Wien und Ober⸗Italien unternehmen wollen und hierzu ſich um eine Unterſtützung an den König gewandt; obwohl Süvern und Johannes Schulze, auch wiederholt der Miniſter ſelbſt ſein Geſuch nach Kräften unterſtützten, ſo wurde doch vom König, der ihn wohl noch nicht für völlig hergeſtellt halten und noch keine rechten Früchte von einer ſo weit ausſehenden Unternehmung erwarten mochte, ein Urlaub für weitere vier Monate zwar gern bewilligt, eine Unter⸗ ſtützung aber verweigert. Den Rat, den ihm Altenſtein unter der Hand durch Schulze brieflich geben ließ, dem König, wenn dieſer bei ſeiner alljährlichen Reiſe zur Bade⸗ kur in Teplitz durch Dresden käme, ſein Geſuch durch den
Fürſten von Wittgenſtein oder den General von Witzleben
nochmals zu unterbreiten, mochte Wilken nicht befolgen. Doch wies ihm der Miniſter, dem Wilken offen mitgeteilt, wie die großen mit ſeiner Krankheit verbundenen Aufwendungen
ſeine geringen Erſparniſſe aus den letzten Jahren ſchon
mehr als erſchöpft hätten, unter dem 19. Juli 1824 noch 200 Thaler aus ſeinen Fonds zu einer kleineren Reiſe an. Hierdurch wurde es Wilken ermöglicht, vor ſeiner Rückkehr
wie dieſe wichen, jene gichtiſchen Gliederſchmerzen wieder ein⸗ traten. Schon in einem zum amtlichen Gebrauche beſtimmten Atteſte vom 10. Februar 1825 bezeugt der Arzt, daß des Kranken Seelenäußerungen vollkommen geſund und von allen Symptomen der früheren Geiſteszerrüttung nur noch einige ſchiefe Anſichten, die ihn durch ſeine ganze Krankheit begleitet hätten, übrig geblieben ſeien. Aber auch dieſe Überbleibſel würden ſich bei fortgeſetzter ärztlichen Einwirkung bald ver⸗ lieren, ſodaß eine völlige Herſtellung ſchon in einigen Mo⸗ naten zu erwarten ſei. Auch nahm damals der Arzt eine längere Nachkur, bei der der Patient von anſtrengenden Geiſtesarbeiten, ja ſelbſt vom Ort und der Umgebung, in der er erkrankt ſei, ferngehalten werde, in Ausſicht und er⸗ klärte eine möglichſt ausgedehnte, mit einem paſſenden Be⸗ gleiter unternommene Reiſe für das beſte Mittel zur völligen Herſtellung.
Trotzdem geſtattete Pienit im Frühjahr 1825 doch
nur, daß Wilkens älteſte Tochter einen längeren Aufenthalt
nach Berlin noch Leipzig, Jena und Gotha zu beſuchen. An
letzterem Orte machte er ſich mit den morgenländiſchen und anderen Handſchriften der herzoglichen Bibliothek, die er einſt meiſt ſelbſt geordnet hatte(ſ. S. 7, Sp. 1), näher bekannt.
Am 13. September 1824 traf er wieder in der Heimat ein und trat alsbald, von Altenſtein am 15. September mit einer freudigen Teilnahmebezeugung begrüßt und auf das wohlwollendſte zu ſchonendem Gebrauch ſeiner Kräfte ermahnt, in ſeine Ämter wieder ein ¹). Doch bald verfiel er wieder den ſtärkſten Gichtſchmerzen), und ſchon nach zwei Monaten, im November, bekam der unglückliche Mann einen Rückfall in ſeine Krankheit und mußte aufs neue in die Anſtalt auf den Sonnenſtein gebracht werden ³); ein Bibliotheksdiener Morano brachte ihn dorthin; bald nachher folgte Wilkens Gattin mit der älteſten Tochter und dem jüngſten Knaben ihm wenigſtens nach Dresden, während der ältere Sohn Friedrich Franz in der Penſion verblieb und die jüngere Tochter bei den Verwandten in Leipzig untergebracht wurde. In der That trat unter der Behand⸗ lung des Dr. Pienitz nach kurzer Zeit wieder eine Beſſerung ſeines Zuſtandes ein; wie ſchon öfter, wechſelten ſchwere gich⸗ tiſche Leiden mit exaltierten Zuſtänden, ſodaß in dem Maße,
¹) Am 25. September prüfte er K. Michelet in deſſen Doktor⸗ prüfung(ſ. deſſen„Wahrheit aus meinem Leben“, S. 77).
²) Am 9. November ſchreibt Creuzer an Görres a. a. O.: „Wilken in Berlin, nachdem er geiſtig kuriert, leidet nun ſchrecklich an Gicht und Kopfweh, ſodaß man für ſein Leben fürchtet“.
) S. Varnhagen, III. 191.
bei ihrem Vater nahm, und der Kranke mußte ſich trotz aller Sehnſucht nach Wiedervereinigung mit den Seinigen damit begnügen, ſeine Gattin nur vorübergehend bei gegenſeitigen Beſuchen in Pirna und Dresden zu ſehen. Die arme Frau war in dieſer ſchweren Zeit ſelbſt viel kränklich; eine an⸗ genehme und aufrichtende Zerſtreuung fand ſie faſt nur in der Anwendung ihres Kunſttalents; ſie zeichnete mit bunter Kreide ſehr hübſche Porträts vieler Perſönlichkeiten aus den vornehmen Kreiſen Dresdens ¹). Dieſe Zeichnungen fanden nicht nur großen Beifall, ſondern wurden auch gut hono⸗ riert, was ihr über manche äußere Sorge mit hinweghalf.
Zur Ausführung der größeren von Pienitz angeratenen Reiſe, die ihn auch zu wiſſenſchaftlichen Zwecken nach Wien und Oberitalien führen ſollte, bat Wilken unterm 17. April 1825 den Miniſter um eine Unterſtützung von 400 Thlrn., indem er ſich darauf berief, daß er ſeit länger als zwei Jahre keinerlei Nebenverdienſte, wohl aber die bedeutendſten außerordentlichen Ausgaben gehabt habe. Altenſtein for⸗ derte darauf Pienitz zu einem weiteren Gutachten auf, welches von dieſem am 16. Mai abgegeben, auch vom Geheimen Obermedizinalrat Berends völlig gebilligt und am 21. Mai dem Miniſter eingereicht wurde. Beide Ärzte empfahlen darin auf das dringendſte, dem Patienten eine längere Reiſe zu ermöglichen. Am 14. Juni beantragte darauf Altenſtein in ſeiner Herzensgüte ſogar die Zuwendung eines Gnadengeſchenkes von 800 Thlrn., wovon aber der König unterm 15. Juli nur die Hälfte bewilligte.
So begab ſich Wilken denn noch im ſelben Monat mit einem Begleiter nach Wien. Er ſtudierte daſelbſt vier Wochen
¹) Unter anderen auch ein ſolches von Eliſa von der Recke. 8


