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2 (1895) Jahresbericht über das Schuljahr 1894/95
Entstehung
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Am Sonnabend vor Palmſonntag des Jahres 1823 ſprang er frühmorgens, nachdem er am Abend vorher beim Thee zum Schrecken ſeiner Gattin und ſeiner älteren Kinder ſchon die größte Aufregung gezeigt hatte, von wirren Ideen verfolgt, aus dem Bette, und eine ſchwere Gehirn⸗ erkrankung die Aerzte meinten, die Gicht habe ſich auf das Gehirn geworfen brach bei ihm aus. und kindiſche Reden ¹) folgten zuweilen maßloſe Zornaus⸗ brüche, und wenn auch bald dieſer, bald jener Freund in dem grenzenlos verſtörten Hauſe erſchien, um bei der Pflege des Kranken zu helfen und auch wohl die Nachtwache bei ihm zu übernehmen, ſo verlebte die unglückliche, ſelbſt zarte und kränkliche Frau doch viele Tage, ja Monate unter entſetzlichen Mühſalen und tiefſter Seelenqual. Die ihn

behandelnden Ärzte waren Dr. Heinrich Meyer, Staatsrat

Berends und Generalarzt Ruſt, auf deren Rat nach einigen Wochen beſchloſſen ward, den Kranken ²) zum Kurgebrauch nach Marienbad zu bringen. Dorthin reiſte er denn nun zu Anfang Juni 1823 in Begleitung und unter Aufſicht eines an der Bibliothek als Gehülfen beſchäftigten Kandidaten der Medizin, Dr. Hentzſchel, der ſich gleich vom Beginn der Krankheit ab bei der Pflege Wilkens ſehr treu und hülfreich erwieſen hatte. Da dieſe Kur ſich in⸗ deſſen als ganz erfolglos erwies, ſo geleitete Hentzſchel auf den Rat der AÄrzte, zu denen noch der Geheimrat Horn hinzugetreten war, Ende Dezember den Kranken nach Pirna und übergab ihn der von dem damals be⸗ rühmten Dr. Pienitz) geleiteten Irrenanſtalt auf dem Sonnenſtein 4).

ſchaft ihm bereitet, ferner den Verdruß ſowohl über unverdienten Tadel und gehäſſige Vorwürfe, die ihn wegen dieſer Unterſuchungen ſeitens einzelner Kollegen getroffen, als auch über die mehr und mehr um ſich greifenden Unordnungen, Mißbräuche, Diebereien und Verſchleppungen auf der Königl. Bibliothek, denen er nicht zu ſteuern gewußt habe, endlich die furchtbare Heftigkeit ſeiner Gichtſchmerzen, beſonders in dem harten Winter 1822/23, die ihn oft den Tod hätten wünſchen laſſen und ihn, verbunden mit ſchwerer Arbeit, körperlich wie geiſtig geradezu gebrochen hätten.

¹) Varnhagen II. 329 notiert am 3. April 1823:Herr Pro⸗ feſſor Wilken, von Gehirnentzündung befallen und von lauter Ver⸗ ſchwörungen und Umtrieben phantaſirend, ſoll in der Beſſerung ſein.

²) In ſeiner Vertretung ward der Stadtrat von Uhden mit der Oberaufſicht über die Bibliothek betraut.

³) S. Helmine v. Chezy, Lebenserinnerungen II. 17.

) Auf die Bitte Karolinens hatte der allzeit hülfsbereite Freund Böttiger durch Vermittelung des Miniſters von Noſtitz, als Dichter unter dem Namen Arthur von Nordſtern bekannt der die Anſtalt reorganiſiert und ihr einen europäiſchen Ruf verſchafft hatte, eine mäßige Herabſetzung der Penſionsgebühr für den Kranken erwirkt, nachdem die Koſten der achtmonatigen Krankheit überſchwäng⸗ lich groß geweſen(Brief Karolinens an Böttiger auf der Königl.

Auf irre

Schon vom Januar 1824 ab beſſerte ſich bei An⸗ wendung lindernder und die Gicht vom Kopfe ableitender Mittel und von Bädern ſein Zuſtand zuſehends, nur daß er den unglückſeligen Gedanken nicht aufgab, er ſei überhaupt nicht geiſteskrank, ſondern nur durch Kabalen, denen ſeine Gattin nicht den nötigen Widerſtand geleiſtet habe, in die Anſtalt gebracht worden.

Da er auf das lebhafteſte wünſchte, die Anſtalt ver⸗ laſſen zu dürfen, ſo geſtattete Pienitz bei ſonſt fortſchrei⸗ tender Beſſerung, daß er im April 1824 wenigſtens in die Stadt Pirna hinunterzog.

Ende desſelben Monats durfte auch ſeine Frau mit den übrigen Kindern der 13 jährige Friedrich Franz war bald nach der Erkrankung des Vaters der mit dem Friedrich⸗Wilhelmsgymnaſium verbundenen Penſionsanſtalt übergeben worden ihn beſuchen; ja nach einigen Wochen entließ Pienitz ihn ganz aus ſeiner Aufſicht, worauf Wilken zu Anfang Mai mit ſeiner Familie für eine Zeitlang nach Dresden zog, um ſich dort vor Wiedereintritt in ſein Amt völlig wieder zu erholen. Zu ſolcher Erholung ließ ihm der Miniſter von Altenſtein in der freundlichſten und ent⸗ gegenkommendſten Weiſe alle Zeit, deren er benötigt zu ſein glaube; in deſſen Auftrag ſchrieb ihm auch Süvern, der wie Johannes Schulze, Buttmann und andere Freunde ihm oft die teilnahmvollſten Briefe ſandte, ſchon unterm 25. März 1824 in der herzlichſten Weiſe und forderte ihn auf, unbeſorgt um ſeine Ämter, die inzwiſchen ihm un⸗ geſchmälert erhalten und von treuen Freunden und Kollegen verſehen würden, ganz nur ſeiner völligen Wiederherſtellung zu leben.

In Dresden bezog Wilken eine in der Neuſtadt dicht bei der Brücke im Hauſe der Generalin von Gutſchmid belegene Mietwohnung mit köſtlicher Ausſicht auf die Elbe und die Brühlſche Terraſſe. Sofort nahm er dort ſeine wiſſenſchaftliche Thätigkeit wieder auf, und zwar begann er mit großem Eifer an dem vierten Teile der Kreuzzüge zu arbeiten. Seine Studien brachten ihn in rege Beziehungen mit Böttiger, zu dem ſein erſter Gang in Dresden ihn geführt hatte; dieſer war Wilken auch zur Erlangung ſeiner litterariſchen Bedürfniſſe behülflich und führte auch die Familie bei der trefflichen Eliſe von der Recke und dem bei dieſer wohnenden Tiedge ein ¹); in dieſem gaſtlichen Hauſe verbrachte das Ehepaar manche ſchöne Stunde.

Auf den dringenden Rat des Dr. Pienitz und zur Jörderung ſeiner Studien hatte Wilken eine Reiſe nach

öffentlichen Bibliothek in Dresden.). Penſionspreis noch auf 600 Thlr. ¹) S. Falkenſtein, Tiedges Leben, II. 178.

Immerhin berechnete ſich der