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freiheit möglichſt erhalten und nur ihren Mißbräuchen geſteuert werden ſolle. So trat es z. B. auf die Seite des üblen Cenſors Grano, als dieſer dem Verleger Reimer den Druck von Fichtes Reden an die deutſche Nation verbot ¹). Freiere Entſcheidungen des Kollegs wurden ferner öfter nicht berückſichtigt, neben und trotz ihm trafen das Miniſterium des Innern und die Polizei ſelbſtändige Maßregeln, wie z. B. die Ausſchließung der Brockhausſchen Verlagswerke von der preußiſchen Monarchie, die ſogar vom Vorſitzenden des Kollegs mißbilligt ward ²), und im Verdruß über das alles trat daher der energiſche Friedrich von Raumer im
in der Wohnung und unter dem Vorſitze Steins in Frank⸗ furt die förmliche Gründung der Geſellſchaft für Deutſch⸗ lands ältere Geſchichtskunde ſtatt ¹).
Eine von dem badiſchen Archiv⸗Sekretär Dümge, dem ſpäteren Redakteur jener berühmten Sammlung, verfaßte Anzeige und eine Denkſchrift aus der Feder des Sekretärs
der Geſellſchaft, des badiſchen Legationsrats Büchler,
Jahr 1831, unbekümmert um das Aufſehen, das ſein Legationsrat, ſpätere Kultusminiſter Eichhorn Wilkens
Schritt errege, aus dem Kollegium aus).
Wilken konnte, durch ſeine Krankheit gehindert, nahezu vier Jahre lang den Sitzungen des Kollegiums nicht an⸗ wohnen, die übrigens auch manchmal längere Zeit ausfielen oder auch durch Befragung bloß einzelner Mitglieder oder durch ſchriftliche Abſtimmungen der einzelnen erſetzt wurden). Er hatte zwar wenig Freude an ſeiner Zugehörigkeit zu dem Kollegium, wagte aber auch bei ſeiner zaghafteren Natur nicht, nachdem der König einmal an ſeinen patriotiſchen Eifer appelliert hatte, Raumers entſchiedenen Schritt nach⸗ zuthun. Ja nach dem im Jahre 1833 erfolgten Tode des
Geheimen Rats von Raumer mußtte er ſelbſt das Altersprä⸗ daher am 16. April Stein anheim, die Vorſchläge Dümges
einer Kommiſſion zur Prüfung zu unterbreiten und ſchlug vor, zu dem Ende Wilken, Karl Friedrich Eichhorn in Göttingen ²)
ſidium übernehmen, hat aber bei zunehmender körperlichen Schwäche in ſeinen letzten Lebensjahren, während deren übrigens der Druck der Cenſur allmählich nachließ, das Kol⸗ legium auch nicht ſo zu leiten vermocht, daß es ſich durch
wirkſame Abwehr von Willkür einer beſonderen Popularität erfreut hätte. Mehr Zutrauen fand ſpäter nach Wilkens Tode Leben Steins, V. 316 auszugsweiſe mitgeteilt iſt, Wilken
dieſe oberſte Behörde erſt dann, nachdem ſie im Jahr 1843 zu einem Ober⸗Cenſurgericht umgeformt worden war ⁵).—
Lebhaften Anteil nahm Wilken ſodann an der Be⸗ ſich dann aber mit Wilken darin einverſtanden, daß die
gründung der Monumenta Germaniae historica durch den Freiherrn vom Stein.
Seit ſeinem Rücktritt aus den öffentlichen Verhält⸗ niſſen hatte dieſer daran gedacht, zur Erleichterung des Geſchichtsſtudiums und zur Förderung hiſtoriſchen und patriotiſchen Sinnes die Quellenſchriftſteller für die deutſche Geſchichte in einer großen Sammlung zu vereinigen; und nachdem im Januar 1819 die Vorbereitungen zum Ab⸗ ſchluß gekommen waren, fand am 20. desſelben Monats
¹) Treitſchke in den Preuß. Jahrb. Bd. 44, S. 3 ff.
²) Varnhagen, a. a. O. II. 161.
³) S. Fr. Raumers Kl. Schr. I. S. 24. A.
¹) Varnhagen, a. a. O. II. 53, IV. 10, V. 61.
³) Wagener, Staatslexic. XVI. 163 und Gubit, Erlebniſſe, III. 83. 88. 89. 3
wurden alsbald an eine Anzahl von Gelehrten geſandt, um dieſelben zur Mitwirkung, zur Einſendung von Gutachten und zu Beitrittserklärungen aufzufordern. Sie gelangten auch an Wilken. Dieſer faßte die Sache mit Lebhaftigkeit auf, und ſchon am 7. März konnte der damalige Geheime
Beitrittserklärung und Meinungsäußerung neben derjenigen von Savigny einſenden. Wilken tadelte in ſeiner Erklärung die Aufnahme des Waltharius unter die in jener Anzeige für die Sammlung in Ausſicht genommenen etwa 140 Schriftſteller, ſowie die Aufnahme der ſchon bei Bouquet abgedruckten Quellen, die doch nicht entbehrlich gemacht werden ſollten; er äußerte weiter ſeine Beſorgnis über den Einfluß, den nach ſeiner Erfahrung die Wahl des in Ausſicht genommenen Leiters der Unternehmung, Dümge, auf das Gelingen haben werde, da dieſer ſchwerhörig und argwöhniſch, dabei launiſch und unbiegſam⸗eigenſinnig ſei. Eichhorn gab
und zwei Gelehrte in Wien und München zu wählen. Darauf dankt Stein in einem Briefe an Eichhorn vom 3. Mai 1819, der mir in Abſchrift vorliegt und bei Pertz,
auf das verbindlichſte für ſeine Bemerkungen, verteidigt die vita Waltharii und nimmt Dümge in Schutz 3), erklärt
Hauptſchriftſteller unverkürzt zu geben ſeien ¹). Eine Stelle aus einem Briefe Steins an Büchler vom 2. Juli 1819(bei Pertz, V. 410) läßt dann auf einen
¹) S. Pertz, Leben Steins, V. 264 ff.
²) Dieſer berühmte Rechtsgelehrte war der Sohn von Wilkens Gönner, dem Orientaliſten E. in Göttingen, und mit dem Staats⸗ miniſter nicht näher verwandt.
³) Doch mußte er bald einſehen, daß Wilken mit ſeinen Be⸗ denken gegen dieſen doch recht gehabt hatte, ſ. Pertz, V. 491 f., 497.
499 und beſonders 675 u. 676.
Portion ab urbe condita“ dar.
glauben könnte, ſondern die
4) Die Stelle mit dem auffallenden„ab orbe condito“ bei Pertz ſtellt ſich im Original als„42 Chroniken ab orbe und noch eine gute Die bei Pertz, V. 364 u. 367 er⸗ wähnten Bemerkungen Wilkens ſind übrigens keine neuen, wie man S. 315 u. 316 ſchon behandelten.


