815 bei Wilken in Heidelberg im Quartier ge⸗ legen und war auch ein Freund der Familie Kunze und der Mutter Karolinens in Leipzig.

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völlig von der Vortrefflichkeit der Pflege, welcher ſie ihren Mann übergeben hatte, und von dem wahrſcheinlich guten Erfolg dieſes ihres Schrittes zu überzeugen wußte, da lobte ſie laut Gott und fühlte ſich plötzlich ſo geſtärkt und von neuem Mute beſeelt, daß ſie nun getroſter dem freud⸗ loſen neuen Lebensabſchnitt, der nun für ſie begann, ent⸗ gegenſah.

Obwohl der Zuſtand des Kranken ſich auch diesmal bald zu beſſern begann, ſo konnte Karoline, die während ihres Auf⸗ enthalts in Wien außer an Maltzahn ¹), Hammer und der Familie Piquot auch noch bei dem von alters her ihr be⸗ freundeten Friedrich Schlegel und ſeiner geiſtreichen Frau Dorothea, geſchiedenen Veit, Tochter von Moſes Mendelsſohn, freundlichen Rat und Beiſtand fand, die von Görgen zwar in ſichere Ausſicht geſtellte, immerhin aber ſich verzögernde Herſtellung ihres Gatten doch in Wien nicht abwarten; es war eine traurige Zeit für ſie: körperlich ſchwach, war ſie geiſtig trotz alledem ſtark und zu allem bereit; ſie hätte gern wieder wie einſt in Dresden durch Zeichnen dazu ge⸗ holfen, die Geldſorgen zu beſchwören; doch war der Kreis ihrer Bekannten nicht groß genug und ihre Kräfte erſchöpft; namentlich erregte ſie der Gedanke, daß ſie jede Stunde die Nachricht von der Verſetzung ihres Mannes in den Ruhe⸗ ſtand erwarten dürfe. So trat ſie denn nach vier Monaten, am 10. September 1826, mit ihrer Tochter ihre Heimreiſe nach Berlin an, auf der Moritz Pinder die Frauen wenigſtens bis Leipzig begleitete.

Außer durch die Rückſicht auf ihre drei jüngeren Kinder ſah ſie ſich zur Rückkehr nach Berlin auch beſtimmt durch die Notwendigkeit, über die künftigen Dienſtverhältniſſe ihres Gatten ſich zu vergewiſſern, die allerdings nicht außer Frage ſtanden. War Wilkens Krankheit doch ſchon von allem Anfang an manchem als unheilbar erſchienen²); mit Rückſicht darauf hatte ſogar ſchon im Dezember 1823 die philoſophiſche Fakultät in Berlin auf Anregung von Boeckh und Raumer beim Miniſterium die Berufung von K. O. Müller beantragt, damit das Fach der alten Geſchichte nicht unvertreten ſei; und mit Genehmigung des Miniſters hatten die beiden genannten Freunde Wilkens den damals ſchon berühmten jungen Göttinger Gelehrten in der That nach Berlin zu ziehen geſucht ¹), freilich ohne Erfolg¹); in

¹) Dieſer hatte ihr zwei freundliche Zimmer ſeines Hauſes mietweiſe überlaſſen.

²¹) S. Savigny an Görres am 6. Dezember 1823, Görres⸗ briefe III. 124, Varnhagen, a. a. O. IV. 67, Goethe⸗Zelters Briefwechſel, III. 311.

²) S. Boeckhs Briefwechſel mit K. O. Müller, S. 129 131.

) S. daſ. S. 133 und Müllers Kl. Schr. I. p. LIII.