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2 (1895) Jahresbericht über das Schuljahr 1894/95
Entstehung
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den Kieler Blättern, ſoviel mir bekannt, noch nichts ge⸗ ſchrieben hat; aber nach ſehr gewichtigen Urtheilen ¹) iſt er ein Mann von vielen Talenten.

Wenn einer der drei letzten berufen werden ſollte, ſo müſſe die Direktion der Bibliothek von der hiſtoriſchen Profeſſur getrennt werden; in dieſem Falle ſchlage er für das erſte Amt Hegel vor, rate jedoch, Creuzer die Aufſicht über die zurückgebrachten lateiniſchen und griechiſchen Handſchriften anzuvertrauen, da ſich dieſer andernfalls ſicherlich ſehr gekränkt fühlen werde ²).

Durch den Abgang des vielſeitigen Mannes war auch noch ein drittes Fach verwaiſt; für die Profeſſur der alt⸗ teſtamentlichen Exegeſe und der morgenländiſchen Litteratur ſchlug Wilken daher endlich den Dr. J. F. Winzer) vor. Doch wurde für dieſes Fach kein beſonderer Dozent berufen; vielmehr teilten ſich Paulus und Lauter in die be⸗ treffenden Vorleſungen.

Eichrodt hatte früher ſchon mit dem Hiſtoriker Hüll⸗ mann unterhandelt; dieſer ſagte aber im letzten Augen⸗ blicke ab und ging nach Bonn; auf Raumer reflektierte er nicht, weil dieſer gerade in Italien war und die Unterhand⸗ lungen mit ihm ſich aus dieſem Grunde zu ſehr in die Länge gezogen hätten. Auch mit Luden zerſchlugen ſich die Verhandlungen, und ſo griff man auf Schloſſer, der auch bekanntlich den Ruf annahm und bis zu ſeinem Tode im Jahre 1861 mit wachſendem Ruhme die geſchichtliche Profeſſur in Heidelberg bekleidete, wenn er auch nach dem Jahr 1852 nicht mehr geleſen hat. Er übernahm auch zunächſt die Bibliothek, gab ſie aber 1825 wieder auf).

¹) Es wird wohl dasjenige ſeines Freundes Thi baut ſein,

der in den Heidelberger Jahrb. 1815 S. 1009 die Kieler Blätter mit

höchſter Anerkennung beſpricht. S. über die allerdings klaſſiſchen Auf⸗ ſätze Dahlmanns auch die Rede von L. Weiland, J. C. Dahl⸗ mann, 1885, S. 8 u. 9, und Spring er, Dahlmann, I. 86. Mit Wilken zugleich empfahl auch der eben von Kiel nach Heidelberg be⸗ rufene K. Th. Welcker ſeinen Frennd Dahlmann dem badiſchen Dezernenten zur Berufung. Der ſagte auch zu, wenn Luden ab⸗ lehne, mit Dahlmann verhandeln zu wollen, trat aber dann doch mit Schloſſer in Verbindung.- Übrigens wäre Dahlmann doch ſchwerlich gekommen, ſ. Springer I. 104, 5.

²) Über Creuzers Intereſſe für dieſe ſ. ſeine Selbſtbio⸗ graphie S. 100 f.

²) Über ihn ſ. Herzogs Real⸗Encyclopädie.

) Schloſſer ſtand mit Wilken durch die Heidelberger Jahr⸗ bücher in Verbindung, für die er einige Rezenſionen eingeſandt hatte, kam auch alle Jahre zweimal nach Heidelberg, wo auch Creuzer und Daub ihm nahe ſtanden; ſ. ſeine Selbſtbiogr. b. Vahlen II. 64. 69. 74. über ſeine Berufung und die erſte Zeit ſeines Heidelberger Lebens erzählt Schloſſer daſelbſt S. 75:Unvermuthet ward Wilken von Heidelberg weggerufen; Wilken ſelbſt, beſonders aber Creuzer und

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Ein Jahr nach Wilken ging auch Hegel nach Berlin; überhaupt wurde Heidelberg, wie Creuzer a. a. O. S. 94 ſchreibt,nachgerade als Pflanzſchule für Berlin betrachtet, und wir mußten treffliche Männer an dieſe neugeſtiftete Univerſität abgeben, Böckh, Wilken, Marheineke, Neander, de Wette und ſpäterauch Hegel.

