Druckschrift 
2 (1895) Jahresbericht über das Schuljahr 1894/95
Entstehung
Einzelbild herunterladen

41

zur Königlichen Bibliothek, was die Annehmlichkeit der

Dienſtwohnung nicht gerade erhöhte, und enthielt im zweiten Stock ſpäter namentlich das Leſezimmer; Wilkens Hauptwohn⸗ räume lagen im erſten Stock; doch waren ihm auch noch zwei Zimmer im zweiten Stock, von denen eins ſein Arbeits⸗ zimmer bildete, und einige Entreſolräume des anſtoßenden, von Schuckmann bewohnten Gebäudes überwieſen, das indeſſen ſpäter umgebaut und zu dem Palais des Prinzen Wilhelm, nachmaligen Kaiſers, gezogen ward. Zu Wilkens Amts⸗ wohnung gehörte auch ein kleiner, nur allzuſehr beſchatteter Garten, der an das damals von Tauentzien bewohnte Haus unter den Linden ſtieß und ſpäter, als der Prinz Wilhelm jenes Haus einreißen und an deſſen Stelle das obenerwähnte beſcheidene, aber doch weltberühmt gewordene Palais bauen ließ, mit zu demſelben geſchlagen ward; dafür zahlte der Prinz übrigens an Wilken eine Entſchädigung von einigen hundert Thalern ¹). Im Erdgeſchoß und in einigen Zimmern des zweiten Stockes wohnte der oben erwähnte ehemalige Bibliothekar Henry, ein ſchon alter Mann, der aber außer ſeiner Stellung am Münz⸗ und Antikenkabinet auch noch ein Predigtamt an der franzöſiſchen Kolonie verſah. Deſſen ebenfalls ſchon be⸗ jahrte Frau, eine Tochter des Kupferſtechers Chodowiecky, ſelbſt eine talentvolle Malerin ²), nahm die kunſtverwandte Karoline freundlich auf und ſchloß ſie bald ſehr ins Herz, er⸗ ſetzte auch durch Güte und Freundlichkeit, was ihr Mann, der ſich gegen Wilken zurückgeſetzt fühlte, an Entgegenkommen etwa vermiſſen ließ, und weilte faſt allabendlich im Wilken⸗

ſchen Familienkreiſe, bis ihr Mann ſeine Studien jedesmal

beendet hatte und ſie rufen ließ ³).

Nach dem Tode Henrys, etwa im Jahr 1830, wurden Wilken, der inzwiſchen wegen einer Erweiterung des Leſezimmers ſeine beiden Zimmer im zweiten Stock verloren hatte, die von jenem bewohnt geweſenen Räume zu ebener Erde und im zweiten Stocke auch noch zur Benutzung überwieſen.

Am 9. April 1817 wurde Wilken in den Senat ein⸗

geführt, und am 26. April konnte er dem nicht öffentlichen

Akte der feierlichen übergabe des neuen Statuts vom 31.

Oktober 1816) anwohnen, das anſtatt des Reglements vom 10. November 1810 von Michaelis 1817 ab gelten ſollte und am 29. April in einer Verſammlung der Lehrer verleſen

¹) S. über die ganze Ortlichkeit auch Parthey, Jugenderinne⸗ rungen II. 235.

²) Ein Bild von Karoline und Sophie Wilken hat ſie ange⸗ fangen, aber leider nicht vollendet.

³) Eine Tochter dieſes Paares war an den bei der Neu⸗ chateler Verwaltung beſchäftigten Hofrat Dubois verheiratet und iſt

ward. Jener Akt ward als die eigentliche Einweihung der neuen Univerſität betrachtet. An demſelben nahmen die Miniſter mit ihren Räten, die Dozenten, Beamten und Studierenden teil ¹).

Berlin war damals, im zweiten und dritten Jahrzehnt unſeres Jahrhunderts, noch keine wahre und eigentliche Groß⸗ ſtadt; es fand ſich noch wenig Reichtum und wenig Luxus dort; die großen Kunſtſammlungen und ihre heutigen glänzen⸗ den Heimſtätten beſtanden noch nicht; wie das geſellſchaft⸗ liche Leben nur von kleinen Intereſſen bewegt und erfüllt

war, ſo war auch das geiſtige noch wenig entwickelt.

Wohl begegneten die darſtellenden Künſte, beſonders die dramatiſche, die indeſſen bloß von den zwei königlichen Bühnen und ſeit der Mitte der zwanziger Jahre noch von dem Königſtädtiſchen Theater vertreten war, einem regeren Intereſſe; wohl fand auch gute Muſik in beſonderen Inſtituten, neben der Königlichen Oper, wo der vielfach angefochtene Spontini den Taktſtock ſchwang, an der von Zelter geleiteten Singakademie, und in Privatkreiſen, wie in dem Beerſchen und dem Mendelsſohnſchen Hauſe, ver⸗ ſtändnisvolle Pflege; auch litterariſche Cirkel hatten ſich wohl um Arnim und Chamiſſo, Streckfuß und Stägemann, Willibald Alexis und Varnhagen ge⸗ ſchloſſen, Vereinigungen, in denen meiſt mehr oder weniger die Romantik fortlebte, und die gelehrte Welt hatte ihre Mittel⸗ punkte in der Akademie und der Univerſität: aber ein reger Ver⸗ kehr und Ideenaustauſch fand unter allen dieſen Kreiſen und zwiſchen ihnen und einem größeren Publikum nicht ſtatt, eine gemeinſame Atmoſphäre allgemeiner Bildung, wie ſie die deutſchen Künſtler und Gelehrten, wenn ſie nach Paris kamen, einen Humboldt, Raumer, Hegel, Holtei u. A., in der franzö⸗ ſiſchen Hauptſtadt ſo wohlthuend umfing, war in Berlin da⸗ mals noch nicht vorhanden. Dem Verlangen nach allgemeiner Bildung und der Befriedigung des geringen politiſchen In⸗ tereſſes, das faſt nur die herrſchenden Kreiſe und die höhere Beamtenwelt erfüllte, zu dienen waren gegenüber den nahezu 1200 Berliner Blättern der Jetztzeit damals bloß zwei Zeitungen, die Voſſiſche und die Spenerſche, bemüht, und

dem Unterhaltungsbedürfniſſe der Berliner und der Pro⸗

die Mutter des Phyſiologen Emil und des Mathematikers Paul Du Bois⸗Reymond; ein Sohn, gleichfalls Prediger der franzöſiſchen Ge⸗

meinde, hat ſich durch eine Biographie Calvins bekannt gemacht. ) Koch, Die preuß. Univerſitäten I. S. 41.

vinzial⸗Leſewelt boten ihre Hof⸗ und Theaternachrichten will⸗ kommenen, aber auch ausreichenden Stoff. Wer die Mühe nicht ſcheut, durch die Varnhagenſchen Bücher, ſeine eigenen wie die aus ſeinem Nachlaſſe zuſammengeſtellten, ſich hindurchzu⸗ leſen, der kann da mit Fleiß gebucht ſehen, wie Berlin weinte und lachte, wie es lobte und tadelte, beſonders auch ſchalt und ſchimpfte, wird aber wohl daran thun, wenn er vieles nur mit Vorſicht aufnimmt ²).

11 S. Köpke, a. a. O. S. 128.

²) Strenge urteilt über Varnhagen Haym in den Preuß.

Jahrb. XI.(1863) S. 445 515. Vergl. auch den eben zur Aus⸗ 6