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2 (1895) Jahresbericht über das Schuljahr 1894/95
Entstehung
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dieſer Zeit iſt Wilken, obwohl der Lektionskatalog der beiden folgenden Jahre noch Vorleſungen von ihm ankündigt, als Univerſitäts⸗Lehrer nicht mehr thätig geweſen.

Bald nach der längeren Unterbrechung ſeiner Vor⸗ leſungen, welche ſeine weiter unten zu erwähnende ſchwere Erkrankung mit ſich brachte, hat ſich die Zahl ſeiner Zu⸗

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hörer vermindert; teils die Verſtimmung darüber, teils die

Rückſicht auf ſeine immer mehr verfallende Geſundheit mag

es veranlaßt haben, daß in den nächſten Jahren ſtatt

eigentlicher Vorleſungen jene hiſtoriſch⸗kritiſchen Übungen in den Vordergrund ſeiner Lehrthätigkeit traten, in denen

Köpke, Röpell und Dönniges, welcher letztere ihm wie ſeinem älteſten Sohne beſonders nahe trat, einen Stamm ihm treu anhangender, reichbegabter Schüler beſaß, die ihm die Berufsarbeit zur Freude machten.

Allmählich erweiterte ſich noch der Umfang ſeiner Thätigkeit. Zufolge einer Urkunde vom 1. Januar 1819 wurde er, zugleich mit dem Hiſtoriker Rühs und dem Phy⸗

verhängt wurde. Sie erbitterte die ſeit den Befreiungskriegen immer mehr enttäuſchten Gemüter durch vielfach unver⸗ nünftige und lächerliche Strenge und brachte Schriftſteller, Redakteure und Verleger manchmal zur Verzweiflung. Von dem Ausſpruch der Cenſoren konnte nun zunächſt an den Oberpräſidenten und von dieſem an das Ober⸗Cenſur⸗ kollegium appelliert werden, das auch den Cenſoren Direk⸗ tiven geben und ſie zurechtweiſen durfte. Nach Friedrich von Raumers Darſiellung in ſeiner Rektoratsrede zum 25 jährigen Jubiläum der Regierung Friedrich Wilhelms III. ¹),

wo die preußiſche Cenſur nur ein zweifelhaftes Lob erntet, er an Th. Hirſch, Riedel, Papencordt, Waitz und

hatte der Verfaſſer einer Schrift dann ſeine Sache ge⸗ wonnen, wenn nur eine jener drei Behörden die Drucker⸗ laubnis gab; auch erkennt Raumer es wenigſtens als ver⸗ trauenerweckend an, wenn gerade in letzter Inſtanz kein einzelner, ſondern eine Art von Geſchworenengericht ent⸗ ſchied, das aus lauter wiſſenſchaftlich und dabei doch ver⸗

ſchieden gebildeten Männern beſtehe und ſo eine Bürgſchaft

ſiker Seebeck, zu einem der etwa 30 ordentlichen Mitglieder der

hiſtoriſch⸗philoſophiſchen Klaſſe der Akademie der Wiſſen⸗ ſchaften kooptiert. Mit der Mitgliedſchaft war auch ein Einkommen von 200 Thlrn. verbunden. Die Worte, die er bei ſeiner Einführung in der Leibniz⸗Sitzung am 5. Juli

geſprochen, liegen mir noch vor; ſie wurden von Butt⸗

mann beantwortet.

Weniger erfreulich war es für ihn, daß er durch Kabinettsordre vom 25. November 1819 auch zum Mitglied

des damals zunächſt auf fünf Jahre errichteten Obercenſur⸗ kollegiums ernannt wurde, deſſen Präſident der Wirkliche

Seite.

Geheime Legationsrat Karl Georg von Raumer ¹), ein Ver⸗ trauter Wittgenſteins, und deſſen übrigen Mitglieder namentlich Ancillon, der Biſchof Eylert, der Geheime

Juſtizrat, ſpätere Präſident des Obertribunals, Sack, der Litterarhiſtoriker und Geſchichtsſchreiber M. S. Friedrich Schöll, der Geheime Ober⸗Regierungsrat Ch. G. Körner, der Vater des Dichters, der Hofrat Beckedorff und der 1819 von Breslau zur Berliner Hochſchule verſetzte Hiſtoriker Friedrich von Raumer waren.

Dieſe Behörde ſtellte die oberſte Inſtanz in Angelegen⸗

heiten der Cenſur dar, die beſonders ſeit 1819, nach ſubjek⸗ tivem Ermeſſen von hinſichtlich ihrer Geiſtesbildung und ihres Charakters ſehr verſchiedenen Cenſoren ſehr ungleich gehand⸗ habt, weit mehr hinderte als ſie eigentlich ſollte ²) und ſelbſt über die Univerſitäten, vorübergehend ſogar über die Akademie

¹) S. über ihn Friedländer in der Allg. D. Biogr. ²) S. Perthes' Leben, III. 379.

gegen einſeitige Tyrannei gebe. Freilich kam doch alles auf die Perſönlichkeit der Mitglieder des Kollegs an, und in dieſer Beziehung begegneten namentlich Leute wie der Präſident Raumer, Schöll, Beckedorff und der Achſelträger Ancillon, der ſich nur liberal ſtellte ²), einem nicht unbegründeten Mißtrauen. Ihr liberalſtes Mitglied war zweifellos Fried⸗ rich von Raumer, den Heine witzig den königlich preußiſchen Revolutionär genannt hat. Auch Wilken, der zwar nicht ſehr politiſch und fortſchrittlich angelegt war, aber jeden gegen die Geiſtesfreiheit und die Wiſſenſchaft ausgeübten Druck verabſcheute, befand ſich in der Regel auf Raumers Als Mitglied des Kollegs verfaßte Wilken z. B. auch ein Gutachten über Görres' 1821 erſchienene Schrift Europa und die Revolution, in dem er trotz aller Maß⸗ loſigkeiten des Buches ſich doch, weil es in ſeiner Weiſe

wiſſenſchaftlich ſei, gegen ein Verbot ausſpricht; es wurde freilich dennoch ein ſolches über die Schrift verhängt.

Die neue Behörde hatte anfangs viel zu thun und hielt wöchentlich eine meiſt ſehr lange Sitzung ab; anfangs fielen auch ihre Entſcheidungen meiſt in freiem Sinne aus. Ich bin doch begierig, ſagte einmal Wilken zu Varn⸗ hagen ³),zu ſehen, wie lange man uns die Sachen noch ſo liberal treiben läßt.

Später wurden denn auch die Urteile doch reaktionärer, obwohl in der das Kollegium einſetzenden Kabinettsordre vom 25. November 1819 ausdrücklich ſtand, daß die Preß⸗

¹) Kl. Schriften I. S. 14. S. über die Rede und den Akt auch

Varnhagen, Blitter aus der preuß. Geſch., II. 247 f.

²) S. Varnhagen, I. 73 neben S. 78. ³) Daſ. I. 69.