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2 (1895) Jahresbericht über das Schuljahr 1894/95
Entstehung
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Die wiſſenſchaftlichen Kreiſe ſpannen ſich meiſt in Reglement für die Benutzung der Bibliothek in einzelnen ihre beſonderen Fachintereſſen ein, ohne in der Berührung V

mit breiteren Schichten des Publikums, mitteilend und empfangend zugleich, ihren Sinn für die Allgemeinheit zu ſtärken und zu entwickeln. Man hat vielleicht nicht mit Unrecht geſagt, daß erſt mit Alexander von Humboldts dauerndem Aufenthalt in Berlin, alſo ſeit 1827, namentlich mit ſeinen berühmten Vorleſungen in der Singakademie im Jahre 1828 das geiſtige Leben Berlins einen höheren Aufſchwung zu nehmen begann.

An der neuen Univerſität waren die meiſten Wiſſen⸗ ſchaften bei Wilkens Eintritt ſchon rühmlich vertreten, ſo die Philologie durch Fr. A. Wolff, Boeckh und Bekker, Buttmann gehörte nur der Akademie an, die Germa⸗ niſtik durch von der Hagen, die Philoſophie durch S olger, die Geſchichte durch Rühs, während die Theologie in Schleiermacher und de Wette, Neander und Mar⸗ heineke, die Rechtswiſſenſchaft in Savigny, die Medizin und die Naturwiſſenſchaften in Hufeland und Gräfe, Bode und Ermann, Weiß und Link Vertreter von wohlbegründetem Rufe beſaßen. Während ſeiner 23jährigen Zugehörigkeit zu den gelehrten Körperſchaften der Haupt⸗ ſtadt ſah Wilken nun noch gar viele kommen und bleiben oder gehen, zum Teil dahin, von wannen kein Wiederkommen iſt, wie beſonders Hegel und Gans, Lachmann und Klenze, Jakob Grimm, Bopp und Ideler, Ranke, Raumer und Ritter und noch manche andere. Mit allen dieſen und vielen anderen geiſtigen Größen der Hauptſtadt und der Monarchie und über deren Grenzen hinaus trat nun Wilken, wie meiſt ſchon die in ſeinem Nachlaſſe ſich findenden Briefe erkennen laſſen, in mehr oder weniger nahe Beziehungen durch ſeine Stellung als Leiter einer Anſtalt, die wie keine andere allen geiſtigen Intereſſen im Lande leider immer noch nicht im Reiche! die wichtigſte Förderung und Unterſtützung zu leihen berufen iſt.

Dieſe Stellung als Leiter der Königlichen Bibliothek nahm ihn zunächſt ſehr in Anſpruch. Nachdem er, am 10. April 1817 unter Mitteilung des Breslauer Reglements mit der Anfertigung einer Inſtruktion für den Oberbiblio⸗ thekar beauftragt, ſeinen Entwurf am 23. April eingereicht hatte, der denn auch die Genehmigung des Miniſteriums erhielt, wurde Wilken am 12. Mai durch den Staatsrat von Uhden, der von 1813 ab mit der Oberaufſicht über die Anſtalt betraut geweſen war, in ſein Amt eingeführt und auf die Inſtruktion verpflichtet. Noch im ſelben Jahre ward das

gabe gelangenden zweiten Band des Buches von L. Geiger, Berlin

von 1688 1840, den ich indes leider nicht mehr habe benutzen können.

über Wilken ſ. daſ. S. 596.

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Punkten abgeändert, ebenſo in den beiden folgenden Jahren; im Sommer 1818 wurde eine neue Anordnung der Bücher begonnen, 1819 ein Leſezimmer eingerichtet. Eine neue Katalogiſierung zeigte ſich auch bald als notwendig, die ebenſo wie die Umſtellung mit Energie und unter Heran⸗ ziehung einer Anzahl jüngerer Gelehrten und Studierender begonnen ward ¹).

Bei dieſen anſtrengenden Arbeiten fand Wilken ſeitens der drei Bibliothekare keine beſondere Unterſtützung; der treff⸗ liche und kenntnisreiche Buttmann verwirrte bei allem guten Willen mehr als er ordnete; Spiker, der mehrere Zeit⸗ ſchriften, ſpäter auch, durch Erbſchaft reich geworden, die von ihm angekaufte Haude⸗ und Spenerſche Zeitung re⸗ digierte, auch als Schriftſteller, beſonders als Überſetzer auftrat), zeigte für eigentliche Berufsarbeit keinen glühenden Eifer, und der ſüdländiſche Chevalier Liäno hatte von Ordnung und Arbeit vollends keinen Begriff.

Von den anderen Gehülfen Wilkens, die teils aus Neigung, teils in amtlicher Stellung auf ſeinen Vorſchlag an der Bibliothek beſchäftigt wurden ³), nenne ich noch den ſpäteren Profeſſor am Johanneum in Hamburg Ulrich, den Juriſten Klenze, der auch viel in Wilkens Hauſe verkehrte und ſpäter ſein Kollege an der Univerſität wurde; in der Folge waren an der Bibliothek noch angeſtellt Wilhelm Dindorf, Max Duncker¹), Valentin Schmidt, Heinrich Stieglitz und ganz beſonders auch Heinrich Leo; dieſer begabte, aber unruhige und ſeiner Leidenſchaft zu ſehr nach⸗ gebende, dabei aber doch grundgutmütige), lebensfrohe junge

¹) S. K. A. Böttiger in Eberts überlieferungen zur Ge⸗ ſchichte, Litteratur und Kunſt der Vor⸗ und Mitwelt, Bd. II. Stück 1, S. 33 46, wo es in den Erinnerungen an Wilkens Vorgänger J. E. Bieſter bei Beſprechung des früheren kläglichen Zuſtandes der Bibliothek S. 46 heißt:Wilken brachte es durch Anſtellung von 50(2) auserleſenen dazu tüchtigen Studierenden, die eine Gratifikation erhielten, in einem Jahre dahin, daß außer dem alphabetiſchen Katalog auch ein Real⸗ katalogus fertig wurde, den ſoviel andere Bibliotheken noch ent⸗ behren. Die raſche und geſchickte Ausführung dieſer Arbeit wurde denn auch am 9. Dez. 1819 von Altenſtein, der inzwiſchen, Ende 1817, an die Spitze des ſelbſtſtändig gewordenen Miniſteriums für die geiſtlichen, Unterrichts⸗ und Medizinal⸗Angelegenheiten getreten war, unter Bewilligung einer Gratifikation von 200 Thlrn. lobend an⸗ erkannt. S. 44 a. a. O. erzählt Böttiger weiter:Es war im Vor⸗ ſchlag, die famöſe Inſchrift der Bibliotheknutrimentum spiritus mit einer neuen angemeſſenen zu vertauſchen. Allein der jetzige Ober⸗ bibliothekar proteſtierte dagegen, weil ſo etwas für alle Zeiten ſtereo⸗ typirt bleiben müſſe.

²) S. Gelehrtes Berlin i. J. 1845, S. 332 f.

³) S. Wilken, Geſch. d. Kgl. Bibl. in Berlin, S. 182, und Bericht vor dem Verzeichnis der Neuanſchaffungen 1837 u. 38. S. XXf.

) S. Brode, Max Duncker, ein Gedenkblatt, S. 10.

) S

S. Julian Schmidt, Preuß. Jahrb. 1878 I. S. 550 f.