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2 (1895) Jahresbericht über das Schuljahr 1894/95
Entstehung
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hannes von Müller und unmittelbar vor Wilken ſein Freund und Kollege Friedrich Rühs bekleidet hatte, und in der Leopold Ranke und Heinrich von Treitſchke ſeine Nachfolger wurden. Die unmittelbare Veranlaſſung zu dieſer Ernennung war wohl der Umſtand, daß Wilken die Geſchichte der Stadt Berlin be⸗ arbeitet und das erſte, 15 Druckbogen ausmachende Stück der Arbeit im Hiſtoriſch⸗genealogiſchen Kalender für 1821 hatte erſcheinen laſſen; dieſe Arbeit ſetzte er in den beiden nächſten Jahrgängen des Kalenders fort und erhielt 1823 vom Könige für die ihm überreichten Exemplare mit dem üblichen Dankſchreiben auch eine Medaille zum Geſchenk. Dieſe Arbeit Wilkens fand überhaupt großen Beifall und war die erſte geſchmackvollere Darſtellung auf dieſem Ge⸗ biete, indem frühere, an ſich auch wertvolle Aufſätze von Küſter und Nicolai wenig lesbar erſchienen waren. Wenn dieſe neue Würde auch mit dem Vorteile einer jährlichen Beſoldung von 300 Thalern verbunden war, ohne daß ſie ſpezielle Verpflichtungen auferlegt hätte, ſo verlieh ſie doch auch keine beſonderen Rechte; das ſollte Wilken bald erfahren, als er die freie Benutzung des Staats⸗

archivs, auf die er aus ſeiner Beſtallungsurkunde eine Be⸗ rechtigung herleiten zu können glaubte, in Anſpruch nahm und der Leitung einer großen Bibliothek zu genießen.

unterbrach er auch ſeine wiſſenſchaftliche Arbeit nicht und

nun der Staatskanzler, Fürſt von Hardenberg, die Frage unter dem 30. April dahin entſchied, dieſes dem Hiſtorio⸗ graphen zuſtehende Recht ſei nur dahin zu verſtehen, daß derſelbe der Archivverwaltung diejenigen Archivalien, die er

zu benützen wünſche, näher zu bezeichnen und die Ent⸗ ſcheidung, ob die Mitteilung erfolgen könne, von dieſer zu

erwarten habe, ein ſo kümmerliches Recht, daß damit für Wilken nichts oder nur wenig gewonnen war.

Zu ſeinen gewöhnlichen Amtspflichten kam infolge des beſonderen Vertrauens, das Altenſtein in ihn ſetzte, noch eine Menge anderer Arbeiten hinzu, die, wenn dieſes Zutrauen ihn auch ehren und freuen mochte, doch ſeine Zeit zum Nachteil ſeiner ohnehin ſchon wankenden Geſundheit ſehr in Anſpruch nahm; ſo arbeitete er in den erſten Jahren in Berlin Gutachten aus über Stenzels Geſchichte der Kriegsverfaſſung Deutſchlands, über die Verwendung der Papiere des verſtorbenen Orientaliſten Schröner, über Freytags Regierung des Saahd Aldaula zu Aleppo, über Rhodes Sagen und Religionsſyſtem des Zendvolks, über Klaproths Würdigung der Aſiatiſchen Geſchicht⸗ ſchreiber, ſogar über Stärks Stenographie u. a.; mit Ideler hatte er die wiſſenſchaftlichen Leiſtungen des Orientaliſten Bernſtein zu beurteilen; umfaſſendere Ar⸗ beiten waren die auf Veranlaſſung des Miniſters im Namen der Akademie der Wiſſenſchaften ausgearbeiteten Gutachten

über die Einrichtung des auf Vinckes Vorſchlag in Aus⸗ ſicht genommenen weſtfäliſchen Archivs, ein anderes über die Einrichtung und Benutzung der preußiſchen Archive über⸗

haupt, in dem er liberalſte Grundſätze empfahl, ein Ent⸗

wurf für eine ins Leben zu rufende Berliner wiſſenſchaft⸗ liche Zeitſchrift, ein Gutachten über die Gründung einer beſonderen akademiſchen Druckerei, mit deren Einrichtung erals⸗ dann ſogar ſelbſt betraut ward ¹). Auch ſorgte er in den Jahren 1818 und 1819 im Verein mit Marheineke, Schmalz und Hufeland für paſſende Einrichtung von Freitiſchen für Studierende, deren zunächſt 28 aus freiwilligen Bei⸗ trägen wohlwollender Gönner beſchafft werden konnten. Trotz dieſer ausgedehnten amtlichen Thätigkeit, zu der auch noch ein ausgebreiteter Briefwechſel mit vielen in⸗ und ausländiſchen Gelehrten hinzukam, fühlte Wilken

ſich in Berlin überaus wohl; am 15. Mai 1821 ſchreibt

er an S. Boiſſerée(a. a. O, I. 390 ff.):Meine Verhält⸗ niſſe hier ſind immer noch überaus angenehm, ſodaß ich es nicht bereue, Heidelberg verlaſſen zu haben, und ſind wirklich immer angenehmer geworden; auch habe ich in

der Bibliothek das eigentlich Beſchwerliche überſtanden,

ſodaß ich von nun an hoffen kann, mehr das Angenehme Dabei

beendete bis zum Jahre 1819 den dritten Band ſeiner Geſchichte der Kreuzzüge, deſſen erſte Abteilung 1817 erſchienen war, während die Ausgabe der zweiten erſt 1819 erfolgen konnte.

In demſelben Jahre 1819 arbeitete er noch eine Ab⸗ handlungUeber die Verfaſſung, den Urſprung und die Geſchichte der Afghanen aus, die am 24. Januar 1820, am Geburtstage Friedrichs II., in der Akademie von ihm

verleſen wurde und in den Abhandlungen der philoſophiſch⸗

hiſtoriſchen Klaſſe derſelben von 1818 und 1819, Seite 237 267, gedruckt iſt.*)

Schon im erſten Jahre ſeiner Berliner Thätigkeit, von Michaelis 1817 bis dahin 1818, war Wilken Dekan der philoſophiſchen Fakultät geweſen und hatte als ſolcher neben

drei anderen Doktoranden im Frühjahr 1817 auch namentlich

Karl Otfried Müller promoviert. Nunmehr ward er, nachdem er ſchon in den Jahren zuvor eine immer wachſende Stimmenzahl bei den Wahlen gehabt hatte, für das 12. Jahr der Anſtalt, von Michaelis 1821 bis ebendahin 1822, mit 13 von 21 Stimmen zum Rektor der Univerſität erwählt.

¹) Dilthey, Aus Schleiermachers Leben, IV. 307. ²) Sie iſt gewürdigt in Ritters Erdkunde VIII. S. 195 206 und in ihren Grundzügen geradezu dahin übergegangen.