Wohl waren alſo manche guten Freunde des Wilken⸗ ſchen Hauſes in den letzten Jahren von Heidelberg geſchieden, und die Zahl der ihm näher ſtehenden Familien war kleiner geworden; auch mochte es in der nach mehreren Lagern auseinandergehenden Heidelberger Geſellſchaft nicht an allerlei Kabalen und Klatſchereien fehlen ¹); aber die Trennung von der reizvollen Neckarſtadt und den befreundeten Fa⸗ milien, beſonders derjenigen Thibauts und Nägeles, bewegte das gegen Ende März 1817 ſcheidende Ehepaar doch auf das ſchmerzlichſte. Auf der Reiſe indeſſen, die ſie über Gelnhauſen, Fulda, Eiſenach, Weimar, wo auch Goethe ein kurzer Beſuch gemacht wurde*), und Leipzig führte, wo man einen Tag bei Karolinens Mutter und der Familie Kunze blieb, brach die gute Laune alsbald wieder durch, und wohlbehalten kam man am 2. April in Berlin an.

Schon in den nächſten Tagen konnte die Familie aus dem HotelZur Stadt Petersburg unter den Linden in Wilkens Amtswohnung überſiedeln, die in dem unmittelbar an die Bibliothek ſtoßenden, auch heute noch als Nr. 40 bezeichneten Hauſe der Behrenſtraße belegen und wenigſtens nach des Miniſters Schuckmann Ausdruckziemlich bequem war; dies Haus bildete damals den gewöhnlichen Eingang

Daub wünſchten mich an ſeine Stelle, und ich erhielt im Juni 1817 den Ruf, dem ich im September folgte. Wilken hatte mir manches vor⸗ ausgeſagt, was ich nachher völlig beſtätigt fand. Er hinterließ mir eine Bibliotheksdirektion mit 5000 Gulden Schulden und 1500 Gulden fixe Einnahme, ohne alles Perſonal als einen einzigen Sekretair, der nur zwei Stunden da ſein konnte und ſollte und während der Zeit bloß mit Ausgeben der Bücher zu thun hatte. Ich wollte anfangs ſelbſt arbeiten, als ich aber merkte, daß man das nachher als Pflicht fordern würde, hielt ich mich ſtreng an die Beſtimmung meiner Inſtruktion. Ich that indeſſen, ohne zu prahlen, ohne davon zu reden, im Stillen was ich konnte, ward aber dabei ſo chicanirt, daß ich die ganze läſtige Sache aufgab, was ich ſchon nach dem erſten Jahre hätte thun ſollen. Wilken war nicht beſſer geſtellt und hat der Anſtalt doch mehr Intereſſe, Zeit und Mühe gewidmet!

¹)Das elende Weſen kleiner Univerſitäten kannte ich aus Wilkens Berichten, Schloſſer a. a. O. S. 69.

²) Sulpiz Boiſſerée an Goethe, Heidelberg den 19. März 1817 a. a. O. II. 165:Ich kann Wilken nicht reiſen laſſen, ohne ihm ein Zeichen des Andenkens an Sie mitzugeben, es iſt zwar nur eine Kleinigkeit(es war eine Medaille); die mir gütigſt geliehenen Abhandlungen über das Handwerksweſen konnte ich wegen ihrer Dick⸗ leibigkeit Wilken nicht mitgeben, da er ſeinen Wagen ſchon ſo voll hat wie die Arche Noä.