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Mann unterbrach zwar ſeine Thätigkeit an der Bibliothek
im Jahr 1823, um eine wiſſenſchaftliche Reiſe nach Italien zu machen, nahm ſie aber nach ſeiner Rückkehr wieder auf und war eine Zeitlang als Cuſtos angeſtellt ¹).
Auch Hoffmann von Fallersleben machte ver⸗ ſchiedene Verſuche, eine Anſtellung an der Bibliothek zu erhalten, und hat dieſelben ſowie ſeine Beſuche bei Wilken und dem Geheimen Ober⸗Regierungsrat und Wirklichen vor⸗ tragenden Rat im Miniſterium Johannes Schulze, auch
ſeine Unterredungen mit dieſen beiden Männern geſchildert
in ſeiner Selbſtbiographie 1. 163— 67 u. 173. 178.
Neben ſeiner umfangreichen Thätigkeit als Bibliothekar ſtellten auch ſeine Vorleſungen an der Univerſität bedeutende Anforderungen an Wilkens Kraft und Zeit. Als Hiſtoriker trat er da dem verdienten Friedrich Rühs, der auch Hiſtoriograph des preußiſchen Staates war, zur Seite. Gewöhnlich hielt er, und zwar in den erſten Jahren in wöchentlich 8— 11, ſpäter in weniger Stunden, zwei oder drei Kollegien in jedem Halbjahr, meiſt hiſtoriſche, gelegent⸗ lich, im ganzen fünfmal, ſoweit ich es nach den Zuhörerliſten verfolgen kann, ein ſolches über arabiſche Sprache. Zu perſiſchen und hebräiſchen Kollegien hat er ſich zwar mehr⸗ fach im Lektionskatalog erboten, indeſſen ſcheint ein ſolches nicht zu ſtande gekommen zu ſein.
In ſeiner fünf⸗ oder ſechsſtündigen Vorleſung über die deutſche Geſchichte legte er bis zum Jahre 1200 ſein eigenes geſchichtliches Lehrbuch, von da ab das Mannertſche oder den Pütterſchen Grundriß der Staatsveränderungen des deutſchen Reichs, in ſeinem zweiſtündigen Arabicum Roſen⸗ müllers Elementa oder Koſegartens Chreſtomathie zu grunde. In der Geſchichte des Altertums folgte er Zumpts Annales veterum regnorum et populorum.
Im ganzen las er achtmal über die Geſchichte des Alter⸗ tums, vierzehnmal über das Mittelalter, achtmal über die deutſche Geſchichte, viermal über die Neuzeit ²). Dreimal findet ſich eine Vorleſung über Paläographie, verbunden mit Heraldik.
Seit dem Jahre 1820 leitete er auch hiſtoriſch⸗prak⸗
tiſche Übungen, in denen er, wenn er auch ſelbſt nicht
1 Im November 1827 verließ er Berlin plötzlich in über⸗ raſchender Weiſe: er war mit der Tochter des Phyſikers Thomas Seebeck verlobt, und ſchon war die Hochzeit feſtgeſetzt, da erklärte er brieflich, er könne ſeine Braut nicht heiraten, und verſchwand aus Berlin. Wilken erhielt zugleich einen Brief von ihm, in dem er ſein Wegbleiben ohne Urlaub zu entſchuldigen ſuchte. In deſſen Hauſe
„Mein Leben“ 310, II.
rief die ganze Sache, da Leo von groß und klein geliebt und geſchätzt
wurde, große Aufregung hervor.
²) Den Anfang des letztgenannten Kollegs vom Sommer 1820
giebt K. Michelet, Wahrheit aus meinem Leben, S. 57 wieder.
eigentlich Schule gemacht hat, doch eine Anzahl jüngerer Hiſtoriker, ſpäter namentlich ſolche, die der Schule ſeines jüngeren Kollegen Leopold Ranke angehören, hat aus⸗ bilden helfen.
Während an der Berliner Hochſchule die hiſtoriſchen Kollegien bis zum Jahr 1816 ſich ſelten über 10 Zuhörer erhoben hatten oder ganz ausgefallen waren ¹), zählte Wilken in ſeinen Hauptvorleſungen in den Jahren ſeiner Kraft, etwa bis 1830, immerhin einige dreißig Zuhörer, eine Zahl, die ſich in dem Kolleg über deutſche Geſchichte einmal ſogar auf 46 hob, und zwar gehörten die Hörer häufig, beſonders in den Vorleſungen über das Mittelalter, über deutſche und neuere Geſchichte ihrer Mehrzahl nach der juriſtiſchen Fakultät an; daneben finden ſich auch Theologen, vereinzelt ſogar Medi⸗ ziner, Lehrer, Beamte, Offiziere in und außer Dienſt in die Liſten eingetragen.
Von hervorragenden Namen unter Wilkens Zuhörern iſt namentlich Fr. W. Barthold zu erwähnen, der gerade auf ſeine Veranlaſſung die Theologie mit der Geſchichte ver⸗ tauſchte; insbeſondere iſt ſein Buch über den Römerzug König Heinrichs VII. unter Anregungen Wilkens entſtanden ²). Dafür wie für viele andere Bemühungen Wilkens zu ſeinen Gunſten hat Barthold ihm ſtets die größte Dankbarkeit und Verehrung entgegengebracht.
Neben Barthold ſind weiter zu nennen die Hiſtoriker Heinrich Leo, Droyſen ³), Ratjen, Theodor Hirſch, A. Fr. Riedel, Max Duncker ¹), Richard Röpell, Felix Papencordt, Georg Waitz, Rudolf Köpke, Wilhelm Dönniges; die ſpäteren Miniſter Bornemann, Hein⸗ rich Graf v. Itzenplitz, Graf Adolf Heinrich von Arnim; die Juriſten Ph. E. Huſchke, Fr. Keller. Adolf Las⸗ peyres; die Philologen Ed. Bonnell, M. Pinder, H. Reinganum, K. E. Meinicke, der Archäolog Pa⸗ nofka; die Mathematiker J. Jacobi und Auguſt; die Litterarhiſtoriker K. A. Koberſtein, A. Wollheim, Adolf Laun; die Philoſophen R. Michelet, Schnaaſe, H. Ulrici; die Schriftſteller Wilhelm Häring(W. Alexis), Th. Mundt, O. Fr. Gruppe, J. G. Kühne, Hermann Marggraf; der Pädagog L. Wieſe; der Theolog Bleek; die Geographen Kiepert und Kutzen; die Orientaliſten Poley und F. Wüſtenfeld. Der letzte Schüler Wilkens und zwar in den hiſtoriſch⸗kritiſchen Ubungen des Winters 1838/39 iſt der im Jahr 1894 verſtorbene be⸗ rühmte Nationalökonom Wilhelm Roſcher geweſen. Nach
¹) S. Köpke a. a. O. S. 131. ²) S. Wegele über Barthold in der ADBiogr. ) S. Duncker, J. G. Droyſen, 1885, S. 4. 4) S. Brode, Max Duncker, S. 7. 9.
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