48
Sein Rektorat war zwar wegen des großen Zuwachſes ihrer Auftraggeber moraliſchen Bankerott erklärte 1).
an Studierenden einträglich,— es wurden 724 immatriku⸗
liert, während die größte Zahl der Immatrikulierten bis
dahin, und zwar im Jahr 1818, nur 614 betragen hatte
— war aber überaus mühevoll, aufregend und wenig dankbar; war es doch die Zeit, wo die Univerſität unter den Wirkungen der verhängnisvollen Ereigniſſe von 1819
und 1820 ganz beſonders litt.
Nach der Blutthat des Burſchenſchafters Sand hatte nämlich das Beſtreben des Fürſten Wittgenſtein, den König Friedrich Wilhelm III. mit Mißtrauen gegen alle liberalen Beſtrebungen zu erfüllen, den beſten Erfolg gehabt.
Im Bunde mit ihm ſtand Kamptz, der Direktor der Polizei⸗ V
abteilung im Miniſterium des Innern, der den Studenten ſchon wegen der Verbrennung ſeines Gensdarmerie⸗Kodex beim Wartburgfeſt grollte. Metternich vollendete im Juli 1819 beider Werk in Teplitz: der König ſtimmte ſeinen Vor⸗ ſchlägen zu, neben der Preſſe auch die Univerſitäten in Feſſeln zu legen. Schon im nächſten Monate wurden von den Miniſtern der bedeutenderen Bundesſtaaten die dahin
zielenden Karlsbader Beſchlüſſe gefaßt und dieſe am 20.
September vom Bundestag angenommen. Beſchlüſſen wurden zur Überwachung der Lehrenden wie
der Lernenden an den Univerſitäten außerordentliche Re⸗ gierungsbevollmächtigte, die zugleich als Kuratoren fungieren
ſollten, eingeſetzt. Dieſe und die von den neuen Behörden zur Unterdrückung aller burſchenſchaftlichen Verbindungen ge⸗ troffenen ſtrengen Maßregeln erfüllten ſelbſt ſolche Männer,
die, wie Stein und Niebuhr, die Ausſchreitungen des Zeit⸗
geiſtes verdammten, mit Entrüſtung und drängten die er⸗ bitterte Jugend, die in ihrer unendlichen Mehrheit nicht im entfernteſten die bei ihr vorausgeſetzte gefährliche, vielmehr trotz mancher phantaſtiſchen Schwärmereien und Ver⸗ irrungen eine ideale, patriotiſche Geſinnung hegte, geradezu zu Ungeſetzlichkeiten. In verbotenen geheimen Bünden ver⸗ folgten ſie, nicht zum Vorteil ihrer Sittlichkeit und in einer mit den Zwecken der Univerſitäten unvereinbaren Weiſe, ihre politiſchen Zwecke weiter ¹). Stelle zuweilen verſtärkte, von einer Miniſterialkommiſſion kontrolierte und geleitete Druck dauerte, wenn auch zuweilen
ſtein, Schuckmann, Kamptz ſich in Geltung erhielt.
Nach dieſen
in ihren Berichten an den Bundestag geradezu ihren und
Die Verfolgungen der ſtudentiſchen Jugend waren durchaus nicht nach dem Sinn des wohlmeinenden und ver⸗ ſtändigen Kultusminiſters von Altenſtein, der ihre un⸗ heilvollen Folgen vorausſah und ſich vergeblich gegen den Druck von oben ſträubte, wo der Einfluß eines Wittgen⸗ Der von dieſen ſchwer angefeindete und bedrohte, trotz kleiner
Schwächen doch treffliche Mann ²) blieb überhaupt, vom
König ſelbſt mit Recht gehalten, nur in der Abſicht auf
V ſeinem nicht beneidenswerten Poſten, um dieſen nicht in die
Hände eines Mitgliedes der Rückſchrittspartei geraten zu
laſſen.
Dieſe Partei wußte nun durch Vermittelung Wittgen⸗ ſteins ſich ein brauchbares Werkzeug zu gewinnen in der Perſon des gewandten und durchaus tüchtigen Staatsrats Schultz, eines feingebildeten und vielſeitigen Mannes, der ein Feind jeder Richtung war, die eine Teilnahme des Volkes und nun gar der akademiſchen Jugend an politiſchen Dingen erſtrebte; er war eine leidenſchaftliche, durch häufige
Kränklichkeit doppelt reizbar gewordene Natur, die ſich in
ſtetem, ihm faſt zum Bedürfnis gewordenen Kampfe aufrieb.
Er trat nunmehr dem ihm lange Jahre herzlich zugethanen
Alttenſtein, obwohl vielfältig ihm verpflichtet, als entſchiedener,
auch wohl überzeugungstreuer Angreifer gegenüber, ein
Spiel, das er freilich doch zuletzt, von ſeinen Hinter⸗
männern preisgegeben, verlor und mit ſeinem Lebensglück
bezahlen mußte.
Altenſtein ſelbſt hatte ihn, ſeinen langjährigen reund. dem König als Regierungsbevollmächtigten bei der jungen, kräftig aufſtrebenden Berliner Hochſchule vertrauensvoll in
Vorſchlag gebracht; ſeine Wahl wurde anfangs auch all⸗ gemein gebilligt; die Enttäuſchung ließ aber nicht lange warten: alsbald brach der Neuernannte mit ſeinen alten Freunden, Schleiermacher und Savigny beſonders, und
wurde ein grimmiger Gegner wie des Miniſters und ſeiner
Dieſer von allerhöchſter
nachlaſſend und allmählich ſich abſchwächend, zum ſchweren
Schaden des Staates wie heſonders der Hocßſchulen und Mann die Verhaftung zweier Studierenden ⁴¹) und die
zum Unglück von Hunderten von Familien bis zum Jahre
1848 fort²) und hatte doch ſo wenig Berechtigung, daß
ſogar die in Mainz eingeſetzte Unterſuchungskommiſſion bei Varrentrapp, Johannes Schulze, S. 274 f.
¹) S. Karl v. Raumer, Selbſtbiogr. S. 306—8. ²) S. Schrader, Geſch. der Univ. Halle, II. 116.
Räte, ſo auch des akademiſchen Senats und vieler Pro⸗ feſſoren, die er— beſonders Schleiermacher und Savigny — in ſeiner Verblendung als Beförderer der ihm tödlich verhaßten Burſchenſchaft anſah ³).
Am 23. Februar 1820 ſetzte der leidenſchaftlich eifernde
¹) S. Ilſe, Geſch. d. polit. Unterſuchungen ꝛc. S. 53. ²) Eine ſchöne Charakteriſtik von Altenſtein findet ſich Leſonders
³) S. Varnhagen, a. a. O. I. 104. ¹) S. auch Varnhagen, a. a. O. I. 93. 116.


